Champions-League-Finale "Dieses Spiel nehme ich mit ins Grab"

Der FC Arsenal hadert mit dem Schicksal. Die Briten geben dem norwegischen Unparteiischen Hauge die Schuld für die Niederlage im Champions-League-Finale. Für den früh vom Platz gestellten deutschen Torhüter Lehmann war die Partie ein traumatisches Erlebnis.

Von Steffen Gerth


Immenser Frust entlud sich, Frust als Reflex auf eine furchtbare Niederlage. Arsenals Kapitän war der Wortführer: "Manche Schiedsrichter sind entsetzlich. Wenn dieser Mann nicht gewollt hatte, dass wir gewinnen, dann hätte er es uns auch schon vor dem Spiel sagen sollen", zischte Thierry Henry zur "Sun", dem Zentralorgan für emotionale Ausnahmezustände in England. Dass dieser Abend in Paris den Franzosen geschlaucht hat, war schon während der Partie zu sehen, als Henry vor einem Eckball sekundenlang in der Hocke saß und nach Luft japste. Zu diesem Zeitpunkt führte das Luxusteam aus London gegen das Luxusteam aus Barcelona zwar noch 1:0 durch das Kopfballtor ihres Abwehrhünen Sol Campbell in der 37. Minute. Es war aber noch länger personell dezimiert nach dem Platzverweis gegen seinen Torwart Lehmann (19.).

Ein Finale in der Champions League in Unterzahl zu gewinnen ist schwer - gegen den FC Barcelona derzeit wohl unmöglich. Und so kam es auch – zwei späte Tore brachten die Londoner um ihre atemberaubende Abwehrschlacht: Samuel Eto'o (76.) und Juliano Belletti (81.) schossen die beste Clubmannschaft Europas, wohl auch der Welt, zum ersten Titel in der Champions League.

Alles hat so ein kalkulierbares Ende gefunden, was im Halbfinale begann. Damals hätte Barcelona daheim gegen den AC Mailand durch ein Tor von Andrej Schewtschenko 0:1 zurückliegen müssen – wenn der deutsche Schiedsrichter Markus Merk diesen astreinen Treffer anerkannt hätte. Warum er auf Foulspiel entschied, weiß niemand.

Am Mittwoch in Paris war es die 19. Minute, die das Spiel kippen ließ, als Lehmann zwar ungestüm Eto'o zu Fall brachte, Barcelona trotzdem in Ballbesitz blieb – und sogar durch Ludovic Giuly ein müheloses Tor erzielte. Rätselhaft bleibt, warum Schiedsrichter Terje Hauge nicht Vorteil gelten ließ, sondern Lehmann sofort vom Feld stellte. "Ich weiß nicht, ob der Schiedsrichter ein Barcelona-Trikot trug. Er war zumindest nicht auf das Tempo dieses Wettbewerbs vorbereitet", schimpfte Henry. "Vielleicht lerne auch ich demnächst, wie man sich fallen lässt. Aber ich bin keine Frau, und deswegen bleibe ich auf meinen Füßen stehen", kommentierte er eigenwillig das klare Foul von Lehmann.

Auch eine Begebenheit vor der Partie rückte die Unparteiischen ins Zwielicht. Schiedsrichter-Assistent Ole Hermann Borgan zog sich ein Barcelona-Trikot über – aus Spaß, wie er sagte. Der Mann wurde von der Uefa 24 Stunden vor dem Anpfiff suspendiert.

Referee Hauge war sich nach dem Spiel selber nicht mehr sicher über die Entscheidung für Lehmanns Platzverweis. "Ich muss gestehen, dass ich vielleicht einen Moment zu früh gepfiffen habe, aber ich war extrem auf die Szene konzentriert", sagte der Schiedsrichter der Online-Ausgabe der norwegischen Zeitung "Verdens Gang".

 Der ehemalige deutsche Schiedsrichter Bernd Heynemann verteidigte zum Teil den Norweger: "Die Entscheidung war regeltechnisch einwandfrei. Aber er hätte vielleicht noch zwei, drei Sekunden warten sollen, dann hätte man gesehen, wie Barcelona das Tor erzielt - und dann wäre Jens Lehmann natürlich nur mit Gelb davongekommen. Aber so war es eine Notbremse. Und Notbremse heißt ganz klar Rot", erklärte der heutige Bundestagsabgeordnete Heynemann "N24".

Wer nach Abpfiff ins Gesicht von Lehmann blickte, sah einen Mann, der neben sich stand. "Der Fußball ist manchmal sehr hart", sagte der deutsche Nationaltorhüter, der erst einmal diese Horrornacht im Kreise seiner Familie verarbeiten durfte, bevor er nach Genf fliegt, wo dann die Gruppendynamik der Nationalelf für mentale Stärke bei der WM sorgen soll. Als den schrecklichsten Moment wollte Lehmann diesen Abend trotzdem nicht einstufen. "Mein Kreuzbandriss war sicherlich viel schlimmer", sagte er der dpa.

Nach der Roten Karte verschwand Lehmann auf die Tribüne, "und dann kamen meine Kinder, und wir haben gemeinsam das Spiel gesehen. Jetzt bin ich einfach nur traurig. Dieses Spiel werde ich mit ins Grab nehmen."

Die gruppendynamischen Prozesse bei Arsenal hatten in dieser verregneten Nacht von Paris nur einen Adressaten: Schiedsrichter Hauge. Selbst Teammanager Arsène Wenger legte seine professionelle Zurückhaltung ab und machte seiner großen Verärgerung darüber Luft, "dass der Ausgleich gegen uns ein Abseitstor war. Es ist schwierig, ein Spiel nach einer solch miesen Entscheidung zu verlieren".

"Mehr als Stolz"

Was aber jeder bei Arsenal vergessen hatte, war diese sagenhafte Schauspieleinlage des Verteidigers Emmanuel Eboué, die den Freistoß ermöglichte, nach dem Campbell dann sein prächtiges Kopfballtor erzielte. Henry hätte gleich zu Beginn der Partie und spät in der zweiten Halbzeit das 2:0 erzielen müssen, so prächtig postiert tauchte er jeweils vor Barça-Torwart Victor Valdes auf. Und dass Lehmanns Ersatz Manuel Almunia bei Bellettis 2:1 den Ball etwas dusselig durch die Beine rollen ließ, nachdem er schon den Treffer zum 1:1 in die Torwartecke bekam, sollte auch nicht verschwiegen werden.

Henry sagte dann noch, dass sein Team deutlich besser war als Barcelona, als Arsenal mit elf Mann auf dem Platz stand. Dass der spanische Meister in der Tat weniger stark war als erwartet, ließ sich am zähen Anrennen Mitte der zweiten Halbzeit ablesen. Superstar Ronaldinho wirkte an diesem Abend wie ein Magier, der seinen Zauberstab vergessen hatte. Folgerichtig waren es die eingewechselten Henrik Larsson (Vorbereiter beider Tore) und Belletti, die Barça den späten Sieg ermöglichten.

Was Henry nach diesem Abend blieb, war großer Stolz auf das Team, "mehr als Stolz". Und dann verließ er diesen Dauerregen im Stade de France. Er hatte alles gesagt.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.