Barça feiert seine Fußballerinnen und die des FC Bayern "Das gibt es in Deutschland leider nicht so"

Die Fußballerinnen des FC Barcelona sind zum ersten Mal in das Champions-League-Finale eingezogen. Die Partie gegen den FC Bayern zeigte, wie groß das Zuschauerinteresse mittlerweile in Spanien ist.

Barcelonas Verteidigerin Leila Ouahabi feiert mit Fans den Finaleinzug in der Champions League
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Barcelonas Verteidigerin Leila Ouahabi feiert mit Fans den Finaleinzug in der Champions League

Von Florian Haupt, Barcelona


Wie Popstars wurden die Spielerinnen des FC Barcelona noch über eine Stunde nach dem Abpfiff am Ausgang des Mini Estadi von ihren Fans erwartet. Oder wie sonst die Autos der Fußballgötter um Lionel Messi, wenn sie aus der Tiefgarage des Camp Nou auf der anderen Straßenseite schießen. Aus dem "Mini", dem kleineren Bruder, gingen die Spielerinnen zwar noch zu Fuß. Dafür wurden sie jetzt selbst von Messi in den sozialen Netzwerken gefeiert: "Wie groß ihr seid!", schrieb der fünffache Weltfußballer zu mehreren Fotos der Partie gegen den FC Bayern.

Barcelona erlebte ein Coming-out an diesem wolkenverhangenen Sonntag - nicht nur, weil das Frauenteam durch das zweite 1:0 gegen Bayern München binnen einer Woche erstmals ein Champions-League-Finale erreichte. Das Interesse an ihm war auch nie so massiv gewesen. Die 15.276 Plätze waren seit einer Woche ausverkauft gewesen (am Ende kamen offiziell 12.764 Zuschauer). Der Regionalpräsident war da und die Bürgermeisterin - am Tag spanischer Parlamentswahlen -, der Klubpräsident sowieso und auch Ernesto Valverde, Trainer der Männer, nach der nächtlichen Meisterfeier. Dazu 130 akkreditierte Journalisten, die einen solchen Pulk bildeten, dass die Spielerinnen sich in der Mixed Zone regelrecht durchkämpfen mussten.

"Mega-Spaß" auch für die Verliererinnen

Begeistert von dieser Stimmung waren nicht zuletzt die Bayern, die ihrem Verein mit einem couragierten Auftritt alle Ehre machten. Und die insbesondere in der zweiten Halbzeit klar dominierten, das einzige Tor durch einen Elfmeter kassierten (Mariona, 45. Minute) und ihrerseits an Latte (Melanie Leupolz, 32.), Pfosten (Jill Roord, 73.) oder an unerklärlichen Fehlschüssen (Sara Däbritz, 51.) scheiterten.

"Wir haben sehr viel richtig gemacht - bis zum Strafraum", sagte Vizekapitänin Carina Wenninger, die "Mega-Spaß" empfunden hatte angesichts der bebenden Gesänge unter den Zuschauern. "Das war schon sehr speziell, da waren ja nicht einfach nur 15.000 Fans, sondern 15.000 Fans, die permanent Stimmung gemacht haben", sagte die Österreicherin. "Diese Atmosphäre habe ich so noch nicht erlebt."

Torhüterin Laura Benkarth stimmte zu: "Überragend, mal vor so vielen Leuten zu spielen. Das gibt es in Deutschland leider nicht so." Beim Hinspiel in München waren 2500 Zuschauer zum Vereinscampus gekommen.

Sympathie im "Macholand" wächst

Spanien ist da inzwischen eine andere Nummer: 60.739 Fans sorgten Mitte März beim Spitzenspiel zwischen Atlético Madrid und Barcelona für den Weltrekord bei einem Ligaspiel der Frauen.

Aber auch bei Athletic Bilbao kamen diese Saison schon einmal 48.212 und einmal 24.986 Zuschauer. Alavés hatte sogar in der zweiten Liga kürzlich 8375 Leute da, und erst voriges Wochenende übertrafen die Frauen von Espanyol Barcelona beim ersten Auftritt im Stadion der Männer mit 20.615 gleich deren Schnitt. Zu Spielen der Bundesliga der Frauen kommen im Schnitt aktuell weniger als 1000 Zuschauer.

Natürlich, der Umzug in die großen Arenen findet in Spanien bisher nur für einzelne Partien statt und der Eintritt ist dann meistens frei oder mindestens deutlich billiger. So wie die bis zu drei Livepartien von jedem Spieltag der spanischen Frauenliga bislang nicht im Pay-TV, sondern im frei empfangbaren Fernsehen laufen. Aber sie werden geguckt. Sonst würde der Rechteverwalter "Mediapro" ab kommender Saison kaum erstmals zahlen für die Übertragungslizenzen, drei Millionen Euro pro Spielzeit. Auch die Presse berichtet ausführlich, man kann förmlich dabei zusehen, wie die Sympathie für den Frauenfußball im vermeintlichen Macholand immer weiter wächst.

Wie seine Spielerinnen erklärte auch Bayern-Trainer Thomas Wörle die starke Darbietung seiner Elf ("Die Leistung an sich war unser bestes Level") zum Teil mit der Atmosphäre. "Wer heute hier war, mit dem großen Camp Nou im Hintergrund, der geht zufrieden nach Hause und sagt sich: 'Das war ein großes Spiel, mit zwei Mannschaften voller Leidenschaft'." Er fügte hinzu: "Für uns ist so eine Kulisse nicht Alltag. Die Fans hier standen hinter ihrer Mannschaft. Die haben einen Riesenalarm gemacht."

Aus dem Herzen in die Vorstadt

Am Ende blieb tatsächlich ein größerer Teil der Zuschauer für die Ehrenrunde im Stadion als in der Nacht zuvor bei der eher routinierten Meisterfeier der Männer im Camp Nou. Beide Teams feierten schließlich gemeinsam - wiewohl während des Spiels harte Zweikämpfe dabei waren und Wörle wegen Schiedsrichterkritik der Coachingzone verwiesen wurde: Nach dem Schlusspfiff wurden auch die Bayern mit Applaus gewürdigt, standen Spielerinnen beider Teams beieinander und schossen Erinnerungsbilder zusammen. Einige Münchnerinnen blieben sogar noch auf dem Platz, als sich die Siegerinnen zum Gruppenfoto versammelten und zusammen mit den verbliebenen Fans skandierten: "Budapest, Budapest". Dort steigt am 18. Mai das Finale gegen Titelverteidiger Olympique Lyon.

Ins Endspiel möchten irgendwann auch die Bayern, die im Sommer nach neun gemeinsamen Jahren ihren Trainer verlieren. Doch auch in Barcelona ging am Sonntag etwas zu Ende - es war das letzte wichtige Frauenspiel im "Mini". Die traditionsreiche Zweitarena wird zugunsten einer neuen Basketballhalle abgerissen, ab nächster Saison spielen Jugendteams und Frauen auf einem neuen Platz im Trainingszentrum des Vereins. Der wird zwar nach Johan Cruyff benannt sein, liegt aber schmucklos an der Autobahn. Für die Frauen geht das gewissermaßen gegen den Trend: Gerade sind sie im Herzen des Vereins angekommen. Da müssen sie schon wieder in die Vorstadt.

FC Barcelona - FC Bayern München 1:0 (1:0)
1:0 Mariona Caldentey (45.+2, Foulelfmeter)
Barcelona: Panos - Torrejon, Pereira, Leon, Ouahabi - Hamraoui, Losada, Putellas - Mariona Caldentey (83. Andressa Alves), Duggan (71. Oshoala), Martens (87. Bonmati)
München: Benkarth - Lewandowski, Hendrich, Wenninger, Schweers - Skorvankova (78. Demann), Leupolz - Däbritz, Magull (59. Roord), Rolfö - Damnjanovic (72. Islacker)
Schiedsrichterin: Staubli
Gelbe Karten: - / Lewandowski, Skorvankova, Wenninger
Gelb-Rot: Hamraoui

insgesamt 37 Beiträge
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hibee 28.04.2019
1. Zuschauerzahlen
Wenn man die letzten beiden komplett gespielten Spieltage in Deutschland (19. Spieltag) und in Spanien den (29. Spieltag) vergleicht, kamen in Deutschland 1172 Zuschauer und in Spanien 554 Zuschauer,ä im Schnitt, obwohl Barca und Atlético Heimspiele hatten. So grundlegend unterschiedlich scheint es also noch nicht zu sein mit dem Zuschauerinteresse.
Martin Karl Konrad 28.04.2019
2.
Das Heimspiel in München wurde von den Gastgebern unterirdisch vermarktet. Wer kann denn ein CL-Halbfinale im Bayern-Campus durchführen mit dramatisch begrenzter Zuschauerkapazität ...
mvaugusta8 29.04.2019
3. etwas verzerrt
Der spanisiche Frauenfußball befindet sich im Aufschwung. Die hier beschriebene Begeisterungswellen sind allerdings eine Ausnahme. Die normalen Stadien der Frauenmannschaften sind meistens sehr kleine Arenen. Die Partien in den größeren Stadien werden stark durch SocialMedia und kostenlosen bzw. supergünstigen Eintritt gefördert. Sie sind ein Happening für viele Menschen, die einmal kostenlos/kostengünstig ins große Stadion wollen und einfach einen schönen Nachmittag verbringen wollen. Diese Spiele werden von den großen Clubs alimentiert, um neue Fans zu gewinnen. Ob der Plan langfristig aufgeht ist relativ offen, denn der "reguläre" Ligabetrieb ist oft von den Zuschauerzahlen noch trostloser als in anderen europäischen Ligen.
bjoern2605 29.04.2019
4. Was soll das?
Auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen: Zuschauerinteresse entsteht nicht, wenn man es permanent einfordert. Es entsteht von selbst oder eben auch nicht. Kurzfristige „Erfolge“ durch starke Marketingmaßnahmen sind da sicher möglich (siehe Heim-WM), aber in der Breite ist einfach bei weitem nicht das Interesse da, wie am Männerfußball. Und, auch wenn es verpöhnt ist, das zu sagen: Auch in der Spitze kann der Frauenfußball weder im Tempo noch in der technischen Klasse mit dem Männerfußball mithalten.
AlGucco73 29.04.2019
5. das stimmt
Immer wieder läuft es aufs Medieninteresse hinaus. Wobei sich das TV ja anstrengt. Aber Vermarktung und Werbung sind schlecht. Hoffentlich kommt nä. Jahr mal wieder eine Konkurrenzfähigkeit um die Ecke. Ich schalte immer noch zu oft um :-) Jedenfalls Glückwunsch an die Spanier...
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