United-Niederlage bei Ronaldo-Rückkehr Knapp und deutlich

Cristiano Ronaldo spielte bei seiner Rückkehr nach Manchester nur eine Nebenrolle. Der 1:0-Sieg für Juventus offenbarte vor allem, wie weit United von der internationalen Spitze entfernt ist.

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Von , Manchester


Der finale Auftritt des Abends gehörte dann doch dem Mann, der in mehrfacher Hinsicht den Überbau für das Champions-League-Spiel zwischen Manchester United und Juventus geliefert hatte.

Cristiano Ronaldo war nach dem 1:0-Erfolg seines neuen Klubs der letzte verbliebene Fußballer auf dem Rasen des Old Trafford. Er hatte die robusten Sicherheitsmänner gerade um Gnade für einen Platzstürmer gebeten, der ein Foto mit ihm machen wollte. Das Bild wurde geschossen, dann bewegte sich der Portugiese mit langsamen Schritten in Richtung Spielertunnel. "Viva Ronaldo!", sangen die verbliebenen Zuschauer. Der Besungene klopfte sich als Zeichen der Dankbarkeit mit der Hand auf die Brust, dorthin, wo sein Herz ist.

Cristiano Ronaldo
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Cristiano Ronaldo

Die Veranstaltung war als Heimkehr des verlorenen Sohns anmoderiert worden. Von 2003 bis 2009 hatte Ronaldo für Manchester United gespielt und in dieser Zeit den Aufstieg zum Weltklasseprofi vollzogen. Man hätte im Vorlauf des Spiels beinahe vergessen können, dass der Angreifer aus Funchal auf Madeira stammt und nicht im Schatten des Old Trafford zur Welt gekommen ist. So sehr wird er in Manchester immer noch als einer der ihren angesehen, fast wie die Gallagher-Brüder oder Morrissey.

Auch die Vergewaltigungsvorwürfe sind vor dem Spiel Thema

Doch auch die Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn durch die Amerikanerin Kathryn Mayorga, über die der SPIEGEL zuerst berichtet hatte, waren Thema gewesen in der Hinführung auf die Partie. Ronaldo bestreitet die Anschuldigungen vehement und hatte in der Pressekonferenz am Tag vor dem Spiel bekräftigt, dass er um seine Funktion als Vorbild wisse.

Mit ihrem Lobpreis am Ende des Abends bewiesen Teile der United-Fans, dass ihre Verehrung weiterhin andauert - trotz der Vorwürfe und trotz der Tatsache, dass Ronaldo längst nur noch als Gegner ins Old Trafford kommt. Schon 2013 war das so, als er mit Real Madrid in Manchester spielte.

Während der 90 Minuten war Ronaldo allerdings nur eine Nebenrolle zugekommen. Er bereitete den Siegtreffer von Paulo Dybala nach einer guten Viertelstunde vor. Anstatt wieder einmal Ronaldos sportliche Ausnahmestellung zu beweisen, zeigte der Abend erschütternd offen, wie weit Manchester United, der umsatzstärkste Klub der Welt, mittlerweile von der internationalen Spitze entfernt ist.

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Spitzenspiel im Old Trafford: Wie besprochen

Das 1:0 im Old Trafford war ein 1:0 der klareren Sorte. Juventus hatte die Partie fest im Griff, vor allem in der ersten Hälfte, und war dem Gegner in allen Belangen überlegen. Das Team hatte 60 Prozent Ballbesitz und hätte den Sieg noch höher gestalten können, wenn nicht Uniteds Torwart David De Gea wie so oft exzellent aufgelegt gewesen wäre.

Uniteds Führungsspieler tauchen ab

Bei Juventus legten die Innenverteidiger Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini das Fundament für den Sieg, das Mittelfeld um Miralem Pjanic gab den Rhythmus der Partie an und vorne wirbelten Ronaldo und der herausragende Dybala. Bei United hingegen tauchten vermeintliche Schlüsselspieler wie Paul Pogba oder Romelu Lukaku ab. "Wenn ich das Spiel zusammenfassen müsste, würde ich sagen, dass Männer gegen Jungs gespielt haben", sagte United-Legende Rio Ferdinand beim Bezahlsender BT Sport.

Trotzdem hätte United mit etwas Glück sogar einen Punkt erbeuten können, wenn Pogbas Schuss in der zweiten Hälfte nicht am Pfosten, sondern im Tor gelandet wäre. Doch das kann nicht über den Klassenunterschied hinweg täuschen, der zwischen Juventus und United sichtbar wurde. Auf der einen Seite stand eine Mannschaft, die zu den ernsten Anwärtern auf den Titel in der Champions League zählen muss, auf der anderen eine, für die schon der Einzug ins Achtelfinale ein Erfolg wäre.

Das jedenfalls geht aus den Aussagen hervor, die Manchesters Trainer José Mourinho nach der knappen, deutlichen Niederlage mit Blick auf die Vorrundengruppe H tätigte. "Seit der Auslosung war klar, dass wir mit Valencia um den zweiten Platz kämpfen", sagte er. Juventus stand für ihn von Beginn an als Staffelsieger fest, und nach drei Spieltagen deutet tatsächlich alles darauf hin, dass der Trainer mit seiner Vorhersage richtig lag. Juventus ist Erster mit neun Punkten, es folgen United (vier), Valencia (zwei) und Young Boys Bern (eins).

Mourinho macht es sich als Außenseiter bequem

Unabhängig davon, ob Mourinhos Mannschaft in die K.-o.-Phase vorrückt, ist es für die Fans eine bestürzende Erkenntnis, dass ihr Trainer nicht einmal mehr daran glaubt, Erster werden zu können. Unter Sir Alex Ferguson hätte es solche Aussagen nicht gegeben, seinem Nachfolger David Moyes wären sie um die Ohren geflogen. Mourinho dagegen hat es sich bequem gemacht in einer Haltung, wonach Manchester United nur noch Außenseiter ist und höchsten Ansprüchen nicht mehr genügt.

Diese Haltung ließ er auch erkennen, als er der Turiner Abwehr ein spezielles Kompliment ausstellte: "Bonucci und Chiellini könnten auch an der Harvard-Universität unterrichten, was einen guten Innenverteidiger ausmacht", sagte er. Das war eine dieser typischen Bemerkungen gegen seine eigenen Innenverteidiger Chris Smalling und Victor Lindelöf und auch gegen seinen Vizepräsidenten Ed Woodward, der Mourinho im Sommer nicht die angeblich dringend benötigten Verstärkungen für die Abwehr beschafft hatte.

Eine weitere Rüge für die Vereinsführung war ebenfalls als Kompliment für Juventus verkleidet: "Sie wollen immer mehr. Sie wollen die besten Spieler der Welt. Sie sind ein großer Klub mit dem Verlangen nach einer großen Zukunft", sagte Mourinho. Und dürfte in Gedanken hinzugefügt haben: anders als wir.

Manchester United - Juventus Turin 0:1 (0:1)
0:1 Dybala (17.)
Manchester United: de Gea - Young, Smalling, Lindelöf, Shaw - Matic, Pogba - Rasfhord, Mata, Martial - R. Lukaku
Juventus Turin: Szczesny - Joao Cancelo (87. Douglas Costa), Bonucci, Chiellini, Alex Sandro - Pjanic - Betancur, Matuidi - Cuadrado (81. Barzagli), Cristiano Ronaldo - Dybala (78. Bernadeschi)
Schiedsrichter: Mazic
Zuschauer: 73.946
Gelbe Karten: Young / Matuidi, Chiellini

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Pless1 24.10.2018
1. Das Problem sitzt auf der Bank
United hat nicht die falschen Spieler, sie haben einen falschen Trainer. Er schafft es nicht, in den Spielern Feuer zu entfachen, versprüht nur negative Energie. Der Mann ist ausgebrannt und sollte sich am besten aus dem Fußball zurück ziehen. Seine Zeit ist lange vorbei.
login37 24.10.2018
2.
Marktwerte der Kader laut TM Manchester United 835,00 Mio Juventus Turin 783,50 Mio Wenn Mourinho ManU dann als Außenseiter sieht, muss es wohl am Trainer liegen. Mit der Stärke des Kaders ist es kaum erklärbar.
ilja.albrecht 24.10.2018
3. Nichts Neues
...so war Mourinho schon immer. Seinerzeit, als er die perfekte Mischung aus Spielzerstörern und Konterspielern hatte, lief das prima und seine Selbstdarstellung wurde ihm als taktische Finesse ausgelegt, den Druck von der Mannschaft zu nehmen. Weniger verblendete Beobachter konnten in seinen vehementen Attacken speziell gegen Arsene Wenger bereits erkennen, wie egozentrisch und zugleich besessen der Mann von seinem Ruhm ist. Vor allem verglichen mit Trainern, die einen Klassestil pflegen wie etwa Wenger oder Guardiola. Seine Obsession mit diesem beidenist in etwa vergleichbar wie die Trumps mit Obama und dementsprechend nachvollziehbar: Narzissten haben immer einen Konkurrenten bzw. Apltraum Alter Ego, der ihren Status bedroht. Und nun, da Morinhos Stil ebenso überholt und gekontert ist wie der von Jogi Löw, bleibt dem guten Mann nichts anderes mehr, als negative Energie und Attacken auf alle, die an der Misere Schuld sind. Dieser Niedergang begann mit seinen Stationen in Italien und Spanien und findet seinen Abschluss in England. Und ehrlich, das ist gut so. Der Mann tut dem Sport weder ästhetisch noch moralisch gut.
amertexos 24.10.2018
4. Wer glaubt ernsthaft,
dass Mourinho noch ein Supertrainer ist? Dieser Trainer liegt vor allen Dingen immer wieder mit sich und der Vereinsführung im Clinch. Wer aber dermaßen Unprofessionalität ausstrahlt, hat im Spitzensportler nichts verloren . Mourinhos Zeit ist einfach vorbei.
IMPA 24.10.2018
5.
Der Marktwert sagt so gut wie garnichts aus... bei Real, Barca, Bayern läuft es grad auch nicht rund. Meiner Meinung nach gibt es keine schlechten Trainer oder guten Trainer, wenn du als Trainer eine gewisse Spielweise von deinen Spielern verlangst, du aber keine geeigneten Spieler dafür hast und keine bekommst ist das Resultat am Ende keine Überraschung. [Übrigens führt Juve mit neuen Punkten die Tabelle an, nicht sieben]
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