Manchester Uniteds Aufholjagd in Paris Der Geist von '99

Das gab es in der Champions League noch nie: Trotz 0:2-Heimniederlage im Hinspiel hat United die nächste Runde erreicht. Mit einer krassen Außenseitertaktik und einem Trainer, der gerne die Klubhistorie betont.
Ole Gunnar Solskjær

Ole Gunnar Solskjær

Foto: Julian Finney/ Getty Images

Kaum ein Fußballfan, der das Champions-League-Finale 1999 gesehen hat, wird es je vergessen. Der FC Bayern war früh in Führung gegangen; Manchester United drehte die Partie in der Nachspielzeit mit zwei Jokertoren; "Football, bloody hell!", sagte damals United-Trainer Sir Alex Ferguson, zu einem ganzen Satz reichte es nicht mehr, das Drama ließ sich nicht fassen.

Ole Gunnar Solskjær erzielte 1999 das Siegtor, mittlerweile ist der Norweger Trainer bei United, und nach den 90 Minuten vom Mittwochabend in Paris war klar, dass irgendwer an den Triumph über die Bayern erinnern würde. Das Thema kam bei der Pressekonferenz tatsächlich auf. "Football, eh", sagte Solskjær: "That's what it gives you."

Den Kultstatus des Ferguson-Ausspruchs wird Solskjær damit nicht erreichen. Aber es stimmte schon, der Fußball verwöhnt seine Fans in diesen Tagen. Am Dienstag bezwang Ajax Amsterdam Real Madrid im Bernabeu sensationell 4:1, nun folgte eine geglückte Aufholjagd mit historischen Dimensionen.

3:1 gewann United bei PSG und machte damit den Viertelfinaleinzug perfekt - trotz des 0:2 im Hinspiel in Old Trafford, obwohl englische Teams im Europapokal als eher auswärtsschwach gelten. Und in der Geschichte der Champions League war es noch keinem Klub gelungen, eine K.-o.-Runde nach einer 0:2-Heimpleite zu überstehen.

Die Dramaturgie tat das ihre: Das entscheidende Tor fiel in der Nachspielzeit. Und es überraschte nicht allein wegen des Zeitpunkts. United war im Hinspiel das klar unterlegene Team gewesen, in Paris musste es nun auf zehn Spieler verzichten, darunter der gesperrte Superstar Paul Pogba. Also traten die Gäste mit vielen Ersatzspielern und einer abwartenden Strategie an, beinahe wie ein Amateurklub im Pokalspiel beim Erstligisten. Stoff für Heldengeschichten - nach kaum etwas sehnen sie sich mehr in Manchester.

100 Prozent Defensive

Seit Ferguson 2013 als Trainer aufgehört hat, ist Manchester United nicht mehr derselbe Klub. Er wurde nicht mehr Meister, spielte selten begeisternden Fußball. United umweht die Sehnsucht nach der Magie von früher. Solskjær ist es in dieser Nacht von Paris gelungen, sie zurückzubringen.

Manchester, das mit Spielern wie Scott McTominay und später Tahith Chong oder Mason Greenwood auflief, vollbrachte eine dieser Abwehrleistungen, die man über die kommenden Tage hinaus erinnern wird. Zumindest galt das für die Zeit ab der 30. Minute.

Bis dahin wirkte United verwundbar, vor allem über die eigene rechte Abwehrseite. Dort hatte Solskjær überraschend Eric Bailly aufgestellt, einen Innenverteidiger. Davor spielte der defensive Ashley Young, gemeinsam sollten sie Ángel di María stoppen, der im Hinspiel so stark aufgespielt hatte. Bailly aber kam mit seiner Rolle nicht zurecht, Solskjær brauchte bis zur 36. Minute, ehe er seinen Fehler korrigierte.

Fortan verteidigte seine Mannschaft häufiger mit fünf Abwehrspielern statt mit vier, und das klappte viel besser. Die Red Devils betrieben hohen Aufwand, um stabil zu stehen. Zulasten der Offensive.

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Champions League: Und wieder erwischt es Paris

Foto: Action Images via Reuters

"Unser Plan war es, früh in Führung zu gehen und dafür zu sorgen, dass wir fünf oder zehn Minuten vor Abpfiff nicht mehr als ein Tor zum Weiterkommen brauchen. Und dann: mal schauen", sagte Solskjær später. Das klang nicht gerade nach einem Matchplan aus dem Tablet eines Taktikgenies. Aber irgendwie geht momentan alles auf, was sich der Norweger überlegt.

Vor allem gelingt es ihm, Spieler wie Fans mitzureißen. Das ist kein Zufall.

Solskjærs Strategie fußt darauf, gezielt das alte Man-United-Gefühl unter Ferguson aufleben zu lassen. Er betont seinen regelmäßigen Austausch mit der Trainerikone, spricht wie Ferguson und wo es geht, erinnert Solskjær an die Klubhistorie. Vorgänger José Mourinho tat manchmal so, als sei es ein besonders übles Los, United trainieren zu müssen, weil die Spieler zu schlecht seien. Solskjær sagt lieber Sätze wie "Wir sind Man United", als sei das bereits ausreichend, um Partien und Pokale gewinnen zu können. Bei der Analyse nach dem Spiel in Paris sprach er von "Furchtlosigkeit" und "Glaube an sich selbst". Das klingt simpel, und bislang geht das gut.

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17 Spiele hat United unter ihm als Trainer absolviert, 14 wurden gewonnen. Trotzdem ist nicht gewiss, dass Solskjær über die Saison hinaus Trainer bleibt. So merkwürdig das klingen mag: Vielleicht reicht selbst der Erfolg in Paris nicht aus, um dauerhaft zum Chefcoach ernannt zu werden.

Nach seinem Amtsantritt im vergangenen Dezember schwärmte etwa Paul Pogba von der offensiven Spielweise unter Solskjær. In Paris aber hätte auch der Defensivfanatiker Mourinho an der Seitenlinie stehen können - die taktische Ausrichtung wäre die gleiche gewesen. 27,6 Prozent Ballbesitz erreichte United, das übrigens einen höheren Umsatz generiert als PSG. Beim Spitzenspiel in der Premier League gegen Liverpool ermauerte sich das Team kürzlich ein 0:0.

Das mag mit den vielen Verletzten zusammenhängen (wobei sich die Frage stellt, welche Rolle der Trainer in diesem Zusammenhang einnimmt, Stichwort: Belastungssteuerung). Grundsätzlich aber wirken viele der United-Siege unter Solskjær glücklich. In Paris kam das Team eigentlich nur dreimal vors gegnerische Tor, bei zwei Treffern profitierte es von krassen individuellen Fehlern (Verteidiger Thilo Kehrer vor dem 0:1, Torwart Gianluigi Buffon beim 1:2), das dritte entsprang einem harmlosen Schuss, der zum Handelfmeter nach Videobeweis führte. Kurz: 180 Minuten lang der klare Außenseiter gegen Paris gewesen, trotzdem eine Runde weiter.

Manchester Uniteds Erfolg über PSG war der vielleicht magischste Moment der jüngeren Vereinsgeschichte. Ob er nachhaltig ist, ist eine andere Frage.

Paris Saint-Germain - Manchester United 1:3 (1:2)
0:1 Lukaku (2.)
1:1 Bernat (12.)
1:2 Lukaku (30.)
1:3 Rashford (90.+4)
Paris: Buffon - Kehrer (70. Meunier), Silva, Kimpembe, Bernat - Verratti, Marquinhos - Alves (90.+5 Cavani), Draxler (70. Paredes), di María - Mbappé
Manchester: de Gea - Lindelöf, Smalling, Bailly (36. Dalot) - Young (87. Greenwood), Shaw - McTominay, Fred - Pereira (80. Chong) - Rashford, Lukaku
Zuschauer: 46.500
Schiedsrichter: Skomina (Slowenien)
Gelbe Karten: di María, Parendes / Shaw

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