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Ivan Rakitic: Von Gelsenkirchen nach Barcelona

Foto: David Ramos/ Getty Images

Barças Mittelfeldspieler Rakitic Plötzlich Stammspieler

Ivan Rakitic hat beim FC Barcelona in nur einer Saison einen Stammplatz ergattert. Geahnt hatten das einige wenige, erwartet wohl kaum einer. Der Mittelfeldspieler hat in Spanien eine Umgebung gefunden, die zu ihm passt.

Andoni Zubizarreta und der FC Barcelona trennten sich im Schlechten. Viereinhalb Jahre war der frühere spanische Nationaltorwart Sportdirektor der Katalanen gewesen, mit dem damaligen Trainer Josep Guardiola hatte er das Team zusammengestellt, das 2011 die Champions League gewann. Anfang des Jahres wurde Zubizarreta entlassen, angeblich wegen ein paar schlechter Transfers.

Dabei müsste Barcelonas Präsident Josep Maria Bartomeu ihm eigentlich dankbar sein: Zubizarreta gelang im vergangenen Sommer eine der klügsten Verpflichtungen der letzten Jahre. Er lockte Ivan Rakitic zum FC Barcelona.

Jenen Rakitic, der 2007 vom FC Basel nach Schalke kam, den sie in Gelsenkirchen 2011 bereitwillig zum FC Sevilla ziehen ließen, und der dort erst Kapitän, dann Sieger in der Europa League wurde. Und der nun mit Barça die Chance hat, ins Finale der Champions League einzuziehen.

Auf Schalke ist man überrascht darüber, dass einer, der bei ihnen mittelprächtig zurechtkam, plötzlich Stammspieler beim großen FC Barcelona ist. 135 Spiele hatte Rakitic in der Bundesliga gemacht, dabei waren ihm 16 Tore und 29 Vorlagen gelungen. Während seiner dreieinhalb Jahre in Sevilla traf er 32-mal und lieferte 41 Assists, in Barcelona kommt er schon jetzt auf 46 Spiele, sieben Tore und neun Vorlagen.

"Hier wird so gespielt, wie ich es liebe"

Was ist passiert mit dem mäßigen Mittelfeldspieler von damals, mit dem einstigen Sorgenkind des FC Schalke 04?

Man könnte es mit den gängigen Erklärungen versuchen: Rakitic, 27, ist gereift, er ist erwachsen geworden, er schlägt sich nicht mehr die Nächte in Diskos um die Ohren. Stimmt alles, mittlerweile ist er sogar verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Doch es ist nur die halbe Wahrheit. Vor allem hat Rakitic mit der spanischen Liga eine Umgebung gefunden, die zu ihm passt und in die er passt. Seine Fußballheimat.

"Hier wird anders gespielt, viel mehr so, wie ich es liebe", sagte Rakitic kurz nach seinem Wechsel zu Sevilla. Der Fußball, den er liebt, ist technisch und taktisch anspruchsvoll, er ist intelligent und basiert auf vielen Pässen.

Auf Schalke wurde Rakitic oft vorgeworfen, den Sport zu körperlos zu interpretieren, vor allem das kampfbetonte Umschaltspiel unter Mirko Slomka schien ihm nicht zu liegen. Trotz seiner physischen Stärke fehle es Rakitic an Durchsetzungsvermögen, hieß es damals. Von seinem außergewöhnlichen Talent, mit dem er während der Europameisterschaft 2008 die europäischen Top-Klubs auf sich aufmerksam gemacht hatte, war nur noch wenig zu sehen.

Doch verlorengegangen war es nie, das kann man in dieser Saison bei fast jedem Spiel des FC Barcelona deutlich erkennen.

Rakitic wurde als Sohn bosnisch-kroatischer Einwanderer im Schweizer Ort Möhlin geboren. Einer, der ihn noch aus seiner Jugendzeit kennt, ist Ottmar Hitzfeld. Der frühere Schweizer Nationaltrainer sagt: "Ivan ist schon in jungen Jahren mit seiner außergewöhnlichen Technik als selbstbewusster Regisseur aufgefallen. Er kann das Spiel sehr gut lesen und den Rhythmus bestimmen." Rakitic ist kein filigraner Künstler, doch er spielt intelligente Pässe, besitzt großes taktisches Verständnis und ist im gesamten Mittelfeld einsetzbar: als Spielmacher vor der Abwehr oder als offensiv gefährlicher Mann hinter den Stürmern.

Saisoneinsätze von Barcelonas Mittelfeldspielern (insgesamt)

Spieler Spiele Tore Assists Spielminuten
Ivan Rakitic 46 7 9 2918
Xavi Hérnandez 37 2 10 1957
Andrés Iniesta 35 3 7 2515
Sergio Busquets 41 1 3 3108

Für Sevilla wurde Rakitic so unersetzlich, er war dort "el metrónomo", Taktgeber und Troubleshooter in einem, zuletzt lief beinahe alles über ihn. Er ahnte, dass er sich bei den Andalusiern kaum mehr weiterentwickeln konnte, und so kam die Offerte des FC Barcelona gerade recht. Auch Real Madrid, Stadtrivale Atlético und Klubs aus der Premier League sollen interessiert gewesen sein.

Doch Zubizarreta hatte einige gewichtige Argumente. Durch den Weggang von Cesc Fàbregas zu Chelsea war ein Stammplatz im zentralen Mittelfeld freigeworden; die Mannschaft sollte zudem allmählich von ihren Altstars Xavi Hernández und Andrés Iniesta entwöhnt werden. Und: Mit Luis Enrique versprach der Sportdirektor Rakitic einen Trainer, in dessen Fußball er eine tragende Rolle spielen könnte.

Rakitic unterschrieb in Barcelona einen Vertrag bis 2019 und stand seitdem in fast jedem Pflichtspiel auf dem Platz, insgesamt bereits 2918 Minuten. Fast 1000 mehr als Xavi, Rakitics Jugendidol, der meist nur noch eingewechselt wird. Gemeinsam mit seinem defensiveren Mittelfeldkollegen Sergio Busquets bildet Rakitic die vertikale Achse, über die sich Barças Spiel aufbaut. Nach nicht einmal einem Jahr.

Hinzu kommt eine Fähigkeit, an der es dem FC Barcelona zuletzt mangelte: Rakitic kann aus der zweiten Reihe das Tor treffen. "Ivan kann das, er würde unsere Spielidee perfekt ergänzen", sagte Andoni Zubizarreta im vergangenen Sommer.

Präsident Bartomeu wird an diese Worte gelegentlich denken.