Bayerns Fußballerinnen erstmals in der Allianz-Arena Das Highlight, das nicht einzigartig bleiben soll

Die Münchner Fußballerinnen tragen ihr Champions-League-Viertelfinale gegen Paris erstmals in der großen Arena aus – das gilt als »Meilenstein«. Daraus soll eine nachhaltige Entwicklung für den Frauenfußball werden. Aber wie?
Die Bayern-Spielerin Jovana Damnjanovic und Sarah Zadrazil feiern ein Tor für die Münchnerinnen

Die Bayern-Spielerin Jovana Damnjanovic und Sarah Zadrazil feiern ein Tor für die Münchnerinnen

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IMAGO/Sven Beyrich/SPP / IMAGO/Sports Press Photo

Für Giulia Gwinn wird der Dienstweg in die Allianz-Arena langsam zur Gewohnheit. Bereits am Samstag stand die Fußballerin des FC Bayern auf dem Rasen des Münchner Stadions, auf dem normalerweise die Männer des Rekordmeisters ihre Tore erzielen. Gemeinsam mit ihrer Teamkollegin Carolin Simon, beide in Zivil, warb sie vor dem 4:0 der Bayern gegen Union Berlin für ihr eigenes Fußballevent. 15 Euro werde eine Eintrittskarte kosten, bitte alle kommen.

Klinken putzen nennt man das.

Gwinn, 22, eine der talentiertesten Spielerinnen des deutschen Fußballs, wird am Abend ab 18.45 Uhr erneut im großen Münchner Stadion stehen. Dann aber im Trikot, vermutlich als Rechtsverteidigerin. Erstmals werden die Spielerinnen des FC Bayern ein Heimspiel in der Allianz-Arena austragen; auf die deutschen Meisterinnen wartet im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League Topklub Paris Saint-Germain mit der ehemaligen Bayern-Spielerin Sara Däbritz im Mittelfeld (Stream: DAZN). Es ist ein Duell auf Augenhöhe, beide Klubs standen im Vorjahr im Halbfinale der Königsklasse.

Als einen »Meilenstein« bezeichnete Bayerns Vorstandchef Oliver Kahn diesen Abend in der großen Münchner Arena.

Aber ist er das wirklich?

Deutschland ist spät dran

»Ich freue mich, dass es endlich passiert«, sagt Ex-Nationalspielerin und TV-Expertin Tabea Kemme dem SPIEGEL. »Auf der anderen Seite sind wir in Deutschland aber auch mal wieder zu spät. Ich weiß aus meiner Zeit beim FC Arsenal, wie großartig es ist, im Emirates Stadium zu spielen.« Das ist Jahre her, für Gwinn und ihre Teamkolleginnen steht eine Premiere an.

Plakate in der Münchner Innenstadt machten auf das Heimspiel aufmerksam, in den sozialen Netzwerken befeuerte der FC Bayern seine Frauenabteilung zuletzt deutlich stärker. Die ehemaligen Bayern-Bosse Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge besuchten Spiele der Frauen, auch Männer-Chefcoach Julian Nagelsmann sei zuletzt öfter gesichtet worden, erzählte Kapitänin Lina Magull bei »Goal«. 

Beim 4:2 gegen Frankfurt am Wochenende jubelten die Münchnerinnen noch im Stadion am Bayern-Campus

Beim 4:2 gegen Frankfurt am Wochenende jubelten die Münchnerinnen noch im Stadion am Bayern-Campus

Foto: IMAGO/Michaela Merk

Es wurde viel unternommen, um den Abend zu einem Event zu machen, der den deutschen Fußball der Frauen im EM-Jahr 2022 einen Schritt nach vorne bringt. In der kommenden Woche wird auch der VfL Wolfsburg (gegen den FC Arsenal) in dem Stadion auflaufen, das bisher zumeist die alleinige Heimstätte der Männer gewesen ist. Deutschlands Fußballerinnen sollen sichtbarer werden, das ist eine Hoffnung dieser Veranstaltungen.

Im Camp Nou werden 85.000 Fans erwartet

Und man will mit solchen Events auch wieder den Anschluss herstellen zu anderen Ländern. Die englische Women’s Super League ist die einzige echte Profiliga Europas und gilt als enteilt; dank eines millionenschweren Fernsehvertrags mit Sky Sports und BBC und fast 70 Livespielen pro Saison können sich die Fußballerinnen in England besser vermarkten als anderswo. Die Women’s Super League ist zum Traumziel von Topstars geworden.

Zum Vergleich: In Deutschland wird mittlerweile jedes Bundesliga-Spiel live übertragen, allerdings beim Spartenkanal Magenta TV ohne bedeutsame Reichweite. Vor Tagen verkündete Sky, die Rechte am DFB-Pokal der Frauen ab der kommenden Saison erworben zu haben. Der Fußball der Frauen wird auch hierzulande etwas sichtbarer – aber auf einem verhältnismäßig geringen Niveau.

In Europa entstanden in den vergangenen Jahren dagegen Bilder von Stadion-Highlights, die viel Aufmerksamkeit bekamen. In Italien stellte Juventus schon vor Jahren einen Rekord mit 39.000 Fans auf, in England werden Topspiele regelmäßig in großen Stadien ausgetragen, in Spanien besuchten mehr als 60.000 Fans das Duell zwischen Atlético und dem FC Barcelona. Möglich wurde das auch dank Freikarten. Solche Events sind aber ebenso Symbole, die zeigen sollen, welche Begeisterung vom Fußball der Frauen ausgeht.

»Das darf heute nur ein Startschuss sein«, sagt Kemme und appelliert an die Bayern-Verantwortlichen: »Wer den ersten Maßstab setzt, muss den zweiten schon geplant haben. Es müssen noch ganz viele Spiele in der Münchner Arena folgen.«

In der kommenden Woche dürfte es auf internationaler Ebene einen neuen Fanrekord in einem Champions-League-Spiel geben: Im Camp Nou werden 85.000 Zuschauerinnen und Zuschauer zum Viertelfinal-Rückspiel zwischen Barcelona und Real Madrid erwartet. All diese Karten seien laut Vereinsangaben verkauft  – und eben nicht verschenkt – worden.

Kein einmaliges Erlebnis?

Solche Bilder wird es aus der Allianz-Arena an diesem Abend nicht geben. Bisher sollen knapp 12.000 Tickets für das Spiel gegen PSG verkauft worden sein. Viele Plätze werden damit leer bleiben. Der Meilenstein, von dem Bayern-Chef Kahn sprach, hat noch Steigerungspotenzial.

Für Kemme aber ist diese negative Sichtweise das Problem: »In Deutschland verkaufen wir uns schlecht. Wenn heute Abend 12.000 Zuschauer kommen, muss man das hervorheben und betonen, wie gut die Stimmung war.«

Abschlusstraining in der Münchner Allianz-Arena

Abschlusstraining in der Münchner Allianz-Arena

Foto: IMAGO/Peter Hartenfelser / IMAGO/Hartenfelser

Das Thema Wertschätzung wurde im Fußball der Frauen immer wieder diskutiert – und den Sprung vom kleinen Stadion am Münchner Campus, wo die Bayern-Frauen normalerweise spielen, rüber in das große WM-Stadion von 2006 darf man als ein Zeichen der Anerkennung verstehen. Es geht auch um Respekt vor den Leistungen der Fußballerinnen, die neben der Arbeit auf dem Fußballplatz oft noch viele Stunden in anderen Jobs unterwegs sind oder für die Karriere nach der Fußballlaufbahn studieren.

Das Spiel gegen PSG soll deswegen auch ein Erlebnis sein. »Es ist ein großes Geschenk, dass wir uns hier in der Allianz-Arena präsentieren dürfen«, sagte Offensivspielerin Linda Dallmann. »Ich bin von klein auf Bayern-Fan, und jetzt hier spielen zu dürfen – da geht für mich und viele andere ein Kindheitstraum in Erfüllung.«

Im Schnitt kommen 750 Zuschauende bei den Bayern-Heimspielen

Ob es einmal der Normalzustand wird, dass die Münchner Fußballerinnen in der Allianz-Arena auflaufen, wurde Bayern-Coach Jens Scheuer vor dem Spiel gegen PSG gefragt. Scheuer sagte, dass sich dafür der gesamte deutsche Fußball der Frauen weiter steigern müsse. Das nächste Ziel müsse eher sein, die Auslastung bei Heimspielen am Münchner Campus weiter nach vorn zu bringen. Das Bundesliga-Topspiel des FC Bayern gegen Eintracht Frankfurt am vergangenen Wochenende besuchten 1021 Fans.

Im Durchschnitt kamen in dieser Bundesliga-Saison gar nur 750 Zuschauende zu den Heimspielen der Bayern (den höchsten Schnitt der Liga hat Frankfurt mit 1165). Wie aber kann die Aufmerksamkeit gesteigert werden?

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»Höhere Zuschauerzahlen passieren nicht von heute auf morgen«, sagt Kemme. Die TV-Situation wird sich in Deutschland in den kommenden Jahren vermutlich kaum ändern. Für Kemme, die bei Amazon Champions-League-Spiele der Männer analysiert, sind die Klubs in der Verantwortung. »Die Topvereine in Spanien oder England vermarkten die Frauen gemeinsam mit den Männern«, sagt die 30-Jährige. »Wenn ich die Spielerinnen auf Plakaten am Stadion sehe, lerne ich sie als Fan kennen, und so entsteht eine Identifikation.«

Der Rekord in Barcelona kommende Woche könne ein Beispiel sein, »was mit kontinuierlicher Arbeit möglich ist«, sagt Kemme.

Die Bayern beschreiten diesen Weg mittlerweile konsequenter. Ein gutes Spiel gegen PSG könnte helfen, dass von den 12.000 Fans viele wiederkommen.