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21. April 2015, 11:56 Uhr

Bayern-Star Götze unter Druck

Selten super, Mario

Eine Analyse von

Ein Kapitel in den Geschichtsbüchern des deutschen Fußballs ist Mario Götze sicher. Beim FC Bayern sucht er seinen Platz immer noch. Im Rückspiel gegen den FC Porto bekommt Götze die nächste Chance.

Der FC Bayern muss im Viertelfinal-Rückspiel gegen den FC Porto Historisches erreichen. Noch nie kamen die Münchner in ihrer Europapokalgeschichte weiter, wenn das Auswärtsspiel mit zwei Toren Unterschied verloren gegangen war. Nach der 1:3-Pleite in Portugal folgt am heutigen Dienstag der insgesamt fünfte Versuch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Nach der verdienten, aber überraschend klaren Niederlage waren die Schuldigen schnell ausgemacht: Portos Toren waren individuelle Fehler von Xabi Alonso, Dante und Jérôme Boateng vorausgegangen. Dann ist es eben "sehr, sehr schwer", ein Spiel in der Champions League zu gewinnen (Bayern-Trainer Josep Guardiola). Die wegen der vielen Verletzten in Richtung medizinischer Abteilung lancierte Schuldzuweisung sorgte zudem für den Rücktritt der Arzt-Legende Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt - ein PR-Debakel, das das eigentliche Problem überdeckte.

Denn die Bayern verloren beim Tabellenzweiten der portugiesischen Liga, weil Guardiolas Ballbesitz-Fußball verpuffte. Die Gäste spielten behäbig, unkontrolliert und ungefährlich. Sie kamen auf ganze fünf Torschüsse - eine Beleidung für die Spielidee des spanischen Trainers. Und mittendrin: Mario Götze.

Ein Mitläufer mit Ausreißern nach oben

Götze wäre mit seinem Talent prädestiniert dafür, die Lücke der beiden Schlüsselspieler Arjen Robben und Franck Ribéry auszufüllen. Letztlich macht es in dieser Spielzeit aber keinen Unterschied, ob beide, nur einer oder keiner spielfähig ist. Beackern Robben und/oder Ribéry ihre Außenbahnen, versteckt sich Götze meist unbehelligt. Fehlt das Duo, wie in Porto und sehr wahrscheinlich auch im Rückspiel, taucht der 22-Jährige ebenfalls ab. Ein Mitläufer.

Mit Ausreißern nach oben, immerhin. In Götzes zweitem Jahr beim FC Bayern erzielte er in 27 Bundesligaspielen neun Tore und bereitete vier Treffer vor. In der Champions League war er in acht Partien sogar an sieben Toren direkt beteiligt. Keine schlechte Bilanz. In seiner letzten Saison bei Borussia Dortmund glänzte er allerdings insgesamt mit 37 Torbeteiligungen.

Es geht eben um Mario Götze. Erstes Bundesligaspiel mit 17 Jahren. Erstes Tor mit 18. Das deutsche Wunderkind. Für 37 Millionen Euro vom BVB zum FC Bayern gewechselt. Historischer Siegtorschütze im WM-Finale 2014. Mit seiner überragenden Technik immer in der Lage, etwas Besonderes auf den Rasen zu zaubern.

Götze will Verantwortung - und taucht dann ab

Bei Götze bewegt man sich in einem interessanten Spannungsfeld. Gerade mal 22 Jahre alt, sagen die einen. 137 Bundesliga- und 41 Länderspiele, die anderen. Warum also zündet er nicht richtig - ist es Zurückhaltung? Oder Phlegma?

In München hört man kein schlechtes Wort über Götze. Auch wenn Guardiola ihn in dieser Saison in der Bundesliga erst zehn Mal hat durchspielen lassen und damit Unzufriedenheit durchscheinen lässt - im Klub ist man sich einig: Götze sei ehrgeizig, arbeite hart an sich, integriere sich gut in die Mannschaft und wolle sich stets verbessern.

Klingt gut. Es klänge noch besser, wenn der Offensiv-Allrounder in den wichtigen Spielen Verantwortung übernehmen würde - so, wie er es nach dem WM-Gewinn selbst angekündigt hatte.

In Porto war ein solch wichtiges Spiel - und Götze zeigte sein bisher bekanntes Bayern-Gesicht. In ein, zwei Momenten blitzte seine Genialität auf, ansonsten wirkte er unauffällig, fast teilnahmslos. Während Arjen Robben vermutlich jeden Ball hätte haben wollen, schien Götze froh, ihn nicht zu bekommen. Nach 56 Minuten und 52 Ballkontakten war die Partie für ihn beendet.

Der Vergleich mit Robben mag unfair sein. Und doch hat er seine Berechtigung, weil sich Bayerns Spiel ohne den Niederländer anders darstellt. Dem Deutschen fehlt die Grundschnelligkeit, um Robben zu kopieren. Und doch möchte Guardiola Götze derzeit auf Außen sehen, obwohl der sich im Zentrum wohler fühlt. Die Folgen sind zu viele Flanken, falsches Timing beim Nach-innen-ziehen, Dribblings in den falschen Räumen und fehlende Präsenz in Strafraumnähe.

Nun also wieder Porto. Mit Thiago, Thomas Müller und Robert Lewandowski hat Guardiola drei weitere Profis, die den Unterschied ausmachen könnten. Aber es wäre mal an der Zeit für ein Götze-Spektakel. Denn auch in den Geschichtsbüchern des FC Bayern landet man mit Toren in entscheidenden Spielen.

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