Schalker 1:6 gegen Real Fehler über Fehler

Debakel, Katastrophe, Blamage - all das scheint als Beschreibung für die Schalker Niederlage gegen Real Madrid zu schwach. Der Bundesligist ermöglichte Cristiano Ronaldo und Co. ein wahres Spektakel. Sportdirektor Horst Heldt fand für das 1:6 eine nebulöse Erklärung.

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Aus Gelsenkirchen berichtet


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Natürlich hatten alle Anwesenden Verständnis für Ralf Fährmann, der seine Gedanken lieber für sich behalten mochte. "Ciao, ciao", rief der Torhüter des FC Schalke 04 den Fragestellern und Analysten im Vorbeigehen zu und verschwand nach dem fürchterlichen 1:6 (0:2) der Schalker gegen Real Madrid in der Nacht von Gelsenkirchen. So viele Gegentore sind demütigend, ganz besonders für einen Torwart.

Wobei Fährmann die Fragen der Kritiker nicht hätte fürchten müssen. Er gehörte trotz des desaströsen Ergebnisses zu den besseren Schalkern, seine Taten verhinderten noch Schlimmeres. Ein Befund, der viel über die Leistung der Feldspieler aussagt.

Es war ein entsetzlicher Fußballabend, den die Schalker erlebten, "Fehler über Fehler" habe sein junges Team gemacht, sagte Trainer Jens Keller und sprach von einem Scheißspiel. Denn an diesem Abend sind möglicherweise viele Dinge kaputtgegangen, die diese wankelmütige Mannschaft in den ersten Rückrundenwochen so stark gemacht hatten. Die Schalker fielen gegen Madrid am Ende auseinander, hörten auf, als Kollektiv zu arbeiten. Horst Heldt deutete an, dass es irgendeine Vorgeschichte gibt, die diesen Zusammenbruch begünstigte. "Es gab Gründe dafür, die ich aber nicht öffentlich besprechen möchte", verkündete der Schalker Sportdirektor nebulös.

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Champions League: Überforderter Santana, langsamer Draxler
Auf dem Platz war es so, dass zahllose kleinere und größere Unzulänglichkeiten sich mehr und mehr zu einem Bild des Schreckens zusammenfügten. Rückblickend könnte man sagen, dass es nicht gut war, mit Benedikt Höwedes und Julian Draxler gleich zwei Spieler aufzustellen, denen nach langen Verletzungen die Spielpraxis fehlte. Im Hinblick auf die künftigen Aufgaben bräuchten die beiden Einsatzzeit, rechtfertigte Keller diese Entscheidungen, und natürlich wollten beide dabei sein in diesem großen Spiel. Aber ein wirklich starker Trainer hätte vielleicht den Mut gehabt zu sagen: "Nein, für dieses Niveau reicht es noch nicht."

Vermutlich begünstigte auch die trügerische Anfangsphase den Untergang, denn zunächst wirkte die offensive Herangehensweise des Bundesligisten noch vielversprechend. "Wir haben zwar 1:6 verloren, aber trotzdem hatte ich das Gefühl, dass wir hier Tore machen können", sagte Heldt angesichts der zwei, drei gefährlichen Situationen im Real-Strafraum. Aber dieses Gefühl forcierte einen naiven Übermut, auch bei Keller.

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Der Trainer habe in der Halbzeit gesagt, "dass wir noch ein, zwei Tore machen sollen, damit wir im Rückspiel eine reelle Chance haben", sagte Draxler. Das kam den Gästen gelegen: "Wir hatten heute sehr viele Räume und konnten das typische Spiel von Real Madrid spielen", sagte Real-Trainer Carlo Ancelotti. Man kann darüber streiten, ob Kellers Risikobereitschaft ein Fehler war, am Ende war sie ein Grund für das katastrophale Endergebnis.

Heldt monierte außerdem, dass die erfahrenen Spieler im Team spätestens nach dem 0:4 "erkennen müssen: Jetzt ziehen wir uns zurück", um Schlimmeres zu verhindern. Und den Jüngeren fehle "die Erfahrung auf diesem Niveau". Die Schalker, die so erfolgreich ins neue Jahr gestartet waren, begannen diese Partie, als handle es sich um einen Gegner auf Augenhöhe.

Ronaldo, Bale und Benzema zaubern - und arbeiten

Und diese Neigung zur Kühnheit eröffnete Gareth Bale, Karim Benzema und Cristiano Ronaldo herrlich viel Platz für ihr zauberhaftes Spektakel vor dem Schalker Tor. Es wurde gedribbelt, gelupft und gedoppelpasst, dass einem der Atem stocken konnte. Ronaldo, der zehnmal aufs Tor schoss, zwei Treffer erzielte (52. Minute/89.) und zwei weitere auflegte, war selbst als die Partie längst entschieden war, überhaupt nicht zu bremsen. Diese Gier ist furchteinflößend, auch für die anderen Clubs, die mit dem Titel in der Champions League liebäugeln. Der Portugiese habe "eindrucksvoll bewiesen, warum er der Beste der Welt ist", sagte Höwedes, aber auch Benzema (13./57.) und Bale (21./69.) schossen jeweils zwei Tore.

Ancelotti nahm das eher lakonisch zur Kenntnis, dem Real-Trainer war wichtiger zu erwähnen, dass die drei genialen Angriffskünstler "phantastisch mitgearbeitet haben, auch nach hinten". Real Madrid ist ein Team geworden, in dem individuelle Klasse und die Erfordernisse des Mannschaftssports zu einem unerhört schönen Gesamtbild verschmelzen.

Und das haben vermutlich auch die Verantwortlichen des FC Bayern gesehen, die hier ihren nächsten Gegner beobachten konnten. Am Samstag muss Schalke beim Rekordmeister antreten (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Aber vermutlich sind die Münchner schnell dazu übergegangen, eher Real zu studieren. Denn diese Mannschaft könnte dem Titelverteidiger tatsächlich gefährlich werden bei seinem großen Ziel, die Champions League als erster Club zweimal hintereinander zu gewinnen.

Schalke 04 - Real Madrid 1:6 (0:2)
0:1 Benzema (13.)
0:2 Bale (21.)
0:3 Ronaldo (52.)
0:4 Benzema (57.)
0:5 Bale (69.)
0:6 Ronaldo (89.)
1:6 Huntelaar (90.+1)
Schalke: Fährmann - Höwedes, Matip, Santana, Kolasinac (76. Fuchs) - Boateng (59. Goretzka), Neustädter - Farfán (72. Obasi), Meyer, Draxler - Huntelaar
Real: Casillas - Carvajal, Pepe, Ramos, Marcelo - Alonso (73. Illarramendi) - Modric, Di María (68. Isco) - Bale (80. Jesé), Benzema, Ronaldo
Schiedsrichter: Webb (England)
Zuschauer: 54.442 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Höwedes (2), Huntelaar - Di María
Ballbesitz in Prozent: 43 - 57
Schüsse: 10 - 23
Torschüsse: 4 - 11
Gewonnen Zweikämpfe in Prozent: 41 - 59

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insgesamt 162 Beiträge
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Seite 1
eisbaerchen 27.02.2014
1. Nun ja,
Zitat von sysopGetty ImagesDebakel, Katastrophe, Blamage - all das scheint als Beschreibung für die Schalker Niederlage gegen Real Madrid zu schwach. Der Bundesligist ermöglichte Cristiano Ronaldo und Co. ein wahres Spektakel. Sportdirektor Horst Heldt fand für das 1:6 eine nebulöse Erklärung. http://www.spiegel.de/sport/fussball/champions-league-schalke-s04-erlebt-katastrophe-gegen-real-madrid-1-6-a-955908.html
wenn die Realer dann auch real gegen Bayern 6 Tore schiessen, dann wäre ich versöhnt...;-) P.S.: Ohne Zweifel wird es zu dieser Begegnung kommen...
Andr.e 27.02.2014
2.
Zitat von sysopGetty ImagesDebakel, Katastrophe, Blamage - all das scheint als Beschreibung für die Schalker Niederlage gegen Real Madrid zu schwach. Der Bundesligist ermöglichte Cristiano Ronaldo und Co. ein wahres Spektakel. Sportdirektor Horst Heldt fand für das 1:6 eine nebulöse Erklärung. http://www.spiegel.de/sport/fussball/champions-league-schalke-s04-erlebt-katastrophe-gegen-real-madrid-1-6-a-955908.html
Ist das jetzt die angekündigte Analyse? :-)
decebalus911 27.02.2014
3. Runde 2
Zitat von sysopGetty ImagesDebakel, Katastrophe, Blamage - all das scheint als Beschreibung für die Schalker Niederlage gegen Real Madrid zu schwach. Der Bundesligist ermöglichte Cristiano Ronaldo und Co. ein wahres Spektakel. Sportdirektor Horst Heldt fand für das 1:6 eine nebulöse Erklärung. http://www.spiegel.de/sport/fussball/champions-league-schalke-s04-erlebt-katastrophe-gegen-real-madrid-1-6-a-955908.html
Auf gehts ins "gebashe" gegen Bayern, gegen die Bundesliga, gegen alles! Raus mit dem Frust, möchte weiterhin was zum Lachen (erheitert meinen Büroalltag ;-)
muellerthomas 27.02.2014
4.
Zitat von eisbaerchenwenn die Realer dann auch real gegen Bayern 6 Tore schiessen, dann wäre ich versöhnt...;-) P.S.: Ohne Zweifel wird es zu dieser Begegnung kommen...
Wenn Sie da keine Zweifel haben, wetten Sie doch Ihr gesamtes Vermögen auf diese Finalkonstallation. Ich halte es zwar auch für gut möglich, dass diese beiden Mannschaften ins Finale einziehen, aber gäbe es keine Überraschungen, bräuchte man erst gar nicht spielen. Wie war das noch im Finale 2012 FCB gegen Chelsea? Chelsea zog bereits überraschend über Barcelona ins Finale ein, Bayern war klarer Favorit....
nunu-na 27.02.2014
5. optional
Rückzug? Das ist die Analyse vom Herrn Sportdirektor? Welches "Schlimmere" hätte er denn verhindern wollen - mit einem Rückzug? Ob 4:0 oder 6:1, beides ist in einem Achtelfinale das sichere Ausscheiden. Noch dazu im Heimspiel! Warum sollte man das verwalten wollen? Mehr als Ausscheiden kann man in der CL nicht, dann doch lieber Mut zum Risiko. Nach vorn und Tore schießen wäre das einzige gewesen, was schlimmeres verhindert hätte, da hatte der Trainer in der Halbzeit wohl schon ganz recht. Auch wenn es das Risiko beinhaltet, dass der Gegner selbst weiter aufdreht. Leider waren die Schalke aber im offensiven Spiel genauso unkoordiniert und inkonsequent wie in der Defensive. Real war so überlegen, das es weh tat. 0:10 wäre auch gerechtfertigt gewesen.
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