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Schalkes 4:3 gegen Lissabon Di Matteo lernt den Wahnsinn kennen

Es war ein wildes, ein verrücktes Fußballspiel - also eigentlich ganz normal für den FC Schalke. Der neue Trainer Roberto Di Matteo musste beim 4:3 gegen Lissabon erstmals mitansehen, wozu sein Team in der Lage ist. Im Guten wie im Schlechten.

Roberto Di Matteo hat sich in seinen ersten Tagen als Trainer von Schalke 04 als Liebhaber von Strukturen, von Planmäßigkeit und einer klaren Systematik profiliert, kein Wunder, dass dieser Mann einen schlimmen Abend hinter sich hatte. "Ich glaube, unsere Fans und die Zuschauer hatten heute mehr Spaß als ich", sagte der Italiener nach dem 4:3-Erfolg seines Teams gegen Sporting Lissabon. "Als Trainer ist so ein Spiel aber zum Wahnsinnigwerden."

Drei Gegentore in einem Champions-League-Heimspiel sind für diesen Verfechter des gepflegten Defensivfußballs schon für sich genommen eine mittlere Katastrophe. Dass zwei dieser Treffer auch noch fielen, obwohl die Schalker einen Spieler mehr auf dem Platz und eine komfortable 3:1-Führung im Rücken hatten, empfand er offenbar als grausame Qual. "Der Ärger, dass uns das passiert ist, ist im Moment größer bei mir als die Freude über den Sieg", sagte auch der wie immer ehrgeizige Klaas-Jan Huntelaar. Allerdings hatte der Holländer ganz am Ende, als das Spiel völlig aus den Fugen geraten war, ebenfalls seinen Teil zu den Leiden seines Trainers beigetragen.

Als wollten sie diese Nacht des Schalker Irrsinns mit einer letzten närrischen Pointe krönen, stritten Huntelaar und Maxim-Eric Choupo-Moting in der Nachspielzeit darüber, wer den Handelfmeter ausführen dürfe, den der FC Schalke von den Schiedsrichtern geschenkt bekommen hatte. "Ich wollte schießen, dann kam Eric und hat gesagt: 'Ich will meine Fehler ausbügeln'", erzählte Huntelaar. "Ich habe gesagt: 'Nein, nein ich schieße.' Dann hat er gesagt: 'Bitte, lass mich', und ich meinte: 'Okay, schieß ihn rein.'"

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Foto: Martin Rose/ Bongarts/Getty Images

Horst Heldt, der diese Diskussion beobachtet hatte, traute sich gar nicht mehr hinzuschauen, "wenn sich zwei streiten, geht der Ball normalerweise nicht rein", sagte der Manager. Choupo-Moting traf, aber Di Matteo war wütend über diesen Kindergartenstreit. Der neue Chef von der Außenlinie mochte nicht sagen, wer nun der von ihm bestimmte Schütze gewesen sei, als ein Reporter zum dritten Mal nachbohrte, stand er einfach auf und beendete die Pressekonferenz. Mit voller Wucht hat der 44-Jährige den Wahnsinn kennengelernt, zu dem sein neues Team in der Lage ist.

Immerhin hatte Di Matteo auch ein paar erfreuliche Dinge gesehen, "teilweise haben wir das Spiel gut kontrolliert", sagte er, im Gegensatz zur Abwehrarbeit wirkten viele Angriffsaktionen durchdacht und strukturiert. Außerdem hat er einen Fußballer ins Rampenlicht gestellt, der auf Schalke zuletzt überhaupt keine Rolle mehr spielte: Chinedu Obasi köpfte unmittelbar nach der Gelb-Roten Karte für Sportings Innenverteidiger Mauricio das 1:1 (33. Minute), bereitete Huntelaars 2:1 vor (51.) und war nicht nur wegen dieser Szenen präsenter als der Weltmeister Julian Draxler auf dem anderen Flügel.

Doch nachdem Benedikt Höwedes per Kopf auf 3:1 erhöht hatte (60.) begann die Phase der rätselhaften Selbstdestruktion. "Es hat mit Nachlässigkeit angefangen und mit Verunsicherung aufgehört", sagte Heldt, nachdem die Schalker ohne erkennbaren Grund in sich zusammengefallen waren. "Ich habe immer gesagt, wir brauchen Zeit, Dinge zu verbessern, die Mentalität auch", sagte Di Matteo. Das wird eine große Herausforderung.

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"Das hat nicht so gut geklappt auf dem Platz"

Ein Aspekt dieser Mentalität ist nämlich die fatale Neigung, im falschen Moment das Tempo zu reduzieren und nicht mehr mit voller Energie und Konzentration zu spielen. Das hat auch schon andere Trainer zur Verzweiflung gebracht. Aber trotz Überzahlspiels eine 3:1-Führung aus der Hand zu geben, haben diese seltsamen Spieler auch Di Matteos Vorgängern Huub Stevens und Jens Keller nicht zugemutet. Niemand war später in der Lage zu erklären, wie es dazu kommen konnte. "Wir müssten einfach jeder einen Mann nehmen, und dann haben wir noch einen mehr", rechnete Huntelaar vor, "aber das hat nicht so gut geklappt auf dem Platz."

Ein Elfmetertor (64.) und ein Kopfballtreffer jeweils von Adrien Silva (78.) versetzten die Schalker in einen Zustand akuter Angst. "Wenn man einen Gegner so zurückkommen lässt, gewinnt man so ein Spiel normalerweise nicht mehr, weil man dann gegen sich selbst spielt", sagte Huntelaar. Zum Glück setzte der Kontinentalverband vor ein paar Jahren eine "Superidee von Herrn Platini" um, sagte Heldt voller Ironie. Der Uefa-Präsident ließ statt einer Torlinientechnik in europäischen Wettbewerben den Torrichter einführen, das hat den Schalkern an diesem Abend den Sieg beschert.

Dieser Zusatzschiedsrichter war es nämlich, der eine Flanke ins Gesicht des Doppeltorschützen Silva in der Nachspielzeit für ein Handspiel hielt und den russischen Hauptschiedsrichter Sergej Karasew von dieser Sichtweise überzeugte. "Wenn ich hier als Betroffener stehen würde, würde ich jetzt die Fassung verlieren", meinte Heldt, so hat der Treffer den Schalkern den Abend gerettet. Und vielleicht sogar diese Champions-League-Saison, denn nach zunächst zwei sieglosen Partien und diesen 90 Chaosminuten gegen Lissabon sieht die Tabelle plötzlich ganz hervorragend aus.

FC Schalke 04 - Sporting Lissabon 4:3 (1:1)
0:1 Nani (16.)
1:1 Obasi (34.)
2:1 Huntelaar (51.)
3:1 Höwedes (60.)
3:2 Adrien Silva (64., Foulelfmeter)
3:3 Adrien Silva (78.)
4:3 Choupo-Moting (90.+3)
Schalke: Fährmann - Uchida, Ayhan, Höwedes, Aogo - Neustädter, Höger - Obasi (64. Meyer), Kevin-Prince Boateng (46. Choupo-Moting), Draxler (82. Sam) - Huntelaar
Lissabon: Patricio - Cedric, Oliveira, Maurício, Jonathan Silva - Joao Mario (38. Sarr), William, Adrien Silva - Nani, Slimani (25. Montero), Carrillo (89. Capel)
Schiedsrichter: Karasew (Russland)
Zuschauer: 50.000
Gelbe Karten: Cedric, Nani
Gelb-Rote Karte: Maurício (33.)