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Champions League Die verzweifelte Mission des FC Schalke

Die Vorzeichen sind eindeutig: Manchester United ist im Rückspiel im Champions-League-Halbfinale gegen Schalke turmhoher Favorit. Ein bisschen Hoffnung macht den Königsblauen wenigstens ein genesener Verteidiger - und United-Coach Alex Ferguson.

Normalerweise wettet Ralf Rangnick, der Trainer des FC Schalke 04, nie. Aus Prinzip. Vor dem Rückspiel des Champions-League-Halbfinals bei Manchester United (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist er allerdings versucht, eine Ausnahme zu machen. Auf wen er wetten würde, wollte ein Journalist bei der Pressekonferenz zum Spiel wissen. "Wenn ich wetten würde, würde ich natürlich auf Schalke setzen. Denn nur damit kann man richtig Geld verdienen", sagte Rangnick.

Schließlich ist Schalke im Hinspiel von Gegner United nach allen Regeln der Fußballkunst auseinandergenommen worden und somit am Mittwochabend krasser Außenseiter. Gut aus S04-Sicht beim Heimspiel allein: Das äußerst gnädige Endresultat (0:2) und der weiter gestiegene Markwert ihres an diesem Abend tausendarmigen Keepers Manuel Neuer. Ansonsten übergoss die nationale wie die internationale Presse die Rangnick-Elf mit Spott und Hohn - so dass deren Chef in das heutige Rückspiel wenigstens mit der Gewissheit geht: "Zu verlieren haben wir nun wirklich rein gar nichts mehr."

Aber auch Rangnick weiß natürlich: "Die Wahrscheinlichkeit weiterzukommen ist gering." Sogar extrem gering, denkt man an das rasend schnelle, extrem präzise Spiel, mit dem das Team von Alex Ferguson die Gelsenkirchener vor einer Woche über den Rasen hetzte. "Erbärmlich" nannte "The Independent" den Schalker Auftritt nachher, über eine "taktisch missgebildete Mannschaft" zog lästernd das spanische Blatt "El Mundo" her.

Höflicher Ferguson warnt vor Schalke

Eine Schmach für einen Taktik-Fetischisten wie Rangnick, für den Manager Horst Heldt nach der 5:2-Viertelfinal-Gala bei Inter Mailand schon überlegte, dass bei weiteren internationalen Feuerwerken Marke S04 künftig Barcelona, Real oder ManU beim Gelsenkirchener Trainer vorstellig werden könnten. So übermütig sind die Schalker jetzt nicht mehr - auch wenn sich die Erzählungen von ihrer sensationellen Sause bei Vorjahressieger Inter in England weiter halten. Und offiziell aus den Köpfen verbannt werden sie dort erst mit dem Schlusspfiff am Mittwochabend.

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Manchester vs. Schalke: Rangnick hofft, Ferguson schont

Foto: Robin Parker/ dpa

Zwar musste Uniteds Team-Manager Alex Ferguson bei der Fragerunde zur Schalke-Partie fast ausschließlich zum Topspiel in der Premier League zwischen seinen Spitzenreitern und Verfolger Chelsea am kommenden Sonntag Stellung nehmen, dennoch warnte der 69-Jährige sportpolitisch korrekt vor der Rangnick-Elf: "Das wird keine Formalie. Wir werden sehr hart arbeiten müssen, um weiterzukommen." Und Michael Carrick, Nebenmann des phänomenalen, ewig jungen Ryan Giggs (37) im defensiven Mittelfeld von Manchester, pflichtete seinem Coach bei: "Natürlich wird es für uns diesmal schwerer als im Hinspiel - und wir wissen, dass Schalke 5:2 in Mailand gewonnen hat."

Dabei geht es ihren Gästen in Manchester vor allem um die eigene Ehrenrettung. "Wir haben etwas gutzumachen", sagt Neuer, flankiert von Trainer Rangnick, der bei seinem allerersten Besuch im Old Trafford am Dienstag dozierte: "Wir wollen zeigen, dass wir besser spielen können als letzte Woche - und dass wir unsere Lehren daraus gezogen haben. Wir müssen, aus dem ersten Spiel lernend, etwas anderes versuchen."

Manchester mit stark veränderter Elf

Das etwas andere könnte eine vorsichtigere Mannschaftsaufstellung als im Hinspiel sein. Wobei sich auch Alex Ferguson nicht lumpen lässt und dem Kollegen aus Deutschland durch eine komplett umgekrempelte Aufstellung hilfreich zur Seite steht: "Wir müssen uns neu sortieren, es wird auf jeden Fall Veränderungen geben", sagte der Schotte, der den Schalkern in seiner Offensive diesmal wohl deren Hinspiel-Albträume Javier Hernández und Wayne Rooney ersparen wird.

Beim Revierclub dagegen könnte Benedikt Höwedes wieder ins Geschehen eingreifen. Seinen Innenverteidiger, wegen einer Bauchmuskelzerrung zuletzt drei Mal ausgefallen, vermisste Rangnick angesichts des wüsten Durcheinanders in der S04-Abwehr beim Hinspiel besonders.

"Er hat Hoffnung, dass er wieder spielen kann", sagt Manager Heldt - und der im ersten Duell von allen guten Verteidigern verlassene Manuel Neuer faltet dazu die Hände: "Er ist einer der wichtigsten Spieler in unserer Defensive. Ich wäre froh, wenn er dabei wäre." Schließlich will der 25-jährige Schlussmann "auf jeden Fall zu null spielen". Und mit diesem dringenden Wunsch, so Neuer, sei er "nicht der einzige in der Mannschaft". Rangnick seinerseits spekuliert darauf, "vielleicht" und irgendwie - United musste im gesamten Wettbewerb erst drei Gegentore hinnehmen - 1:0 in Führung zu gehen.

Wichtig sei nach dem schwarzen Abend aus der Vorwoche aber vor allem: "Wir wollen uns als würdige Vertreter der Bundesliga beweisen." Und womöglich haben die Schalker das allgemeine Durcheinander in ihren Reihen diesmal ja schon vor dem Anpfiff hinter sich gebracht. Weil die Pass-Unterlagen der Nicht-EU-Bürger im Team unvollständig waren, konnte die königsblaue Delegation am Dienstag erst mit einer 90-minütigen Verspätung in Düsseldorf starten. "Kein Problem", winkte Rangnick, normalerweise ausgesprochen pingelig in organisatorischen Dingen, nach der Ankunft im Manchester lässig ab. "Durch die Zeitverschiebung haben wir ja wieder eine Stunde gewonnen."