Jan Göbel

TV-Übertragung der Champions League Eine Nacht-und-Nebel-Aktion bei voller Lautstärke

Die Champions League geht los – und mal wieder wechselt der TV-Sender. Jetzt läuft die Königsklasse nur noch bei Streamingdiensten. Eine persönliche Zeitreise durch die Übertragung, die schon immer etwas kompliziert war.
Marcel Reif: Lange Zeit die Stimme der Champions League

Marcel Reif: Lange Zeit die Stimme der Champions League

Foto: Getty Images

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Die Augen waren noch winzig vom Schlaf, aber ich wusste auch blind, was zu tun ist: Fernseher anmachen, auf Programm sechs schalten, dort war Sat.1 und meiner Meinung nach der beste Sport-Teletext zu finden, nun also die Videotext-Taste auf der Fernbedienung wählen und dann 2, 1, 1.

Als ich noch jünger war und zur Grundschule ging, war um 20 Uhr Schlafenszeit, die Champions League begann aber erst um 20.45 Uhr. Wenn ich mal ein Spiel sah, dann in den Ferien. Ein Glück, dass Christi Himmelfahrt im Mai 2001 auf den Tag des Champions-League-Endspiels folgte, sonst hätte ich den legendären Ruf »Kaaaahn, die Bayern!« des TV-Kommentators Marcel Reif, lange Zeit die Stimme der Champions League, nie live gehört.

Oder ich sah die Champions League als kleiner Junge, wenn ich mir ganz sicher war, dass mich niemand hörte, da wurde der Fernseher schon mal heimlich eingeschaltet. Das legendäre 4:4 des HSV gegen Juventus verfolgte ich in so einer Nacht-und-Nebel-Aktion, mit Kopfhörern, Lautstärke 63, um die ganze Dramatik im Volkspark mitzubekommen, mehr gab das TV-Gerät nicht her. Als Niko Kovač kurz vor Schluss das 4:3 erzielte, riss ich meine Arme so hoch, dass es den Stecker der Kopfhörer aus dem Fernseher zog. Jetzt war nichts mehr mit Heimlichtuerei, jetzt war das ganze Haus wach.

Der Hamburger SV im Jahr 2000 in der Champions League – hier gegen Juventus-Star Zinédine Zidane

Der Hamburger SV im Jahr 2000 in der Champions League – hier gegen Juventus-Star Zinédine Zidane

Foto: Holde Schneider/ Bongarts/Getty Images

Aber das war die Ausnahme. Früher blieb mir meist dann doch nur der Blick in den Videotext am nächsten Morgen, Seite 211 direkt nach dem Aufwachen, hier fand man die Spielberichte, hier erfuhr ich dann auch, dass der HSV in jener Nacht doch noch das 4:4 kassiert hatte.

Die Champions League zu verfolgen – ganz einfach war das nie. Aber zumindest wusste man lange Jahre, dass sie im Fernsehen läuft und wo.

Als es später, zu meiner Studienzeit, auf Wohnungssuche ging, richtete sich der erste Blick nicht auf potenzielle Schimmel-Ecken im Badezimmer, die hätte man schon verschmerzen können. Entscheidend war ein entsprechender Fernsehanschluss, damit der Sat-Receiver des Champions-League-Senders Sky auch noch in der neuen Wohnung passte. Ein Kabelanschluss hätte nur einen Austausch des Receivers und unnötige Kosten verursacht.

In dieser Saison ist wieder etwas Anpassung nötig. Sky, der gefühlt ewige Partner der Champions League, hat die Königsklasse erstmals seit 2000 nicht mehr im Programm.

Abos sammeln wie Panini-Kleber

Dazn und Amazon heißen nun die TV-Partner. Der kostenpflichtige Streamingdienst Dazn hat ein Paket mit insgesamt 121 Livespielen erworben und darf außerdem Konferenzen zeigen. Amazon zeigt über sein Prime-Video-Angebot jeweils das Topspiel am Dienstag. Zum Start der Gruppenphase gibt es dort die Partie des FC Bayern München beim FC Barcelona zu sehen (21 Uhr, Liveticker DER SPIEGEL), und wirklich nur dort.

Die Champions League war im deutschen Fernsehen immer ein Wanderzirkus, sie wechselte die TV-Stationen wie Spieler die Vereine, sie war mal bei tm3, bei RTL, später auf Sat.1 und danach für sechs Jahre im ZDF zu sehen. Ab 2018 gab es sie nur noch im Pay-TV, jetzt brauchte man endgültig ein Abo, und auch die Anstoßzeit wurde damals auf 21 Uhr verändert.

Mit dieser Saison verlässt sie das klassische Fernsehen und wechselt hinüber ins Internet-TV, immerhin, so erübrigt sich die Frage, ob der TV-Anschluss der Wohnung zum Sky-Receiver passt.

Ralf Rangnick ist einer der TV-Experten bei Dazn

Ralf Rangnick ist einer der TV-Experten bei Dazn

Foto:

Frank Hoermann/SVEN SIMON / imago images/Sven Simon

Aber, und hier spricht der Fan, es ist schon etwas nervig geworden. Heute muss man TV-Abos sammeln wie einst Panini-Sticker, wenn man wirklich alles im Fußball sehen will. Für die komplette Champions League benötigen Sie zwei Abonnements: 14,99 Euro kostet der Streamingdienst Dazn monatlich, um die Königsklasse bei Amazon Prime Video zu sehen, müssen 7,99 Euro pro Monat gezahlt werden.

Bundesliga-Fußball und die »Beste zweite Liga aller Zeiten« laufen weiter bei Sky, die WM-Qualifikation der DFB-Auswahl zeigt RTL oder ist kostenpflichtig im Internet auf TVNow zu sehen, der Fußball der Frauen läuft beim Pay-Angebot der Telekom (MagentaTV), wo auch schon zum Teil die Europameisterschaft übertragen worden ist.

Es ist teuer geworden und unübersichtlich, wo läuft was, was ist das Topspiel, Amazon oder Dazn?

Bis zum Start der neuen Champions-League-Saison sind es nur noch wenige Stunden und, Stand jetzt, würde ich bei der TV-Übertragung in die Röhre gucken. Einen Prime-Account bei Amazon besitze ich nicht, und mit Dazn führe ich seither eine On-off-Beziehung, während der Sommermonate benötigte ich das Programm einfach nicht, aktuell leben wir in Trennung. Das allerdings ist ein positiver Aspekt: Langzeitverträge wie in früheren Sky-Zeiten gibt es nicht mehr. Wer sein Abo bei Dazn oder Amazon nicht mehr benötigt, kann es zum Monatsende auch wieder kündigen.

Wer geduldig ist, kann am Mittwoch ab 23 Uhr die Höhepunkte des Spieltags im ZDF sehen. Den Videotext gibt es übrigens noch immer, auf Seite 211 wird im Sat.1-Text weiter über Sport berichtet. Ein bisschen Konstanz gibt es in der Champions-League-Berichterstattung dann doch.

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