Liverpools Matchwinner Origi Die Rolle seines Lebens

Vor einem Jahr hat Divock Origi noch mit dem VfL Wolfsburg in der Relegation gespielt. Jetzt war er der Mann des Abends für den FC Liverpool gegen den FC Barcelona - und zeigte wieder sein besonderes Talent.

Jubel nach dem Geniestreich bei Divock Origi
PETER POWELL/EPA-EFE/REX

Jubel nach dem Geniestreich bei Divock Origi

Aus Liverpool berichtet


Wenn man die Größe erfassen will, die dieser Abend von Anfield hatte, wenn man begreifen will, wie erstaunlich das 4:0 des FC Liverpool gegen den FC Barcelona war, dann muss man sich nur die Tatsache vor Augen führen, dass der Mann des Spiels, der Mann, der Lionel Messi um die Chance auf seinen fünften Titel in der Champions League brachte, vor einem Jahr noch mit dem VfL Wolfsburg in der Bundesliga-Relegation gegen Holstein Kiel gespielt hat.

Eigentlich ist für Spieler wie Divock Origi in einem Halbfinale der Champions League keine Rolle vorgesehen. Schon gar kein Hauptrolle. Spieler wie der 24 Jahre alte Angreifer aus Belgien warten darauf, eingewechselt zu werden, wenn den Stars die Kraft ausgeht. Oder sie betreten die Bühne, wenn ein Tor erzwungen werden muss, irgendwie. Schlimmstenfalls kommen sie zum Einsatz, wenn einfach nur Zeit geschunden werden soll.

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Liverpools 4:0 gegen Barcelona: This is Anfield

Doch weil dem FC Liverpool gegen Barcelona zwei der laut Trainer Jürgen Klopp "besten Stürmer der Welt" verletzt fehlten, nämlich Mohamed Salah und Roberto Firmino, kam Origi von Beginn an zum Einsatz. Er, der in der vergangenen Saison nach Wolfsburg ausgeliehen war und in der Hierarchie von Liverpools Angreifern nur Platz fünf belegt.

Mit dem Schicksal im Bunde

Es war erst das sechste Mal in dieser Spielzeit in allen Wettbewerben, dass Origi in der Startelf stand. Unter anderem hatte er bislang gegen den FC Burnley, gegen Watford und im FA-Cup gegen die Wolverhampton Wanderers vom Anpfiff an mitgewirkt. Jetzt sollte er also helfen, ein 0:3 aus dem Hinspiel gegen den FC Barcelona umzubiegen.

Es war gut nachvollziehbar, dass Liverpools Fans und Trainer Klopp im Vorlauf auf die Partie ungewohnt pessimistisch wirkten. Doch Origi wurde zum Helden, zu einem Spieler, der für immer mit einer der größten Europapokal-Nächte überhaupt verbunden sein wird, weil er wieder einmal sein Talent für besondere Momente bewies.

Wenn er spielt, dann nimmt er oft entscheidend Einfluss. Im Dezember gelang ihm im Stadtderby gegen den FC Everton in der Nachspielzeit der 1:0-Siegtreffer. Es war ein kurioses Tor, das vor allem auf einen Fehler von Evertons Schlussmann Jordan Pickford zurückging. Doch es zeigte, dass Origi mit dem Schicksal im Bunde zu sein scheint. Am vergangenen Spieltag erzielte er in einer atemberaubenden Partie bei Newcastle United kurz vor Schluss das Tor zum 3:2-Erfolg, mit dem sich Liverpool zumindest die theoretische Chance erhielt, am Wochenende zum ersten Mal seit fast 30 Jahren wieder englischer Meister zu werden.

Im Rückspiel gegen Barcelona leitete er die wundersame Aufholjagd ein und vollendete sie: In der siebten Minute staubte er zum 1:0 ab und weckte damit die Hoffnung auf ein Weiterkommen im Stadion an der Anfield Road. In der 79. Minute traf er zum 4:0 und ließ sie Wirklichkeit werden.

"Ich wollte einfach das Spiel genießen"

Es waren zwei Tore aus kurzer Distanz, zwei Tore für einen Strafraum-Stürmer. Bei seinem ersten Treffer stahl er sich geschickt im Rücken von Sergi Roberto davon und stand dann einfach richtig, beim zweiten war er gedankenschnell nach der raffiniert verzögerten und dann überraschend geschlagenen Ecke von Trent Alexander-Arnold. Origi war effizient. Er tat, was er tun musste.

Erstaunlich war, wie zurückhaltend er seine Tore feierte, während um ihn herum das Stadion explodierte. Nach seinem ersten Treffer jubelte er gar nicht, nach seinem zweiten, dem entscheidenden, wusste er nicht so richtig, wohin er laufen sollte. Er drehten eine Schleife durch Barcelonas Strafraum, ehe seine Mitspieler vor der Kop-Tribüne über ihn herfielen. Origi scheint jemand zu sein, der ungern im Mittelpunkt steht.

Wenn man ihm zuhörte, als er nach der Partie über den größten Abend seiner Karriere sprach, mit dem wohl breitesten Grinsen von Anfield, dann konnte man den Eindruck gewinnen, als wäre das alles zufällig passiert. "Ich wollte einfach das Spiel genießen so gut wie möglich. Wenn ich das Spiel genieße, kommt alles automatisch", sagte er. Ihm ist klar, wie flüchtig das Leben als Fußballer sein kann: "Eine Karriere dauert keine 20 oder 30 Jahre. Man muss einfach das Beste daraus machen."

Nach seinen Toren gegen Barcelona könnte er seine Laufbahn eigentlich umgehend beenden. Er wüsste, er hätte das Beste daraus gemacht. Wobei: Er würde dann ja das Finale der Champions League verpassen, am 1. Juni in Madrid. Wenn sein Team ihn braucht, wird er da sein - der Mann für die besonderen Momente.



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wolfgang.heinz441 08.05.2019
1. Verdienter Sieg
Auf Grund katastrophaler Abwehrleistungen hat Liverpool verdient gewonnen. Allerdings hatte man Glück, wie Videobilder beweisen, dass Robertson nach klarer Tätlichkeit gegen Messi in der 1.Min. nicht vom Platz gestellt wurde. Wahrscheinlich hatte Videoschiedsrichter Felix Zwayer seinen Platz noch nicht eingenommen ??!!!
der_aufklaerer 08.05.2019
2. Jordi Alba war katastrophal
Wenn jemand gestern das Spiel für Barcelona verloren hat dann der katastrophale Jordi Alba mit zwei kapitalen Fehlern die direkt zu Liverpool Toren führten. Pique war ebenfalls unterirdisch. Wie auch der Rest der Barca Abwehr. Das 4.Tor für Liverpool nach dem Eckball war Slapstick.
Hörbört 08.05.2019
3. Origi in Trance
Seine Entrücktheit/Abwesenheit war in der Tat sehr auffällig. Selbst beim Ständchen nach dem Spiel hielt dieser Zustand an. Für mich ein Indiz dafür, dass sich der Mann in Trance befand. Und damit auch einer der wenigen Sportler, die den formelhaften Satz "Ich werde das wohl erst in einigen Tagen realisieren..." tatsächlich für sich reklamieren können.
kakophoniephobie 08.05.2019
4. Mannschaftsgeist
Dieses legendäre Spiel zeigt, dass der Glaube an sich selbst Berge versetzen kann - dank eines starken Mannschaftsgeistes, eines ungebrochenen Siegeswillen und euphorisierten, enthusiasmierten Zuschauern, die als unsichtbarer, aber deutlich spürbarer zwölfter Spieler in das Geschehen eingreifen. Überschwänglich könnte man von "purer Magie" sprechen. Nicht die technisch bessere Mannschaft hat gewonnen, sondern die mental stärkere. Das macht Fußball einerseits so unberechenbar und andererseits so sehenswert. Und Klopp klopft sich nicht selbst auf die Schulter, nein, er ist menschlich so groß und als Mentaltrainer und "Schamane" so raffiniert und ausgebufft, seine Mannschaft weiter aufzurüsten mit Worten wie "fucking mentality giants". Das ist nicht nur ein Kompliment, das ist psychologische Finesse der allerfeinsten Art. Klopp hat seine Jungs in vielerlei Hinsicht besser gemacht, und so ist es diesen gerade in entscheidenden Spielen möglich, förmlich über sich hinauszuwachsen. Gut zu sehen auch an Nicht-Stammspielern wie Divock Origi.
tzoumaz 08.05.2019
5. Im Unterschied zu Barca...
hätte Real ein 3:0 nicht mehr hergeschenkt. Barca ist eine große Mannschaft, aber dazu gehört auch eine große Abwehr und die ist schon längere Zeit unterirdisch (TerSteegen ausgenommen) Ein Piquet aber auch ein Jordi Alba gehören da nicht hin. Piquet, ein alter, relativ langsamer Spieler hat außerdem erhebliche technische Defizite. Nur weil ein starker Kopfballspieler ist, gehört er nicht in eine solche Mannschaft. Gratulation an Liverpool!!!. Ehrlich gesagt: das hat selbst keiner der Spieler für möglich gehalten.
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