PSG-Defensive um Abwehrchef Thiago Silva Diese Pariser Weltklasse wird leicht übersehen

Neymar reibt sich auf und hat Pech im Abschluss. Mbappé sorgt mit seiner Brillanz für Aufsehen. Ein Schlüssel für den Pariser Erfolg aber ist ein Verteidiger, der keinen neuen Vertrag bekommt: Thiago Silva.
PSG-Kapitän Thiago Silva gegen Leipzigs Yussuf Poulsen

PSG-Kapitän Thiago Silva gegen Leipzigs Yussuf Poulsen

Foto: David Ramos/POOL/EPA-EFE/Shutterstock

Als das Spiel vorbei war und der Finaleinzug von PSG perfekt, zeigte die TV-Regie die Superstars der Pariser Mannschaft in Nahaufnahme. Neymar beim Trikottausch, Kylian Mbappé beim Feiern mit Teamkollegen. Dazwischen entdeckte man für einen Moment den Pariser Kapitän, Thiago Silva. Er lag am Boden. Zwei Mitspieler kümmerten sich um ihn.

90 Minuten Spitzenfußball können lang sein für jemanden in Thiago Silvas Alter. Im September wird er 36. Von allen Spielern bei diesem Champions-League-Finalturnier von Lissabon ist er der älteste. Nach diesem 3:0-(2:0)-Sieg im Halbfinale über Leipzig war ihm das anzusehen. Er wirkte schwer gezeichnet. Was der Brasilianer aber zuvor geleistet hatte, sah nicht nach nahender Fußballrente aus; der Verteidiger war ein Schlüssel zum Finaleinzug dieser Pariser Mannschaft.

Wenn PSG spielt, gehört die Bühne der Offensive, das war auch gegen RB nicht anders. Neymar und Mbappé tricksten und dribbelten, schienen oft nur eine Aktion entfernt von einem Treffer. Sie scheiterten am Pfosten oder am Leipziger Torwart Peter Gulácsi.

Dass nicht sie die Tore erzielten, sondern Marquinhos, Ángel di María und Juan Bernat, stand dazu nicht im Widerspruch. Eigentlich passte das sogar ganz gut zu diesem Team.

Es sei zu einseitig zusammengestellt, heißt es oft. Neymar und Mbappé kosteten zusammen rund 400 Millionen Euro Ablöse; in die Defensive wurde weniger investiert. Mit dieser Unwucht die Champions League gewinnen?

Wer die großen Spiele von PSG in dieser Saison gesehen hat, kommt zu dem Schluss, dass das klappen kann. Denn je stärker der Gegner ist, desto mehr achtet Trainer Thomas Tuchel auf die Balance zwischen Angriff und Abwehr.

"Keine Mannschaft, die sich nur auf die schönen Dinge konzentriert"

Der Erfolg seines Teams liegt laut Tuchel am Mix aus der Qualität der Einzelspieler und dem Hunger der Mannschaft, der Lust aufs Verteidigen. Der Verbissenheit. "Wir sind beileibe keine Mannschaft, die sich nur auf die schönen Dinge konzentriert", sagte er nach dem Leipzig-Spiel.

Auch Thiago Silva sprach von der Balance im Team, nicht nur der taktischen. Die aktuelle Mannschaft sei die stärkste, seit er in Paris ist, sagte er. "Auf dem Platz und auch daneben."

Tatsächlich hat diese mit Stürmerstars gespickte Mannschaft bislang fünf Tore kassiert. Das ist der Topwert in der Champions League.

Gegen RB lag diese Stabilität auch an Thiago Silva. Der Brasilianer ist so etwas wie der Pariser Abwehrorganisator. Er macht die Ansagen.

Manchmal tut er das leise. In der Schlussphase ließ sich beobachten, wie er seinen Mitspielern Kommandos gab, wer wann welchen Gegenspieler zu übernehmen hat.

Mit Taschentuch im Mund in die Zweikämpfe

Als es nach der Pause einmal eng zu werden drohte für PSG, wurde der Abwehrchef laut. Leipzigs Emil Forsberg hatte soeben ungestört aufs Tor geschossen, da brüllte er seine Vorderleute an. Direkt danach war das Leipziger Momentum vorbei, PSG begann, das Spiel wieder zu kontrollieren. Drei Minuten später fiel das 3:0.

Bei einem Zusammenstoß mit Marcel Sabitzer hatte er sich früh im Spiel eine Wunde im Mundbereich zugezogen. Fortan spielte er bis zur Pause mit einem Taschentuch zwischen den Zähnen. Kurz nach der Kollision und mit dem Tuch im Mund blockte Thiago Silva einen wuchtigen Freistoß von Sabitzer mit dem Schädel. Das hatte was von Bastian Schweinsteiger im WM-Finale 2014.

Er verleiht seiner Mannschaft Ruhe. Das Spiel lief erst wenige Minuten, als Thiago Silva zu einer seiner vielen Verzögerungen ansetzte. Leipzigs Yussuf Poulsen war dabei, ihn anzulaufen, sein Ziel war ein unkontrollierter Schlag nach vorne. Eine gute Chance für seine Mittelfeldspieler, den Ball zu gewinnen.

Seine Ruhe kann die Gegner an sich zweifeln lassen

Aber Thiago Silva schlug ihn nicht lang. Er ließ Poulsen auf sich zukommen, um den Ball dann mit der Schuhsohle ein paar Zentimeter zurückzuziehen, ehe er ihn vorwärtspasste. Leipzigs Pressingversuch ging ins Leere.

Ein paar solcher Aktionen früh im Spiel, und beim Gegner können Zweifel entstehen. Der Glaube daran, dass man den Favoriten ins Wanken bringt, wenn man nur motiviert genug arbeitet, bröckelt.

2009 wechselte Thiago Silva zur AC Mailand und prägte dort das Spiel. Als er drei Jahre später gemeinsam mit Zlatan Ibrahimovic nach Paris wechselte, sagte sein damaliger Teamkollege Antonio Cassano : "Thiago Silva zu verkaufen, ist ein Verbrechen". Ohne ihn brauche Milan sich "in der nächsten Saison auch keine Ambitionen auf Meisterschaft oder Champions League zu machen."

Thiago Silva in seiner letzten Saison im Milan-Trikot

Thiago Silva in seiner letzten Saison im Milan-Trikot

Foto: TONY GENTILE/ REUTERS

Cassano behielt recht. In Thiago Silvas letzter Saison war Milan noch Zweiter geworden, seither schnitt der Klub stets schlechter ab.

Er konnte das Spiel stets besser lesen als die meisten anderen. Er verstand, wann er seine Position verlassen musste und wann es klüger war, sie zu halten. Er fand im Laufduell die richtige Distanz zu Stürmern, die dann nie wussten, ob sie nun weiterdribbeln oder den Angriff abbrechen sollten.

Ein Offensivspieler mit seiner Klasse würde wohl den Status eines Superstars genießen, den man auf der ganzen Welt kennt. Es ist das Schicksal manch großer Verteidiger, dass sie in Fußballgeschichtsbüchern auf den hinteren Seiten zu finden sind.

Bei Thiago Silva liegt das wohl auch daran, dass ihm dafür der eine große Titel fehlt. Nationale Titel holte er mit Milan und Paris einige. Mit Brasilien gewann er zudem Bronze (2008) und Silber (2012) bei den Olympischen Spielen sowie die Copa América 2019. Aber bei Weltmeisterschaften scheiterte er mit der Seleção, wobei er das 1:7 gegen Deutschland bei der Heim-WM 2014 nicht auf dem Platz erlebte, er fehlte gesperrt.

Seinen Vertrag lässt Paris auslaufen

Und in der Champions League kam er mit Paris zuletzt sieben Mal in Folge höchstens bis ins Viertelfinale. Er war Teil der Mannschaft, die 2017 trotz eines 4:0 im Hinspiel noch ausschied, weil sie 1:6 in Camp Nou unterging.

"Jeder erinnert sich an die Mannschaft, die die Champions League gewinnt", sagte Thiago Silva nach der Partie gegen RB. Für diesen Titel sei er damals nach Paris gewechselt. Jetzt bekommt er noch einmal die Chance. Vielleicht ist es seine letzte.

Denn so gut er zuletzt auch gespielt hatte: Nicht nur nach Partien ist ihm sein Alter teils anzumerken. Ist der Raum in seinem Rücken groß, wird offenbar, dass ihm die Spritzigkeit früherer Tage fehlt.

Seinen auslaufenden Vertrag hat PSG nur für dieses Turnier in Lissabon verlängert. Danach wird er Paris verlassen müssen. Er wolle weiterspielen, hieß es. Wo? Das ist offen.

Irgendwann nach dem Abpfiff raffte sich Thiago Silva schließlich auf. Seine Mannschaftskollegen hatten da bereits einen Kreis gebildet, der auf und ab hüpfte und sang und lachte. Einige Sekunden ging das so, dann sah man Thiago Silva ins Bild humpeln und dann, vorsichtig und nicht all zu hoch mithüpfen. Er hielt sich dabei die Hinterseite des linken Oberschenkels.

Aber bis zum Spiel seines Lebens bleiben ihm ja noch vier Tage.

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