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26. Mai 2013, 09:00 Uhr

Finalsieg gegen Dortmund

Bayerns Befreiung

Aus London berichtet

Spannend, hochklassig, emotional - das Champions-League-Finale zwischen Bayern und Dortmund löste alles ein, was es versprochen hatte. Für erschöpfte Münchner wurde der Sieg zur Befreiung vom Endspielfluch - und für die Bundesliga zur spektakulären PR in eigener Sache.

Manuel Neuer zog seine Mundwinkel nur ganz langsam nach oben. Der hünenhafte Torwart des FC Bayern München tanzte nicht, er jubelte auch nicht. Stattdessen sagte Neuer ganz ruhig: "Wir sind alle unheimlich erleichtert. Heute ist uns eine riesige Last von den Schultern gefallen. Ich glaube, man sieht den meisten von uns sogar die Müdigkeit bereits in den Gesichtern an."

Wäre nicht exakt in diesem Moment Bayerns Abwehrchef Dante in Neuers Rücken vorbeigerauscht, tanzend, singend und mit einem dröhnenden Lautsprecher bewaffnet, man hätte nicht den Eindruck gehabt, dass hier gerade eine Mannschaft den größtmöglichen Vereinstitel errungen hat.

Dieses 2:1 über den BVB, der den Bayern eine Halbzeit lang riesige Probleme bereitet hatte (Alle Höhepunkte des Spiels hier im Minutenprotokoll), schien im Nachgang mehr Therapie und Befreiung gewesen zu sein als Party und Ausgelassenheit. Zu besichtigen war das auch bei Thomas Müller, der die Dortmunder Abwehr zuvor mit einigen seiner meist planlos wirkenden Zackzack-Läufen verwirrt hatte. Müller stapfte zunächst etwas schwermütig durch die Katakomben des Wembley-Stadions, links von ihm Bayerns Kapitän Philipp Lahm, rechts dessen Stellvertreter Bastian Schweinsteiger.

Endlich ein internationaler Titel

Doch plötzlich brüllte Müller: "Hier sind die Führungsspieler, die keine Führungsspieler sind. Haben sie jetzt mal was gewonnen oder nicht?!" Schweinsteiger, der eine Flasche Schampus im Arm hielt, grinste. Alle Debatten um seine Rolle als "Cheffchen" oder Lahms zu geringe Autorität werden mit diesem Titel verstummen.

Trotzdem schien dieses Bayern-Team, das diese Bundesliga- und Champions-League-Saison so beängstigend diszipliniert dominiert hatte, selbst im Moment des größten Triumphs nicht so richtig aus der Haut fahren zu wollen. Kein Vergleich zu Inter Mailands Spielern, die nach dem Sieg gegen den FC Bayern 2010 das Bernabéu-Stadion in Madrid nach ihrem Champions-League-Sieg beinahe in Schutt und Asche gelegt hätten. Oder die tanzenden und schreienden Spanier, die nach dem EM-Triumph in der Ukraine den Kabinenbereich in eine Großraumdisco verwandelten.

"Wir sind alle müde, sehr müde. Dieses Spiel hat uns alles abverlangt", sagte Lahm. Müller erklärte, er hätte "links und rechts Krämpfe" und sei "körperlich am Ende." Ähnlich äußerten sich auch die Dortmunder Spieler. Und beide Teams hatten allen Grund dazu, auf ihre physischen Grenzen hinzuweisen. Insbesondere im ersten Durchgang zeigten der neue und der alte Deutsche Meister einen Fußball, den man in einem europäischen Finale schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte: Trotz hoher taktischer Disziplin agierten beide Clubs extrem offensivstark und erarbeiteten sich etliche Torchancen.

Allein Marco Reus, der so auftrumpfte, als ob es nie einen verletzungsbedingten Ausfall Mario Götzes gegeben hätte, stand in den ersten 25 Minuten mehrmals kurz davor, sich mit einem Treffer unsterblich zu machen. In dieser Phase spielte Dortmund mutig, frisch und frech, Bayern München hingegen wirkte nervös und gehemmt. "Wir hatten heute einen unfassbaren Druck. Damit muss man erst mal zurechtkommen", sagte Lahm. Dies gelang den Münchnern, am Ende waren sie die klar dominante Mannschaft, die sich nun ihrerseits Großchancen herausspielte.

"Bayern war am Ende stärker, aber wir waren heute auf Augenhöhe. Eigentlich hat alles gepasst, bis auf das Ergebnis", sagte Sebastian Kehl. Der Dortmunder Kapitän, mittlerweile 33 Jahre alt, wirkte zunächst beim Sprechen sehr gefasst, klar. Doch bei der Frage, ob er noch einmal so eine Chance wie an diesem Abend erhalten würde, brach er die Fragerunde sichtlich bewegt ab und verschwand in den Mannschaftsbus. "Wir sind alle sehr aufgewühlt. In den ersten Minuten nach dem Spiel waren wir in der Kabine wie tot. Alle haben nur auf den Boden gestarrt, keiner hat geredet. Erst nach Minuten haben die ersten die Stärke gefunden, uns einen Rückblick auf diese Saison, auf unsere unglaublichen Erfolge zu geben", sagte Neven Subotic.

Der Abwehrmann, der im Spiel mit einer unglaublichen Grätsche das 1:2 verhindert hatte (72.), fasste die europäische Saison des BVB prägnant zusammen: "Es ist unglaublich, wie dieser kleine Club die Großen geärgert hat. Wir sind wahnsinnig stolz auf uns und den deutschen Fußball." Und tatsächlich: Beide Mannschaften haben mit ihren beeindruckenden und oft spektakulären Auftritten in der Champions League und diesem furiosen Finale etwas Außergewöhnliches geleistet. Sie haben dafür gesorgt, dass ganz Europa mit Respekt und Bewunderung auf die Bundesliga schaut. Und auch mit ein bisschen Neid.

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