Halbfinal-Rückspiel gegen Real Die Stunde der Bayern-Hasser

Der FC Bayern steht als letztes deutsches Team im Europacup - und dann noch gegen Real Madrid, die Geldsäcke aus Spanien. Ehrensache also, dass man den Münchnern im Champions-League-Halbfinale die Daumen drückt? Nicht unbedingt.
Halbfinal-Gegner Götze, Alonso, Müller (v.l.): "Volle Unterstützung"

Halbfinal-Gegner Götze, Alonso, Müller (v.l.): "Volle Unterstützung"

Foto: AFP

Thomas Müller hat schon einmal die Richtung vorgegeben. Er forderte für den Abend beim Halbfinal-Rückspiel der Bayern gegen Real Madrid (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF und Sky) "die volle Unterstützung, auch von den Medien, von der Presse". Schließlich, so der Nationalspieler, "sind wir alle Deutsche".

Die Bayern sind als einziges deutsches Team noch im internationalen Wettbewerb vertreten, ein Weiterkommen würde den Münchner Nationalspielern das nötige Selbstbewusstsein verleihen im Hinblick auf die nahende Weltmeisterschaft. Der berühmten Fünfjahreswertung der Uefa, für die jeder deutsche Erfolg im Europokal zählt, täte ein Finaleinzug auch sehr gut. Der Gegner Real Madrid ist zudem alles andere als die Mannschaft der Herzen. Der Fall scheint also eindeutig: Daumendrücken für die Bayern.

Ganz so klar ist es dann aber doch nicht. Denn auf der anderen Seite gibt es bei vielen Fußballfans in Deutschland die tief sitzende Abneigung gegen diesen FC Bayern, gegen seine Überlegenheit, die gerne auch mal in Dominanzgehabe umkippt.

Die Vorwürfe gegen Real Madrid, die Arroganz, die Macht ihres Geldes, die Überheblichkeit - es sind genau jene, die national so gern gegen den FC Bayern ins Feld geführt werden.

"Normalerweise bin ich gegen die Bayern, aber international bin ich auf ihrer Seite." Das hört man immer wieder mal, und es erweckt den Eindruck, als sei Fantum teilbar. Mal gegen einen Club, mal für ihn, es kommt nur auf die Umstände und den jeweiligen Gegner an. Das ist legitim, jeder darf hierzulande für oder gegen etwas sein, ganz wie er mag. Aber für den Hardcore-Bayern-Basher, zurzeit besonders zahlreich im Raum Dortmund zu finden, heißt es: Einmal Anti-Bayern, immer Anti-Bayern. Ob es gegen den BVB oder gegen Real Madrid geht, spielt dabei keine Rolle. "Haters gonna hate", "Hasser müssen hassen".

Rückschlag würde vielen Genugtuung verschaffen

Die Saison lief bis vor kurzem so glatt, so reibungslos für die Bayern, das Team um Trainer Josep Guardiola, der sich zeitweilig medial nah an der Heiligsprechung bewegte, war derartig überlegen, dass ein Rückschlag für die Erfolgsverwöhnten bei vielen ein wohliges Gefühl von Genugtuung auslöst. Dafür nimmt man selbst den Triumph der vermeintlichen Unsympathen aus Madrid billigend in Kauf.

Man muss die Bayern schon sehr, sehr wenig mögen, um auf die Seite Madrids umzuschwenken. Im Grunde ist Real schließlich nichts anderes als Bayern auf Spanisch, nur alles noch größer, nur alles noch extremer. Hier wie dort die Geldsäcke der Liga, Real hat, weit mehr noch als die Bayern, Unsummen ausgegeben, hat gewaltige Schulden aufgetürmt, um die aus seiner Sicht besten Spieler der Welt zu verpflichten und somit den Transferablöse-Wahnsinn mit den Investitionen in Cristiano Ronaldo und Gareth Bale auf die Spitze getrieben.

Aber genau aus diesem Grund sind die Madrilenen auch in der Lage, die Münchner zu bezwingen. Und so werden manche zu Real-Fans, die, würden die "Königlichen" in der Bundesliga spielen, nichts als Ablehnung für sie übrig hätten. Es braucht schon ein Team vom Kaliber Real Madrids, um das zu schaffen.

Die Bayern-Gemeinde nennt das Neid, nennt das Minderwertigkeitskomplex, und ohne Zweifel spielt das eine gehörige Rolle. Erfolg weckt Missgunst bei den weniger Erfolgreichen, das ist eine normale menschliche Reaktion. Erfolg, der so zelebriert wird, wie es die Bayern zuweilen durch die Herren Hoeneß, Rummenigge und Sammer tun und getan haben, umso mehr. Wenn man sieht, wie sich der Hohn angesichts der Verurteilung des Steuerhinterziehers Uli Hoeneß Bahn brach, der ahnt, wie tief die Antipathie wurzelt.

Darf man heute Abend auch gegen die Bayern sein? Natürlich darf man. Selbst wenn wir alle Deutsche wären.

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