Champions-League-Finalturnier Einmalig gut

Das Niveau ist hoch, der Modus reizvoll: Das Champions-League-Finalturnier in Lissabon wurde aus der Corona-Not geboren - ist aber sogar besser als das Original. Eine Zukunft hat es trotzdem nicht.
Aus Lissabon berichtet Danial Montazeri
Bayern gegen Barcelona: Fußball auf Weltklasseniveau

Bayern gegen Barcelona: Fußball auf Weltklasseniveau

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Manu Fernandez / AP

Am Donnerstag verkündete Sky einen Rekord. Das Halbfinale der Bayern gegen Lyon hatten laut Senderangaben mehr als zwei Millionen Zuschauer verfolgt. Nie waren es mehr bei einem Einzelspiel in der Champions League. Hinzu kommen die Zuschauer, die das Spiel in Kneipen oder bei Bekannten verfolgten oder Sky Ticket nutzten. Und dann waren da ja noch diejenigen, die es via DAZN schauten.

Wenn der FC Bayern in der Königsklasse erfolgreich ist, ist das Interesse naturgemäß groß. Das gilt umso mehr, wenn er soeben Barcelona 8:2 geschlagen hat. Vermutlich trägt aber auch der neue Modus bei diesem Finalturnier in Lissabon dazu bei, dass besonders viele Menschen eingeschaltet hatten.

Das Turnier wurde aus der Corona-Not heraus geboren. Aufgrund der Pandemie wird es ohne Zuschauer ausgetragen, an einem Ort und mit so wenigen Spielen wie nötig.

Herausgekommen ist ein Format, das das Zeug zum besten Fußballevent überhaupt hat. Eine Art Weltmeisterschaft, komprimiert und auf höherem Niveau.

Weltklassefußball im Tagesrhythmus

Vom ersten Spiel an war das zu beobachten. Das kleine Atalanta, das Paris Saint-Germain am Rande der Niederlage hatte, ehe Eric Maxim Choupo-Moting zum Helden wurde.

Konflikt der Fußballmärchen: Joker Eric Maxim Choupo-Moting (vorne) warf Atalanta mit seinem Treffer aus dem Wettbewerb

Konflikt der Fußballmärchen: Joker Eric Maxim Choupo-Moting (vorne) warf Atalanta mit seinem Treffer aus dem Wettbewerb

Foto: DAVID RAMOS / AFP

RB Leipzig, das gegen Atlético taktisch so spektakulär auftrat, wie es nur Teams mit Ausnahmetrainern tun, die nicht Trends aufgreifen, sondern eigene Ideen entwickeln. Pep Guardiolas Sensations-Aus mit Manchester City, das nur deshalb nicht die Geschichte des Viertelfinals wurde, weil die Bayern gegen Barcelona eine noch größere schrieben.

Hinter uns liegt Weltklassefußball im Tagesrhythmus, wie ihn nur Klubmannschaften liefern können. Anders als Nationalteams sind ihre Kader stärker, ihre Elf eingespielter, ihre Trainer oft versierter.

Dass die Runden in je nur einer Partie ausgetragen wurden statt in Hin- und Rückspiel, tat das Seine dazu. In nur einem Duell auf neutralem Boden wachsen die Chancen der Außenseiter. Je kürzer die Spielzeit, desto größer der Chaosfaktor. Ein abgefälschter Schuss, ein Schiedsrichterfehler, eine vergebene Großchance, solche Ereignisse sind für die Favoriten in 90 Minuten schwieriger wettzumachen als in 180. Man City wird das bestätigen können.

Eine Leerstelle bleibt

Es gab gute Gründe, als Zuschauer mit ambivalenten Gefühlen in dieses Turnier zu gehen. Mannschaften mussten ohne Spieler antreten, die mitgeholfen hatten, sie in dieses Final Eight zu bringen. Aber irgendwann packte viele dann wohl doch der Reiz, der von diesem Wettbewerb ausgeht. Davon zeugen nicht nur die TV-Quoten, sondern auch unsere Leserzahlen bei SPIEGEL.de.

Zugleich blieb in Lissabon eine Leerstelle.

Wer einmal bei einem Champions-League-Endspiel gewesen ist, wird die Atmosphäre nie vergessen. Blendet man die Inszenierung der Uefa rund ums Spiel aus, bleiben zwei Fangruppen, Tausende Menschen, die Zeit und Geld und Nerven investiert haben, um bei diesem Erlebnis dabei zu sein. Ihre Mannschaften können zur erfolgreichsten des Kontinents werden, vielleicht erleben sie das ein einziges Mal in ihrem Leben. Wie viel ihnen das bedeutet, merkt man ihnen an. Während des Spiels, vor dem Anpfiff, aber auch schon tagsüber, in den Innenstädten des Finalorts.

Champions-League-Trophäe in Lissabon

Champions-League-Trophäe in Lissabon

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RAFAEL MARCHANTE / REUTERS

In Lissabon aber waren kaum Fans.

Auf dem Rossio, einem zentralen Platz, war ein überdimensionaler Ballon in Form des Champions-League-Pokals aufgestellt. Normalerweise hätten sich hier täglich etliche Menschen versammelt. Aber nun lief dort nur vereinzelt jemand im Trikot herum. Es gab keine Frotzeleien zwischen Fans verschiedener Klubs, keine Gesangsduelle, aber eben auch keine Annäherung. Und auch darum geht es bei solchen Ereignissen.

Die Souvenirshops boten Merchandise-Artikel der Mannschaften an, die abends spielten. Als Leipzig und Atlético an der Reihe waren, fanden sich in der Lissabonner Innenstadt tatsächlich RB-Schals. Ob schon jemand einen gekauft habe? Der Verkäufer zuckt mit den Achseln. Wer hätte ihn auch kaufen sollen?

Drinnen Weltklasse, draußen Stille

Während der Partien galt in Lissabon und seinen Stadien: Drinnen Weltklasse, draußen Stille.

Aber irgendwann werden Zuschauer wieder dabei sein dürfen. Sollte man an dem Modus auch dann festhalten?

Wer sich allein für den Fußball interessiert, wird mit Ja antworten.

Die Fußballklubs und der europäische Verband Uefa dürften Nein sagen.

Denn die Champions League als Höhepunkt der Saison in ihr Ende zu stellen und in kompakter Form auszutragen, hieße, die Zahl der Partien dauerhaft zu reduzieren. Weniger Spiele bedeuten weniger Einnahmen. Aus dem Spieltag, an dem Ticketerlöse wegfielen. Aus den TV-Geldern, weil die Sender wenig Interesse daran haben dürften, für geringere Sendezeit ähnliche Summen zu überweisen. Und es gibt nicht viele Fußballspiele, die lukrativer sind als die K.-o.-Partien der Champions League.

So bliebe am Ende weniger Geld für die Uefa, weniger für Klubs. Und wie wahrscheinlich ist es, dass sie zugunsten größerer Spannung auf Gewinne verzichten?

Eben.

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