FC-Bayern-Sieg gegen Pilsen Balsam für die Frustrierten

Serge Gnabry und Leon Goretzka durchleben schwierige Wochen beim FC Bayern, das 5:0 über Viktoria Pilsen bot mal wieder einen Abend zum Wohlfühlen. Um ihren Platz müssen sie trotzdem weiter kämpfen – beim Klub wie beim DFB.
Von Florian Kinast, München
Serge Gnabry (oben) und Leon Goretzka jubeln gemeinsam gegen Viktoria Pilsen

Serge Gnabry (oben) und Leon Goretzka jubeln gemeinsam gegen Viktoria Pilsen

Foto:

IMAGO/Eduard Martin / IMAGO/Jan Huebner

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Bei Anbruch der 90. Minute hatte Serge Gnabry noch einmal einen besonderen Moment. Einen von vielen an diesem Abend.

Die völlig einseitige Begegnung plätscherte beim Stand von 5:0 gemächlich dem Ende entgegen, der Spielbetrieb schien auf beiden Seiten bereits einvernehmlich eingestellt, als Gnabry an der gegnerischen Eckfahne seinem Gegenspieler Vaclav Pilar mit einer feinen Grätsche elegant den Ball abnahm. Eine Szene, die sinnbildlich war für den enormen Einsatz des 27-Jährigen in dieser Partie. Für die Leidenschaft und die Motivation. Vielleicht auch für die Wut, die ihn angetrieben hatte – nach den Enttäuschungen der letzten Wochen.

Das 5:0 gegen Viktoria Pilsen war für den FC Bayern nach dem 4:0 über Leverkusen vom Freitag eine Bestätigung der aufsteigenden Form, das Krisengeraune nach vier sieglosen Spielen in der Liga ist erst einmal wieder verstummt. Freude machten Trainer Julian Nagelsmann vor allem Sadio Mané, der mit der Trophäe des »Man of the Match« in die Kabine enteilte, und Leroy Sané, der zwei schmückende Treffer erzielt hatte.

Leon Goretzka am Ball

Leon Goretzka am Ball

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images

Doch es gab mit Serge Gnabry und Leon Goretzka noch zwei ganz andere Akteure, für die es ein sehr wichtiger und wohltuender Abend wurde. Ein Abend als Balsam gegen den großen Frust der vergangenen Wochen.

Sowohl Gnabry als auch Goretzka, die beide 2018 zum FC Bayern stießen, erlebten zuletzt die wohl schwierigste Phase in ihren gut vier Jahren beim FC Bayern. Gnabry, der nach einer monatelangen zähen Hängepartie im Juli endlich seinen Vertrag bis 2026 verlängert hatte, zeigte sich einzig beim Saisonauftakt in Frankfurt in guter Form, danach stand er nur zweimal in der Liga in der Startelf, fand sich meist auf der Bank wieder. Und wenn er spielte, dann auch nur recht durchwachsen.

Julian Nagelsmann, der Gnabry bereits in seiner jungen Schaffensphase in Hoffenheim gut kennenlernte, wollte bereits ein mentales Problem erkannt haben, der Serge solle doch »einfach mal frei von der Seele« spielen, »und nicht zu viel nachdenken«, sagte der Bayern-Trainer noch am Montag.

»Ich bin es langsam ein bisschen leid, dass wir Woche für Woche über die gleichen Dinge sprechen«

Leon Goretzka

Gnabry war zuletzt bei den Kurzeinsätzen anzusehen, wie er mit sich haderte, wie er zusehends verkopfte, verkrampfte. Goretzka hingegen plagte sich mit Verletzungen und Krankheiten herum, erst zu Saisonbeginn mit den Folgen einer Knie-OP, dann fing er sich Corona ein. Dafür erarbeitete sich der in der vergangenen Saison noch wenig berücksichtigte Marcel Sabitzer mit guten Spielen immer öfter einen Stammplatz auf der Doppel-Sechs neben Joshua Kimmich.

Mochten die Hintergründe für fehlende Spielminuten bei Gnabry wie bei Goretzka auch unterschiedlich sein, eine Parallele gab es eben doch. Zwei Spieler, die vor gar nicht langer Zeit zu kaum verzichtbaren Stützen zählten, müssen plötzlich um ihren fest geglaubten Stammplatz zittern. Beim FC Bayern wie auch in der Nationalmannschaft.

Ob Viktoria Pilsen als Maßstab gelten darf?

Denn auch Hansi Flick, der die Losung seines Vorgängers Joachim Löw (»Serge spielt bei mir immer«) nicht so konsequent verfolgte, ihm aber auch viel Spielzeit gab, rückte zuletzt von Gnabry ab. Flick nahm ihn nach ganz schwacher Leistung gegen Ungarn nach einer völlig misslungenen ersten Halbzeit vom Platz, beim 3:3 gegen England durfte er erst Mitte der zweiten Hälfte aufs Feld. Und auch Goretzka, der im defensiven DFB-Mittelfeld lange neben Bayern-Kumpel Kimmich gesetzt schien, verlor zuletzt aufgrund seiner Covid-Infektion den Anschluss, gerade im Duell mit Ilkay Gündogan.

Und bis zum ersten WM-Spiel sind es nur noch sieben Wochen.

Umso wichtiger, dass beide auch aufgrund der Coronaausfälle von Joshua Kimmich und Thomas Müller nun zumindest mal gegen Pilsen wieder in der Startelf stehen durften, dass sie im Zusammenspiel überzeugten, als Goretzka Gnabry das Tor zum 2:0 auflegte, als beide in der Entstehung nach Balleroberung das 4:0 durch Leroy Sané auf den Weg brachten. Dass sich Gnabry nicht nur nach 90 Minuten an der Eckfahne auch im Gegenpressing bissig präsentierte, dass Goretzka als der von Nagelsmann viel gepriesene Box-to-Box-Spieler zwischen den Strafräumen gefiel. Doch ob die Partie gegen den schwächsten Gruppengegner in der Champions League schon wirklich als Maßstab gelten darf?

Julian Nagelsmann sprach nach dem Spiel noch davon, dass es nicht nur im Hinblick auf die WM »für das Fußball-Land Deutschland wichtig« sei, dass Gnabry wie auch Goretzka in einen Spielrhythmus kämen, sondern aus ganz eigenem Interesse bis Mitte November auch für den FC Bayern. Offen ließ er freilich, ob beide auch am kommenden Samstag in der Startelf stehen. Beim Spitzenspiel in Dortmund, einem anderen Kaliber als die Mannschaft aus Pilsen. Wenn Kimmich und Müller vielleicht genesen und wieder einsatzfähig sind.

Wie sehr gerade Goretzka das Thema beschäftigt, zeigte sich eine gute Stunde nach Abpfiff, als es um die Frage ging, wie er mit der Situation umgehe, mit dem derzeit massiven Konkurrenzkampf im defensiven Mittelfeld. »Ich bin es langsam ein bisschen leid, dass wir Woche für Woche über die gleichen Dinge sprechen«, brummelte Goretzka, und ergänzte, dass es »in der Natur der Sache« liege, dass er von Beginn an spielen wolle. »So wie die anderen Jungs eben auch.«

Gnabry und Goretzka stehen weiterhin komplizierte Wochen bis zur WM bevor. Immerhin war es am Dienstag mal wieder ein Abend zum Wohlfühlen. Hatten sie lange nicht mehr.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.