Champions-League-Schock Kahn tröstet Lehmann

Fairplay in der Nationalelf: Ausgerechnet der degradierte  Oliver Kahn schloss heute den Champions-League-Pechvogel Lehmann verbal in seine Arme: "Jens ist stark genug, so eine Situation zu verkraften", sagte Kahn. Ihm selbst sei 1999 viel Schlimmeres passiert.


Pula – Deutschlands Nationalspieler glauben nicht, dass Lehmanns Pech Auswirkungen auf seine Form bei der Weltmeisterschaft haben wird: "Das sind Dinge, die im Fußball passieren. Jens ist mental stark genug, so eine Situation zu verkraften. Da bin ich mir sicher", sagte Kahn im Regenerationstrainingslager der Nationalelf auf Sardinien und fügte an: "Das kann man mit einem Autounfall vergleichen, wenn man immer wieder an der Stelle vorbeifährt, wo es passiert ist. Es ist aber psychologischer Quatsch, wenn man glaubt, dass sich so etwas immer wieder wiederholt. Das sind einmalige Geschichten. Das muss man ganz schnell abhaken."

Ex-Rivalen: Kahn und Lehmann - beim Händeschütteln nach dem Champions-League-Spiel am 22. Februar in München.
REUTERS

Ex-Rivalen: Kahn und Lehmann - beim Händeschütteln nach dem Champions-League-Spiel am 22. Februar in München.

Arsenal-Torwart Lehmann war gestern Abend im Spiel in Paris gegen den FC Barcelona in der 19. Minute nach einem Foul an Samuel Eto'o vom Platz gestellt worden. Barcelona siegte am Ende 2:1 und hat erstmals die Champions League gewonnen.

Für Kahn ist das aber kein Weltuntergang. "Was ist schon eine Rote Karte in einem Champions-League-Finale? Ich habe 1999 eine Situation erlebt, die ist nicht mehr zu toppen", erinnerte der 36-Jährige an das Finale in der "Königsklasse" der Bayern gegen Manchester United, als die Engländer innerhalb weniger Sekunden einen 0:1-Rückstand in 2:1 umwandelten und das Spiel gewannen.

"Zwei, drei Tage den Kopf frei kriegen"

Auch Jürgen Klinsmann ist sich sicher, "dass das für uns keinen Einfluss hat. Er wird das in ein paar Tagen verarbeitet haben. Bis zum WM-Auftakt ist das kein Problem. Jens ist so erfahren, er braucht keine spezielle Aufbauarbeit." Der Bundestrainer kritisierte indes ebenso wie sein Kapitän Michael Ballack den Schiedsrichter: "Man hätte Vorteil geben müssen und Jens ein Gelbe Karte", so Klinsmann.

Lehmann wird erst am Sonntag im Trainingslager der Nationalmannschaft in Genf erwartet. "Er muss ein, zwei, drei Tage den Kopf frei kriegen. Dann hat er ein neues Ziel vor Augen und wird alles dafür tun", glaubt Klinsmann. So sieht es auch Bundestorwarttrainer Andreas Köpke: "Es ist gut, dass er nicht nach Sardinien kommt und noch einige Tage Pause macht. Er wird sicherlich zunächst mal down sein, aber wir sind ja dafür da, ihn wieder aufzubauen." Diese Meinung vertritt auch DFB-Psychologe Hans-Dieter Hermann: "Abschalten und sich dann neue Ziele setzen. Das ist der richtige Weg."

Der Platzverweis ist sowohl für Köpke als auch für Kahn eine Folge des modernen Torwartspiels: "Heute ist der Torwart als Libero gefordert. Er hat versucht, die Fehler seiner Vorderleute auszubügeln und ist dafür bestraft worden", erklärte Köpke. Kahn nahm Lehmann ausdrücklich in Schutz: "Als Torwart muss man sich ständig in Bruchteilen von Sekunden entscheiden. Da ist es menschlich, dass nicht alle Entscheidungen richtig sein können. Das liegt in der Natur der Sache."

Oliver Bierhoff glaubt allerdings, dass Lehmann jetzt jede Art von Trost egal sein wird. "Ich habe ihm eine SMS geschrieben, in der ich versucht habe, ihn aufzubauen. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man in so einem Momemt lieber alleine sein will."

Der Manager der Nationalelf ist dennoch optimistisch: "Man darf die Sache nicht dramatisieren und muss Lehmann auch nicht bemitleiden. Er ist so gefestigt, da wird es keine großen Auswirkungen auf die Nationalelf geben." So sieht es auch Ballack: "Das ist schade für Jens. Wenn er aber am Sonntag zu uns kommt, ist alles vergessen."

sge/sid

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