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Bayerns 7:1 in der Champions League Roms Untergang

Es war eine atemberaubende Machtdemonstration: Der FC Bayern hat beim starken AS Rom gezeigt, dass er die Ideen von Guardiola nicht nur angenommen, sondern weiterentwickelt hat. Und es soll sogar noch besser werden.

Es ist ein halbes Jahr her, da wurde Josep Guardiolas Fußballidee von ihren Kritikern zu Grabe getragen. 0:1 und 0:4 hatte der FC Bayern da gegen Real Madrid im Halbfinale der Champions League verloren, das auf Ballbesitz ausgelegte Konzept des katalanischen Trainers habe ausgedient, hieß es. Nun, sechs Monate, eine Weltmeisterschaft und einen spektakulären 7:1 (5:0)-Sieg der Münchner gegen den AS Rom später lässt sich sagen: Guardiolas Idee von Fußball war wohl nie lebendiger.

Seine Mannschaft spielte an diesem Abend in Rom zeitweise nahe an der Perfektion, fünf Tore fielen bis zur Halbzeitpause für die Bayern. Nach wenigen Minuten des Abtastens hatte erst Arjen Robben im Anschluss an eine Passkombination mit Kapitän Philipp Lahm zur Führung getroffen (9. Minute), eine knappe Viertelstunde später erhöhte erst Mario Götze - ebenfalls nach einem Doppelpass mit Thomas Müller - (23.) und kurz darauf Robert Lewandowski per Kopfball (25.). Rom, vor der Partie noch als ernsthafter Gegner für die Münchner hochgelobt, zerfiel. Bei den Bayern dagegen griff alles ineinander: Die Laufwege stimmten, die Passabfolgen, die variable Raumaufteilung.

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Die Guardiola-Elf schien sich mit ihrem Fußball selbst zu betören, sie spielte, als rufe sie einstudierte Bewegungsfolgen in einem Trainingsspiel ab. Erst in der zweiten Halbzeit ließ sie den Gastgebern mehr Raum für Chancen. "War das ein perfektes Spiel?", fragte ein beeindruckter italienischer Journalist den Münchner Trainer im Anschluss. Doch der wollte davon nichts wissen: "Für mich gibt es kein perfektes Spiel", sagte er. "In den ersten 25, 30 Minuten haben wir es sehr gut gemacht, doch in der zweiten Halbzeit hatten wir weniger Ballbesitz und sind mehr gelaufen."

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D ie Szene wirkte unwirklich: Da saß Guardiola nach diesem historisch hohen Sieg seiner Mannschaft auf dem Pressepodium, verschränkte die Arme und zog die Stirn in Falten. Natürlich sei er zufrieden, immerhin führe sein Team die Gruppe mit neun Punkten an und sei dem Achtelfinale einen großen Schritt näher gekommen. Doch in Wahrheit sei dieses Spiel nicht mehr als ein "Unfall", sagte er, "ein 7:1 ist nicht normal".

Nun ist Guardiola dafür bekannt, die Erwartungen an sich und sein Fußballer klein zu halten, die vergangene Saison mit dem schmerzhaften Aus gegen Real Madrid hat ihre Spuren hinterlassen. Doch man merkte ihm an, dass er diesen Abend nicht einfach als gelungenes Spektakel gelten lassen wollte. Seine Mannschaft hatte gespielt, wie er es von ihr verlangt: als vorausschauendes Kollektiv, mit dem Ball. Aber eben nicht über 90 Minuten. Für den Akribiker Guardiola hat diese herausragende Leistung schon wieder neue Arbeits- und Verbesserungsansätze hervorgebracht.

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Denn Guardiola weiß, dass seine Mannschaft noch stärker sein kann. Sie sei schon besser als im vergangenen Jahr zur gleichen Zeit, hatte der Trainer am Tag vor dem Roma-Spiel gesagt, doch: "Es ist erst Oktober, wir müssen uns noch entwickeln." Er brauche noch mehr Zeit: Das hatte Guardiola auch im vergangenen April betont, als die Zweifel an seinem Spielkonzept laut wurden. Die Bayern-Verantwortlichen haben sie ihm gegeben.

Das macht sich nun ganz offenbar bezahlt. Nach einem etwas holprigen Saisonstart, der vor allem den Neuverpflichtungen nach den Verletzungen von Javier Martínez und Thiago Alcántara sowie die Nachwehen der WM geschuldet war, wirkt der FC Bayern so eingespielt wie lange nicht mehr. Das Bemerkenswerte dabei: Der Fußball der Münchner hat sich seit der vergangenen Spielzeit verändert, er ist vielseitiger und flexibler geworden.

Das mag zum einen an Mittelfeldregisseur Xabi Alonso liegen, der mehr lange, vertikale Pässe spielt. Zum anderen scheint es aber, als verstünden die Münchner Spieler besser, was ihr Trainer von ihnen möchte. Als sprächen sie nun alle die gleiche Sprache. Der derzeitige Fußball der Bayern ist eine Weiterführung der Idee, die Guardiola von Barcelona mit nach München brachte, die zwar auf Ball- und Raumkontrolle basiert, dabei aber die individuellen Stärken der Spieler berücksichtigt - und die Schwächen der Gegner. Der FC Bayern und Guardiola sind aneinander gewachsen.

"Ich will keinen Vergleich zwischen Barça und Bayern ziehen", sagte Guardiola, "natürlich gibt es Ähnlichkeiten. Aber auch Unterschiede, weil die Spieler unterschiedlich sind." Eine Gemeinsamkeit hätten die beiden Klubs allerdings: "Sie lassen mir Raum für meine Philosophie."

Es war dieser kurze Moment, in dem von Guardiola so etwas wie Genugtuung ausging. Auch wenn er sich nicht traute, es zu sagen: Ein bisschen stolz war er schon auf dieses Spiel. Er beeilte sich, hinterherzuschieben, dass es ganz anders aussehen werde, wenn Rom in München zu Gast sei - doch nicht einmal Roma-Trainer Rudi Garcia scheint daran zu glauben: "Ein Unfall?", fragte er: "Das war viel zu deutlich, um ein Unfall zu sein."