Mbappés drei Tore gegen Barcelona Der Pariser Exorzismus im Camp Nou

Neymar fehlte, dafür trumpfte ein anderer Superstar der Pariser auf: Kylian Mbappé schoss drei Tore in der Champions League gegen Barcelona. Warum will sein Klub überhaupt noch Messi?
Von Florian Haupt, Barcelona
Jubelnde Pariser: 4:1 im Camp Nou gewonnen

Jubelnde Pariser: 4:1 im Camp Nou gewonnen

Foto: Joan Monfort / dpa

Man hat sich ja irgendwie an die Pandemie gewöhnt, aber es gibt immer wieder Tage, an denen einem die Unterschiede zu früher drastisch vor Augen geführt werden. Der Dienstagabend in Barcelona war so einer: Hätte es so einen Auftritt von Kylian Mbappé auch vor den üblichen 99.000 Zuschauern gegeben?

Abende wie diesen erleben selbst größte Sportstars nur ganz selten. Nie bei fünf Auftritten im Camp Nou hatte Mbappés Klub Paris St. Germain gewonnen, zuletzt ein denkwürdiges 1:6 kassiert. Jetzt triumphierte man 4:1 (1:1). Mbappé gelang dabei als erstem internationalen Gast seit 1997 ein Hattrick in Europas größtem Fußballtempel.

Seine Darbietung war von solcher Vollkommenheit, dass man die Zukunft zu erblicken meinte. Wer den dreifachen Torschützen an diesem Abend sah, vermisste keine Sekunde lang den verletzten PSG-Projektleader Neymar. Und konnte sich fragen, was um alles in der Welt der Scheichklub auch noch mit Lionel Messi will.

Müder Ritter mit stumpfem Schwert

In den vergangenen Wochen hatten PSG-Spieler und Verantwortliche wiederholte Avancen an den sechsfachen Weltfußballer ausgesandt. Für den PSG-Markenwert wäre er sicher auch im Alter von 33 noch eine andere Dimension. Aber auf dem Platz zeigte sich Messi in diesem großen Champions-League-Spiel nur noch als müder Ritter mit stumpfem Schwert.

Vielleicht sollten die Pariser lieber alle Zuwendungen auf den Jungen aus Bondy vor den Toren der Stadt legen, der seinen 2022 auslaufenden Vertrag bisher nicht verlängert hat und auch nach seiner Gala betonte: »Es wäre dumm, meine Zukunft wegen eines Spiels zu entscheiden.«

Mbappé, 22, ist elf Jahre jünger als Messi. Trotzdem reklamierte er den Thron des Fußballs natürlich nicht aus dem Nichts. Schon 2017 bei seinem Wechsel von der AS Monaco nach Paris kam er für eine Gesamtablöse von 180 Millionen Euro. Und im Juli 2018 stellte er Messi in einem spektakulären WM-Achtelfinale in den Schatten und gewann mit Frankreich den Weltpokal.

Barcelona-Abwehrchef Piqué flucht

Dennoch galt er beim PSG meistens nur als eine Art Vizekönig von Neymar. Kritiker hielten ihm vor, in neun Champions-League-K.o.-Spielen für Paris erst ein Tor erzielt zu haben – sowie generell gewisse Mätzchen. »Seine Spiel geht gegen das des PSG«, sagte kürzlich Jérôme Rothen, ein Ex-Profi der Pariser. »Er verkompliziert alles, er sollte nicht Stammspieler sein«, sagte Jean-Michel Larqué.

Sie dürften solche Sätze kaum noch wiederholen. Im Camp Nou schob Mbappé – strategisch wie sinnbildlich – eine Mannschaft nach vorn, die allenfalls direkt nach dem 0:1-Rückstand durch einen unglücklich verursachten Elfmeter einen Hauch von Angst vor einer erneuten 1:6-Niederlage verspürte. Denn die exzellenten Mittelfeldspieler Marco Verratti und Leandro Paredes organisierten den Pariser Exorzismus. Mbappé veredelte ihn.

»Eine langen Ballbesitz, einen langen Ballbesitz«, flehte Barças Abwehrchef Gerard Piqué unter allerlei Kraftausdrücken seine Vorderleute an, um die hilflose Verteidigung zu entlasten. Barça war physisch und taktisch unterlegen, fast so wie beim 2:8 gegen Bayern im Viertelfinale der vergangenen Saison. Noch mehr als beim 0:3 gegen Juventus im abschließenden Gruppenspiel dieser Saison. Damals nahm Cristiano Ronaldo das Camp Nou ein. Nun also Mbappé.

»Man sollte ihn jeden Tag genießen«

Das für seine aktuelle Stärke vielleicht zu hoch aufrückende Barça war sein ideales Opfer. Sein Ausgleichstor hatte sich Mbappé noch kleinteilig erarbeitet. Doch im Raum ist seine Kombination aus urwüchsigem Tempo und filigraner Technik erst recht nicht zu verteidigen. Und Räume öffnete Barça in der zweiten Hälfte, anstatt die bessere Verfassung der Pariser zu akzeptieren und den Schaden zu begrenzen.

Das Spiel zeigte den Parisern aber auch, was passiert, wenn sie sich ganz auf Mbappé einlassen, ähnlich wie die Franzosen beim WM-Sieg 2018. Die Abwesenheit von Neymar im Camp Nou hatte insofern auch Vorteile. Mit dem verspielteren Brasilianer ist der PSG nicht immer so vertikal unterwegs, schon die vielen Fouls bei seinen Dribblings nehmen den Partien mehr von ihrem Rhythmus, als es bei dem flotten, ungewöhnlich fairen Match im Camp Nou der Fall war.

Dort wuchs Mbappé wie nie zuvor an seiner Verantwortung. »Er hat an das Beste für die Mannschaft gedacht, nicht daran zu glänzen«, sagte der routinierte Torwart Keylor Navas. Auch der neue Coach Mauricio Pochettino streifte die drei Tore nur kurz, um dann Mbappés »Engagement bei den Defensivaufgaben« hervorzuheben. Immer das Team im Blick, so hat es ein Trainer gern.

Mbappé und Neymar noch besser miteinander zu verzahnen und gleichzeitig ihre jeweiligen Ansprüche fair auszutarieren, wird eine der Kernaufgaben des Argentiniers sein. Das persönliche Verhältnis der beiden Stars gilt als intakt. »Hattrick von meinem Jungen«, feierte der verletzte Neymar in den sozialen Netzwerken.

»Ich glaube, dass Paris St. Germain einen großen Star der Zukunft hat, der auf dem Niveau von Leo (Messi) oder Cristiano (Ronaldo) sein wird«, sagte Antoine Griezmann, sein Teamkollege aus der Nationalelf: »Man sollte ihn jeden Tag genießen.«

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