Marcus Krämer

Champions League der Frauen So geht Fußball, der begeistert

Marcus Krämer
Eine Lobeshymne von Marcus Krämer
Eine Lobeshymne von Marcus Krämer
Mit seiner Wichtigtuerei und den moralischen Konflikten nervt der moderne Fußball der Männer. Die Champions League der Frauen dagegen – mit Zuschauerrekord und ohne Happy End – hat meinen Glauben ans Spiel zurückgebracht.
Bayerns Giulia Gwinn (l.) im Zweikampf mit Kadidiatou Diani

Bayerns Giulia Gwinn (l.) im Zweikampf mit Kadidiatou Diani

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CHRISTOF STACHE / AFP

Es läuft die 20. Spielminute. Sydney Lohmann, 21 Jahre alt, im zentralen Mittelfeld eines der größten Talente in Deutschland, wird bei einem Konterversuch gefoult. Lohmann, im Oktober an der Hüfte operiert und erst seit drei Spielen wieder für den FC Bayern im Teileinsatz, fällt auf ebendiese Hüfte. Sie wird mit Schmerzen vom Feld geführt, kommt aber kurz danach zurück und haut im Anschluss 100 weitere Minuten aus ihrem geschundenen Körper.

Es war wie das Alarmsignal für einen denkwürdigen Champions-League-Abend, der mich so begeistert hat, wie schon lange kein Fußballspiel mehr. Und damit meine ich: sehr lange.

Sydney Lohmann treibt den Ball im Prinzenpark nach vorne

Sydney Lohmann treibt den Ball im Prinzenpark nach vorne

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SARAH MEYSSONNIER / REUTERS

Die Frauen des FC Bayern waren mit zehn Feldspielerinnen nach Paris in den Prinzenpark gereist. Corona hatte den Kader arg ausgedünnt, auf der Ersatzbank saßen zwei Torhüterinnen sowie mit Julia Landensberger, 18, und Laura Gloning, 16, zwei Nachwuchskräfte nahezu ohne Bundesliga-Erfahrung. Das Viertelfinal-Hinspiel hatten die Münchnerinnen 1:2 verloren, die personelle Ausgangslage hatte die Favoritinnenrolle noch klarer Richtung PSG kippen lassen.

Nun könnte man natürlich sagen, solche Underdog-Märchen gibt es im Fußball jede Woche. Ein unterlegenes Team – im Fall der Bayern ging es an diesem Abend vor allem um eine körperliche Unterlegenheit, spielerisch bewegen sich die beiden Mannschaften auf ähnlichem Niveau – stellt mit Leidenschaft und Zusammengehörigkeitsgefühl einen Gleichstand her. Das hatte auch mit der Überheblichkeit der Gegnerinnen zu tun.

Doch dieser Abend war speziell. Aus so vielen verschiedenen Perspektiven. Nicht zu unterschätzen ist dabei der Ausgangspunkt, mein Ausgangspunkt: Ich spüre zusehends eine Entfremdung vom modernen Fußball mit all seiner Überhöhung, seinen moralischen Konflikten, seiner Wichtigtuerei. 99 Prozent dieser Aspekte sind im von Männern gespielten Fußball zu finden.

Wer das Spiel in Paris nicht verfolgt haben sollte, sei kurz die Dramaturgie geschildert. Die Münchnerinnen begannen gut, mussten dann aber das 0:1 hinnehmen (17. Minute). Prompt fiel der Ausgleich (19.), PSG wirkte beeindruckt und nach dem Treffer von Lea Schüller (54.) ging es in die Verlängerung. Lohmann, Schüller oder Lineth Beerensteyn schleppten sich nur noch über den Platz, das rekonvaleszente Trio hätte unter normalen Bedingungen gar nicht oder nur ein paar Minuten gespielt. Für Paris erzielte Ramona Bachmann den entscheidenden 2:2-Ausgleichstreffer (112.).

Das fehlende Happy End machte diesen Fußballabend noch schöner. Wer braucht schon Heldinnen? Dieses Leiden, dieses Mitfiebern, diese Enttäuschung – das war wieder der Fußball, den ich liebe.

Beste Champions-League-Stimmung in Paris

Beste Champions-League-Stimmung in Paris

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IMAGO/Merk / IMAGO/Michaela Merk

Es waren aber nicht nur die sportlichen Dinge, die mich zufrieden lächelnd einschlafen ließen. Es gab ruppige Zweikämpfe, ohne Übertreibungen, ohne Schauspielerei. Schiedsrichterin Esther Staubli verfolgte eine großzügige, aber nachvollziehbare Linie. Die wenigen umstrittenen Szenen (Schüller berührte bei ihrem Tor den Ball mit dem Oberarm) wurden kurz von Video-Assistentin Fedayi Sen überprüft, ohne Verzögerung, mit sehr hoher Eingriffsschwelle. Welch eine Wohltat.

Ein angemessener Rahmen

Vor allem aber war die Szenerie in Paris eingebettet in einen geschichtsträchtigen Tag, der mit 91.553 Zuschauerinnen und Zuschauern  beim ersten Viertelfinale in Barcelona begonnen hatte.

Dem Weltrekord beim Clásico folgte eine Kulisse mit 27.262 Fans im Prinzenpark, viele von ihnen PSG-Ultras, die 120 Minuten durchsangen und einen angemessenen Rahmen schafften.

Die entscheidende Torschützin Ramona Bachmann von PSG

Die entscheidende Torschützin Ramona Bachmann von PSG

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SARAH MEYSSONNIER / REUTERS

In Deutschland ringt der von Frauen gespielte Fußball seit Jahren um diesen Rahmen. In der Bundesliga spielen die Münchnerinnen, gemeinsam mit Wolfsburg die Anführerinnen der Liga, regelmäßig von weniger als tausend Fans. Das Nationalteam kämpft mit sportlichen Rückschlägen, Anstoßzeiten um 16 Uhr und fehlender Akzeptanz beim DFB.

Es ist gerade mal elf Jahre her, als die Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland die Lokomotive für den Fußball sein sollte. Ausverkaufte Stadien, Spielerinnen mit Starpotenzial, eine über Jahrzehnte erfolgreiche Mannschaft. Doch der DFB fiel, wie auch viele Bundesliga-Vereine, die damals noch führend in Europa waren, in einen erstickenden Schlaf. England, Spanien, Frankreich – sie alle sind vorbeigezogen.

Wenn es der FC Bayern nun klug anstellt, war das gestern ein neuer Anfang, um diesem wunderbaren Sport endlich die gebührende Anerkennung zu verschaffen.