Inters Last-minute-Sieg Der Ausbruch des Vulkans

Ausgleich in der 86. Minute, Siegtreffer in der Nachspielzeit: Inter hat sich nach fast sieben Jahren ohne Champions League eindrucksvoll zurückgemeldet. Auf den Rängen ließen die Fans ihren Emotionen freien Lauf.
Aus Mailand berichtet Benjamin Knaack
Jubel nach dem 2:1 in der Schlussminute

Jubel nach dem 2:1 in der Schlussminute

Foto: DANIEL DAL ZENNARO/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Aufgestaute Emotionen sind eine schwierige Sache. Wenn sie aus den Untiefen der Menschen herausbrechen, führen sie manchmal zu Zusammenbrüchen, manchmal zu Gewalttaten oder menschlichen Tragödien. Aber ab und zu auch zu angenehmeren Dingen. Zu kollektiven, ohrenbetäubenden Jubelstürmen zum Beispiel. Genau das war am Dienstagabend im Giuseppe-Meazza-Stadion zu beobachten. Zu hören war es noch viel weiter, wahrscheinlich bis in die Innenstadt Mailands.

Die Inter-Fans hatten auf einen solchen Abend fast sieben Jahre warten müssen. Sechsmal in Folge hatte sich der italienische Klub nicht für die Champions League qualifiziert. Sie mussten zusehen, wie andere Vereine die Pokale abräumten, während sie sich in den Untiefen des Serie-A-Mittelfelds verfingen. Es war den Zuschauern anzumerken, dass sie bereit waren, all die verpassten Emotionen gleich im ersten Spiel der Königsklasse nachzuholen.

Gegner Tottenham Hotspur wurde beim Betreten des Rasens ein bisschen lauter als anderswo ausgepfiffen, die Hymne "Pazza Inter" (verrücktes Inter) besonders kraftvoll (und natürlich im Stehen) mitgesungen. Gewonnene Zweikämpfe und Einwürfe wurden wie Tore gefeiert, Eckbälle wie Siege, Torchancen wie Meisterschaften - in Minute eins ebenso wie in Minute 52. Und die Pfiffe wegen Zeitspiels gegen Tottenhams Torhüter Michel Vorm werden dem 34-Jährigen wohl noch lange in den Ohren klingen.

Icardi trifft aus 20 Metern

Doch die große Explosion, das Beben, den Ausbruch des Mailänder Vulkans sparten sich die Tifosi für das grande finale auf.

Genaugenommen waren es zwei Ausbrüche. Der erste kam in der 86. Minute, als Kapitän Mauro Icardi das 1:1 erzielte. Ein Volleyschuss aus 20 Metern Entfernung, vier Minuten vor dem Ablauf der regulären Spielzeit. Eigentlich waren die Fans unzufrieden mit Icardi, der bis dahin schwach gespielt hatte und in der Szene kurz vor dem Tor stehen geblieben war, weil ihm sein Gegenspieler in den Rücken gesprungen war.

Das Grummeln auf den Tribünen schlug jedoch in Begeisterung um, als Icardi traf - und damit die Führung von Christian Eriksen ausglich. Es war das erste Inter-Tor in der Champions League seit 2381 Tagen (nach Diego Milito im März 2012 gegen Marseille). Die Zuneigung, die ihm die Fans daraufhin entgegenbrachten, ist übrigens nicht selbstverständlich. Zwei Jahre ist es her, dass sich der Kapitän mit Teilen der Anhängerschaft angelegt hatte und sogar drohte, argentinische Kriminelle auf sie zu hetzen. Vergangenheit.

"Es war spektakulär"

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Nach dem Ausgleich blieben Lautstärkepegel und Anspannung der Fans hoch, sie witterten die Chance auf den ersten Champions-League-Sieg seit November 2011 (2:1 gegen Lille in der Vorrunde). Und sie wurden nicht enttäuscht. In der zweiten Minute der Nachspielzeit traf Matías Vecino per Kopf zum 2:1, der zweite Ausbruch. Die gute Stimmung hielt bis weit nach Abpfiff.

"Ein solches Match, dazu in der Champions League, gibt uns so viel", sagte Kapitän Icardi nach der Partie: "Es war spektakulär." Ivan Perisic, der frühere Dortmunder und Wolfsburger, ergänzte: "Wir haben bis zum Ende gekämpft und unseren Charakter bewiesen." Trainer Spaletti lobte vor allem die Anhänger: "Wir haben gesehen, wie die Fans im Stadion gefeiert haben, was es ihnen bedeutet."

Mit dem Sieg hat Inter nun gute Aussichten auf den Einzug in die K.o.-Phase der Champions League. Favorit Barcelona setzte sich zwar dank drei Toren von Lionel Messi mit einem 4:0-Sieg gegen PSV Eindhoven an die Tabellenspitze, doch im Vergleich mit dem schärfsten Konkurrenten um Platz zwei, Tottenham, hat Inter nun einen Vorsprung. "Es ist nur ein Sieg, wir müssen ruhig bleiben", sagte Icardi. "Der Sieg gibt uns Selbstvertrauen", meinte sein Coach.

Scala del Calcio

Das Giuseppe-Meazza-Stadion, Heimstätte beider Mailänder Klubs, ist wie so viele Kathedralen des Fußballs bei näherer Betrachtung etwas in die Jahre gekommen, und es liegt erstaunlich viel Müll in den Aufgängen zur Tribüne. Dennoch trägt es natürlich noch immer den Beinamen "Scala del Calcio", Theater des Fußballs. Legendäre Spiele wurden hier ausgetragen, zum Beispiel bei den WM-Endrunden 1934 und 1990.

Am Dienstagabend ist die geschichtsträchtige Spielstätte ihrem Ruf gerecht geworden.

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