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FC Barcelona: Mehr als ein Club

Foto: Paco Puentes/ dpa

FC Barcelona Kopfloses Kollektiv

Aus im Pokal, Schlappe in der Champions League - der FC Barcelona wirkt orientierungslos. Der spanische Spitzenclub nimmt die Krise gelassen, Fußball ist dort gerade unwichtig. Alle Kraft richtet sich auf die Genesung des krebskranken Trainers.

Hamburg - Der FC Barcelona geschlagen, dreimal in zwölf Tagen. Ist das das Ende einer Ära? Verwunderung und Sensationslust wechselten sich in der Berichterstattung über eine der besten Fußball-Mannschaften, über die vielleicht beste der Welt, zuletzt ab. Das Aus im spanischen Pokal, ausgerechnet gegen Real Madrid, die Hinspielniederlage gegen den AC Mailand im Achtelfinale der Champions League, der verlorene Liga-Clásico: Alle Welt redet von der Krise des FC Barcelona.

Nur Barcelona nicht. Dort, in der Geburtsstätte des modernen europäischen Offensivfußballs, geht es gerade nicht um Sport. Es geht ums Leben. Ums Überleben. "Die oberste Priorität des Vereins ist die Genesung von Tito Vilanova. Alles andere ist unwichtig", sagte Präsident Sandro Rosell vor dem Ligaspiel gegen den Tabellenletzten Deportivo de La Coruña (2:0) am Wochenende.

Vilanova, 44, seit Juli vergangenen Jahres Trainer der Katalanen, er folgte seinem engen Vertrauten Pep Guardiola nach. Im Dezember stellten Ärzte fest, dass er abermals an Ohrspeicheldrüsenkrebs erkrankt ist (mehr Information zu dem Leiden finden Sie hier). Vilanova wurde operiert, kurzzeitig kehrte er zur Mannschaft zurück. Seit Ende Januar befindet er sich in New York zur Chemo- und Strahlentherapie. Niemand weiß wirklich, wann es ihm gut genug gehen wird, um seine Arbeit in Barcelona fortzusetzen. Mitte März, hieß es zunächst, dann Anfang April.

Präsident Rosell betont Treue zu Vilanova

Vor zwei Wochen flog Rosell nach New York, um sich ein Bild vom Zustand Vilanovas zu machen. Gerüchte, der FC Barcelona wolle ob der aktuellen sportlichen Schieflage einen Aushilfstrainer engagieren, dementierte er danach: "Tito wird unser Trainer bleiben, bis er zurück kommt. Egal wann das ist, egal wann. Er ist unser Trainer und wird es sein, so lange ich Präsident bin", sagte er vor Journalisten. Es waren deutliche Worte, und doch rang Rosell um Fassung. "Wir müssen Tito zurückbekommen. Wenn das klar ist, können wir uns um Anderes kümmern." Um den Fußball.

Für die Champions League könnte es allerdings zu spät sein, 0:2 verlor Barcelona gegen Milan. Gegen die engmaschige Abwehr und die schnellen Konter der Italiener fand die Mannschaft kein Mittel. Im Rückspiel am Abend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) müsste im Camp Nou vieles anders laufen, damit der FC Barcelona ins Viertelfinale einzieht. Die Meisterschaft ist für den Verein hingegen kein Thema, dort führt er mit großem Abstand vor Atlético und Real Madrid. Auch mit einigen weiteren Niederlagen wird es wahrscheinlich reichen.

Kümmern wird man sich dann auch wieder um Lionel Messi. Der Argentinier ist vielleicht der begnadetste Fußballer der Welt. In den vergangenen Wochen wirkte er gegen Real und Milan indes deplatziert, beinahe überfordert. Messi steht mit seinem Spiel womöglich sinnbildlich für das derzeit größte Problem der Mannschaft: Orientierungslosigkeit.

"Alle machen alles"

Vor vielen Jahren unter Johan Cruyff hat sich in Barcelona ein Fußball entwickelt, der von größtmöglichem Ballbesitz geprägt ist, von schnellen Pässen, die den Gegner mürbe und für überraschende Angriffe verwundbar machen. Guardiola, als Spieler und Lehrling von Cruyff und dann als Trainer von 2008 an vier Jahre verantwortlich, perfektionierte dieses System. Er sagte einmal: "Wir spielen linken Fußball. Alle machen alles", und meinte: Jeder Spieler ordnet sich ganz dem System unter, ist sich nicht zu schade, in der Abwehr auszuhelfen, einen Ball in ermüdend langen Passsequenzen über das Spielfeld zu tragen und mehr zu laufen als in anderen Teams.

Spielmacher Xavi, der diesen Fußball wie so viele in Barcelonas Nachwuchsschmiede La Masía eingeimpft bekam, sagte dem SPIEGEL: "Du musst dein Ego dominieren." Der ideale Fußballer müsse vor allem solidarisch, altruistisch und empathisch sein.

Es scheinen diese verinnerlichten Tugenden zu sein, die den FC Barcelona gerade hemmen. Ohne einen Impulsgeber an der Seitenlinie, einen Trainer, dessen Befehle man umsetzt, weil man zu gehorchen gelernt hat, verharrt die Mannschaft. Mehr noch: Sie wird überrannt. Und weiß kaum, warum.

"Wir haben eine bestimmte Philosophie, und wir können und dürfen sie nicht ändern", sagte Außenverteidiger Dani Alves nach dem Pokal-Aus gegen Madrid. Derjenige, der Barcelonas Philosophie nicht ändern, aber den Umständen anpassen kann und darf, ist Vilanova. Es heißt, er gebe seinem Assistenztrainer Jordi Roura Anweisungen am Telefon durch. Doch er fehlt vor Ort, seine Impulse fehlen, das haben einige Spieler zugegeben. Trotzdem will Barcelona keinen anderen Trainer. Weil es nicht zur Identität des Vereins passt: "Mes que un club", mehr als ein Club.

Präsident Rosell sagt: "Es ist völlig normal, dass es eine Gruppe schwächt, wenn sie ihren Anführer verliert." Normal seien deshalb auch die zuletzt enttäuschenden Ergebnisse, kein Drama.

Ähnlich sehen es die Aktiven in der Primera División. Der frühere deutsche Nationalspieler Piotr Trochowski, der derzeit beim FC Sevilla unter Vertrag steht, sagte SPIEGEL ONLINE: "Barcelona ist noch immer die beste Mannschaft Europas. Jeder Einzelne von ihnen kann ein Spiel entscheiden." Doch die anderen Teams hätten sich neue Verteidigungsstrategien überlegt. "Real, Juve, Bayern oder Milan wollen eben auch mal wieder die Champions League gewinnen", sagt Trochowski.

Das möchte Barcelona auch, muss es aber nicht. Nicht mehr. Rosell sagt: "Es ist phantastisch, wenn wir Titel gewinnen. Wenn nicht: Pech gehabt."

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