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Champions-League-Halbfinale Schalke chancenlos? Schalke riesengroß!

Schalke schlägt Titelverteidiger Inter Mailand zum zweiten Mal, jetzt geht es im Champions-League-Halbfinale gegen die Fußballgroßmacht Manchester United. Tatsächlich können sich die Gelsenkirchener Hoffnungen auf das Finale machen - weil bei ihnen immer noch ein bisschen Felix Magath zu spüren ist.

Irgendwann hatte Manuel Neuer genug von Raúl, diesem kleinen Helden von schier endloser Bescheidenheit. Wieder und wieder stießen die Fans in der Gelsenkirchener Arena ihr lang gezogenes "Rauuuuul" hervor, ein leidenschaftliches Liebesbekenntnis. Sie wollten mit dem spanischen Superstar feiern. Seine Tänze mit dem Ball, seine unermüdliche Einsatzbereitschaft hatten wieder einmal alle verzückt. Doch der Held zierte sich. Er versteckte sich, schlich hinter den Rücken der Mitspieler umher, bis Neuer, der Kapitän, ihm einen kräftigen Stoß versetzte. "Die Fans haben ihn letzte Woche schon gefordert, jetzt wurde es mal Zeit, heute musste er gehen", sagte Neuer später. Und so kletterte Raúl auf die Tribüne mit den treuesten Fans und brüllte Parolen des Überschwangs in ein Megaphon.

Die Menschen auf Schalke strahlten vor Glück, denn zumindest für einen kleinen denkwürdigen Augenblick haben sie wieder eine wirklich große Mannschaft. Ältere Anhänger wippten elanvoll die Treppen der Tribünen hinunter, andere sprangen wie junge Hunde durch die Gänge des Stadions, denn der Club hatte Inter Mailand nach dem unglaublichen 5:2 im Hinspiel auch im Rückspiel des Champions-League-Viertelfinals besiegt. 2:1 (1:0) diesmal, unspektakulär irgendwie, doch der Einzug ins Halbfinale ist Spektakel genug. "Es ist ein historischer Moment für alle, die ihn erleben dürfen", sagte Raúl später feierlich. "Um solche Momente zu erleben, bin ich nach Schalke gekommen."

Real Madrid, FC Barcelona, Manchester United und Schalke 04, so lauten die Namen der vier Halbfinalisten der Champions League. Drei Giganten und ein Chaosclub - so hätte man diese Aufzählung noch vor vier Wochen überschreiben können. Nun handelt es sich bei dieser heterogenen Liste um die derzeit besten Vereinsmannschaften Europas. "Es ist ein Traum, besser als Musik", so Außenverteidiger Hans Sarpei, "und natürlich träume ich jetzt auch vom Finale." Wie der ganze Club.

Spieler, Betreuer, Mitarbeiter, Fans - der ganze Club ist befreit

Denn auf Schalke hat sich eine erstaunlich fruchtbare Konstellation ergeben, auf deren Basis tatsächlich weitere Sensationen realisierbar scheinen. Spieler, Betreuer, Mitarbeiter, Fans, der ganze Club ist befreit aus den eisernen Händen von Felix Magath, das setzt gewaltige Dosen positiver Energie frei. Gleichzeitig profitiert der Verein aber auch von den positiven Aspekten der Magath-Ära.

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Sieg über Inter: Schalke bezwingt den Titelverteidiger

Foto: Bongarts/Getty Images

So ist Schalke unter den Halbfinalisten die wahrscheinlich kräftigste und ausdauerndste Mannschaft, außerdem hat der entlassene Trainer seinem Nachfolger trotz bisweilen wirr erscheinender Transferpolitik ein paar Spieler hinterlassen, die nun auf allerhöchstem Niveau aufblühen.

Der als Millionen-Flop beschimpfte José Maunuel Jurado ist unter Ralf Rangnick endgültig zu einem großartigen Kreativspieler gereift, Atsuto Uchida übersteht mittlerweile 90 Minuten gegen Stars wie Samuel Eto'o ziemlich fehlerfrei, und Kyrgiakos Papadopoulos entwickelt sich zu einem defensiven Mittelfeldspieler mit einer außergewöhnlichen Mischung aus Robustheit, Kopfballstärke und spielerischen Fähigkeiten. Mit Manuel Neuer, dem überragenden Benedikt Höwedes, und dem gegen Mailand gesperrten Jefferson Farfan stehen alte Schalker im Team, die ohnehin reif sind für Großtaten auf europäischem Spitzenniveau, und natürlich haben die Gelsenkirchener den unglaublichen Raúl.

Er war es, der das wichtige 1:0 kurz vor der Halbzeit erzielte, die Erlösung. Schlafwandlerisch sicher hatte er Inter-Torhüter Júlio César ausgespielt, den Ball ins Netz geschoben und damit die einzige kurze Phase beendet, in der so etwas wie leichte Verunsicherung aufgekommen war. "Dieses Tor hat ihnen die Hoffnung genommen", sagte der Spanier, der mit einem lässigen Heber auch noch Höwedes' 2:1-Siegtreffer vorbereitet hatte.

"Ich habe diese Mannschaft immer bewundert"

Und dennoch blieb Raúl demütig wie der heilige Franziskus. "Ich habe allerhöchsten Respekt vor Manchester United, diese Mannschaft habe ich immer bewundert", sagte er zum Halbfinalgegner, und Manager Horst Heldt wies noch einmal ausdrücklich auf den Anteil von Felix Magath hin. Auf Schalke stimmt derzeit die innere Balance und vielleicht liegt das auch daran, dass Raúl nicht nur mit seiner grandiosen Spielkunst glänzt, möglicherweise lehrt er den oftmals etwas schrägen Club Bescheidenheit und Zurückhaltung.

Das schrille, etwas überdrehte Schalke, das wohl immer irgendwie pulsieren wird, wurde einzig von Aufsichtsratschef Clemens Tönnies repräsentiert: "Jetzt zeigen wir Manchester United, wo der Hammer hängt", verkündete der Großmetzger und wirkte mit dieser Aussage irgendwie Fehl am Platz zwischen all den ergriffenen Menschen in Königsblau. Denn dort, wo Schalke jetzt angekommen ist, unter den besten vier Europas, ist das Sprücheklopfen José Mourinho vorbehalten. Die anderen, Messi, Xavi, Özil, Rooney oder Raúl drängen nicht ins Scheinwerferlicht. Es sei denn natürlich, sie haben einen Ball am Fuß.

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