Bayern-Gegner Donezk Jede Partie ein Auswärtsspiel

In der Champions League trifft Bayern auf Schachtjor Donezk. Der ukrainische Champion ist wegen des Kriegs 1200 Kilometer in den Westen nach Lwiw geflohen - und wird dort bei jedem Heimspiel angefeindet.

imago

Von , Moskau


Die Donbass-Arena von Donezk machte einst einen meisterlichen Eindruck. Die futuristische Schüssel aus Glas und Stahl schmiegt sich auf einen künstlich aufgeschütteten Hügel im Süden der ostukrainischen Millionenstadt. Wenn die Heimmannschaft hier vor dem Krieg internationale Spitzenteams empfing, schimmerte die Fassade in der Nacht in Champions-League-Blau.

Schachtjor hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten neun ukrainische Meisterschaften gewonnen und 2009 die Europa League. Dank ukrainischen Oligarchen-Geldes war das Team aufgestiegen zur besten osteuropäischen Mannschaft. Sie konnte sich messen mit den Top-Klubs aus dem Westen. Das Stadion musste den Vergleich mit den schönsten Arenen des Kontinents nicht scheuen.

Das war einmal. Wenn am Dienstag die Partien des Achtelfinales der Champions League angepfiffen werden, bleibt die Donbass-Arena leer. In der Glasfassade klafft nach einem Artillerie-Treffer ein riesiges Loch. Die Hausherren sind im Sommer vor dem Krieg im Osten der Ukraine geflohen. Seit Saisonbeginn trägt Schachtjor seine Heimspiele in Lwiw aus, die Geschäftsstelle wurde vorübergehend nach Kiew verlegt. Viele Spieler von Schachtjor würden den Klub am liebsten verlassen, doch bislang fand sich nur für den argentinischen Stürmer Facundo Ferreyra ein Abnehmer, er wurde nach Newcastle verliehen.

Der nächste Gegner ist nun der FC Bayern, das Spiel findet anderthalb Flugstunden westlich von Donezk in Lwiw statt. Bayern-Spieler Thomas Müller sprach vor der Partie am Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) von einem "komischen Gefühl". Die Situation sei "irgendwie surreal", sagte Müller: "Man weiß, dass dort dieser schreckliche Krieg ist, realisiert es aber nicht so, weil man so eine schlimme Situation Gott sei Dank nicht kennt."

"Schachtjor war eine politische Maschine"

Donezk an der Grenze zu Russland und Lwiw 1200 Kilometer entfernt im Westen repräsentieren auch die unterschiedlichen politischen Pole der Ukraine. Der Osten orientiert sich stärker an Russland, die Prägung durch die Sowjetunion ist präsenter.

Schachtjor war für die Region auch mehr als ein Fußballklub. Mit viel Geld und vielen Brasilianern hat der Oligarch Rinat Achmetow ein Spitzenteam geformt. "The Other Chelsea" war der Titel eines Dokumentarfilms über Schachtjor, in Anlehnung an den Londoner Top-Klub und seinen russischen Eigner, den Oligarchen Roman Abramowitsch.

Achmetow war lange nicht nur der reichste Mann der Ukraine, sondern auch einer der mächtigsten. Er war dabei, als die "Partei der Regionen" gegründet wurde, die Machtbasis des vor einem Jahr gestürzten Präsidenten Wiktor Janukowytsch. "Schachtjor war eine politische Maschine", so der ukrainische Sportjournalist Sergej Melnik. Der Klub sei eng mit der "Partei der Regionen" verbandelt gewesen. Janukowytsch nahm als Ehrenpräsident oft Platz auf der Tribüne.

Als Ende Februar bei einem Schachtjor-Spiel der Toten der Maidan-Revolution gedacht werden sollte, gellten Pfiffe durch das Rund. Die Donezk-Fans skandierten "Berkut, Berkut!". Das war der Name der Janukowytsch-treuen Polizei-Einheit.

Schmähgesänge über Putin

Lwiw dagegen ist eine der Hochburgen der Maidan-Bewegung, proeuropäisch und russlandkritisch. Die Stadt hat seit der Fußball-Europameisterschaft 2012 ein schmuckes kleines Stadion für rund 35.000 Zuschauer. Hier spielte bis vor Kurzem nur das Team von Karpaty Lwiw. Der Verein ist das Gegenteil des Oligarchen-Klubs Donezk: ein Underdog. Karpaty trägt zwar stolz einen Löwen im Wappen, spielt aber gegen den Abstieg. Der gesamte Kader ist zusammen genommen gerade einmal halb so viel wert wie Schachtjors brasilianischer Spielmacher Alex Texeira.

Als Schachtjor in Lwiw zum ersten Gruppenspiel den FC Porto empfing, schien das Experiment nahezu reibungslos zu glücken. In der Nordkurve saßen die Donezk-Fans mit ihren Fahnen. Sie wurden unterstützt von Tausenden Lwiw-Fans in Karpaty-Kluft. Die hatten ein Plakat mitgebracht. "Donezk - wir sind mit dir", stand darauf. Das war als Unterstützung für den heimatlosen Klub gemeint, aber auch für die Menschen im Kriegsgebiet.

Unter ukrainischen Fans ist die Solidarität groß. Die Ultra-Bewegung ist nationalistisch geprägt, auch im Osten des Landes. So stimmten Donezk-Fans im April in Schmähgesänge ein, in denen Russlands Präsident Putin als "Schwanzkopf" bezeichnet wird. Die Schachtjor-Führung erteilte einigen Anhängern daraufhin Stadionverbot.

Die Harmonie zwischen den Hausherren in Lwiw und ihrem Untermieter ist inzwischen allerdings brüchig geworden. Karpaty sucht bewusst die Nähe zu ukrainischen Nationalisten. Im Herbst stellte der Verein ein neues Trikot vor dem Denkmal von Stepan Bandera vor. Bandera ist ein Idol der ukrainischen Nationalbewegung, war aber auch ein Nazi-Kollaborateur.

Karpaty engagiert sich für die an der Front im Osten eingesetzten ukrainischen Soldaten. Im November - vor dem Spiel gegen Schachtjor - forderte der Klub den Untermieter aus Donezk auf, es ihm gleich zu tun. Die Spieler beider Mannschaften sollten beim Einlaufen T-Shirts mit der Aufschrift "Ehre sei der ukrainischen Armee" tragen.

Schachtjor lehnte ab - mit Verweis darauf, dass der Krieg im Osten auch Tausende Zivilisten das Leben gekostet habe. Klubchef Sergej Palkin sprach von einer "gezielten Provokation" des neuen Lokalrivalen, um Schachtjor in den Augen der Lwiwer Fans zu diskreditieren.

Der Konflikt wird auch bei Schachtjors Heimspielen deutlich. Beim Vorrundenspiel gegen den weißrussischen Meister Bate Baryssau hielten Karpaty-Fans ein Banner in die Kameras, auf dem stand: "Schachtjor, weg aus Lwiw!"



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
knok 16.02.2015
1. Wünsche Donezk viel Erfolg
sie hätten es verdient, in diesen Zeiten.
ponder 17.02.2015
2. Seltsam,
dass hier sich noch kein Beitrag gegen die allseits verschmähten Retortenclubs zu finden ist. Als solchen kann man nämlich Schachtjor durchaus sehen. Stattdessen Mitleid mit einem heimatlosen Verein? Gedanken mache ich mir darüber, dass sich hier im Sport die Übertragung des Konflikts im Land anbahnt. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit bis der Graben zwischen den Anhängern der Clubs aus dem Westen und Osten der Ukraine das Spiegelbild der politischen Lage ist.
stoffi 17.02.2015
3.
Beide Mannschaften werden das Feld wohl mit einem mulmigen Gefühl betreten. Da kann keine Begeisterung aufkommen. Ort und Zeitpunkt waren vorgegeben und darauf war kein Einfluss zu nehmen. Nun heisst es nur noch, heute das beste aus der Situation zu machen.
foolbar 17.02.2015
4.
Steht doch im Artikel, dass sich die Fanlager in der Ukraine schon gespalten haben sollen. Anfangs wurden die Mannschaft aus Donezk noch unterstützt von den einheimischen Fans. Aber inzwischen hat sich dort die politische Lage auch auf den Sport/Fußball umgesetzt. Ich hätte als Spieler denn auch keine große Freude daran, dort auflaufen zu müssen, wenn ich weiß, dass 1 1/2 Flugstunden weiter der Bürgerkrieg herrscht. Werde ja selbst als Zuschauer am heimischen TV auf der kuscheligen Couch wohl nicht umher kommen, mich auch zwischendurch immer wieder mal an die Situation für die dortigen Menschen zu erinnern.
axelmueller1976 17.02.2015
5. Hallo Nr.1 Wissen Sie wem dieser Verein gehört ?
Zitat von knoksie hätten es verdient, in diesen Zeiten.
Der Eigentümer gehört zu Putins Freunden.
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