Champions-League-Sensation Tiraspol Ein Sheriff als Racheengel

Torschützen aus Usbekistan und Luxemburg, den Traum vom Pokal auf die Wade tätowiert: Sheriff Tiraspol, der wohl skurrilste Verein der Champions-League-Geschichte, lässt das große Real Madrid ziemlich dumm dastehen.
Von Florian Haupt, Barcelona
Die Spieler von Sheriff Tiraspol können ihr Glück kaum fassen

Die Spieler von Sheriff Tiraspol können ihr Glück kaum fassen

Foto: Jose Breton / AP

Einige Fans von Sheriff Tiraspol trugen Stern und Cowboyhut. Ihr ungläubiges Staunen lieferte eine Idee davon, was jetzt in Transnistrien los sein musste. Diesem Teil Moldaus, der sich als eigener Staat versteht, aber von niemandem als solcher anerkannt wird, und in dem der Konzern Sheriff so omnipräsent ist, dass sich Ex-Trainer Juan Ferrando wie in der Truman Show vorkam: »Es ist, als lebtest du im Klub.«

Dieser wohl skurrilste Verein der Champions-League-Geschichte sorgte am Dienstagabend auch für die größte Sensation seit Menschengedenken in dem normalerweise so vorhersehbaren Ausscheidungswettbewerb zwischen Groß und Klein, der sich Gruppenphase nennt: 2:1 gewann Sheriff. In Madrid. Im Estadio Santiago Bernabéu.

Die Führung für eine Mannschaft mit Spielern aus 19 Nationen erzielte ein Usbeke, Jasurbek Yakhshiboev, das Siegtor ein Luxemburger, Sebastién Thill. Es war das erste Tor, das jemals ein Luxemburger in der Champions League schoss.

Per Tattoo den Pokal im Blick

Dropkick, letzte Spielminute: ein Traumtor. Eines, wie es sich Thills jüngeres Ich nicht besser hätte vorstellen können, der kleine Träumer, den sich der heute 27-Jährige auf seine Wade tätowieren ließ und der von dort auf den Champions-League-Pokal schaut.

Träumer, als solche kamen die Sheriffs auch ins Bernabéu. Vor dem Spiel machten sie Fotos von sich in dem legendären Stadion. Kapitän Frank Castañeda sagte seinem Vater, so berichtete es dieser später: »Mein größter Traum war, einmal in diesem Stadion zu spielen, heute erfülle ich ihn mir.« Seiner Mannschaft aber sagte Castañeda: »Lasst uns vom Sieg träumen. Es ist Fußball, elf gegen elf.«

Tristesse bei Real, Euphorie bei Sheriff

Tristesse bei Real, Euphorie bei Sheriff

Foto: JUANJO MARTIN / EPA

Und das machten sie dann also, elf Fußballprofis, von denen nicht mal ausgewiesene Kenner der internationalen Szene gehört haben dürften. Profis wie Torwart Georgios Athanasiadis etwa, der bis auf einen Elfmeter von Karim Benzema zum zwischenzeitlichen 1:1 alles parierte, einmal sogar aus nächster Nähe mit dem Kopf gegen Luka Modric und danach, wahrscheinlich noch benommen, auch die letzten Angriffe. Mit der Auszeichnung für den Mann des Spiels in der Hand, versuchte er später sein Glück zu verbalisieren: »Wenn dieses Interview noch ein paar Sekunden länger geht, fange ich an zu heulen.«

Selbst nach der Pleite noch unterschätzt

Derweil erzählte die Statistik natürlich vom überlegenen Ballbesitz von Real (68 zu 32 Prozent) und von sagenhaften 30:4 Torschüssen. Der heimische Trainer Carlo Ancelotti und seine Spieler sprachen davon, dass man solche Spiele nur einmal im Leben verliert.

Das war alles schon richtig. Aber es zeigte auch, dass sie Sheriff nach dem Schlusspfiff immer noch unterschätzten. Dabei handelt es sich immerhin um eine Mannschaft, die in der Qualifikation Roter Stern Belgrad und Dinamo Zagreb eliminiert hat und am ersten Spieltag 2:0 gegen Schachtjor Donezk gewann. Mit exakt demselben Ballbesitz übrigens, 32 zu 68, und mit 11:21 Torschüssen.

Sheriff Tiraspol ist eine Mannschaft, die jetzt mit sechs Punkten ihre Gruppe anführt, man darf sie also trotz ihrer Kuriositäten ernstnehmen. Denn sie wurde nie nervös und hat ihre Stärken dort, wo Spiele entschieden werden – vor den Toren. Nur ein halbes Dutzend der Chancen von Real war wirklich hochkarätig; bei den eigenen Angriffen war sogar noch ein weiterer Treffer dabei, aberkannt wegen nur minimaler Abseitsstellung.

Die Fußballfamilie aus Luxemburg

Es ist auch eine Mannschaft mit märchenhaften Geschichten wie der von Thill. Das Faible für den gelungenen Effekt scheint dort in der Familie zu liegen. Von seinem Vater Serge, ebenfalls Fußballer, ist dokumentiert, dass er für CS Grevenmacher einst gegen Avenir Beggen einen Anstoß direkt verwandelte.

Sebastiéns jüngere Brüder Olivier und Vincent sind wie er luxemburgische Nationalspieler. Er selbst hatte schon einen großen Moment, als er 2017 zum 2:0-Sieg von Progrès Niederkorn gegen die Glasgow Rangers in der ersten Runde der Europa-League-Qualifikation traf.

Aber natürlich schlägt nichts ein Siegtor im Bernabéu: »Das beste und wichtigste Tor meiner Karriere, so viel ist klar«, wurde Thill danach zitiert: »Die Mannschaft hat so mutig gespielt, und zum Glück war ich in der Lage, einen kleinen ›Stunner‹ zu erzielen.« Einen Knaller.

Viel Spott für Real

Der sandte sogleich Schockwellen durch die Fußballwelt und reichlich Spott in Richtung der Königlichen. Während der moldauische Meister per Instagram seinem Stern eine Krone aufsetzte, grüßte Paulo Futre, Legende von Reals Stadtrivalen Atlético, mit einem Kinderfoto im Sheriffkostüm, und schob später noch hinter: »Was für ein Superwestern, in dem die Indianer und der Sheriff gewinnen.« Indianer – »Indios« – ist ein von Real-Fans despektierlich gebrauchter Spitzname für Atlético.

Auch nicht leichter waren die Wortspiele in der Presse. »Der Sheriff zwingt sein Gesetz auf«, titelte in Madrid das Magazin »As«, während »Mundo Deportivo« in Barcelona jubilierte: »Verhaftet vom Sheriff«. Das spanische Wort »detenido« bedeutet gleichzeitig »gestoppt«.

Bauchlandung für Real, wie hier bei Eduardo Camavinga

Bauchlandung für Real, wie hier bei Eduardo Camavinga

Foto: JUANJO MARTIN / EPA

Denn Reals zarte Aufbruchsstimmung nach der Rückkehr von Trainer Carlo Ancelotti hat sich nach dieser Blamage jetzt erst mal erledigt. Bei der ersten Saisonniederlage wurden nicht nur die abgegebenen Sergio Ramos und Raphael Varane vermisst – als Verteidiger wie Leader –, das Malheur spannte auch einen Bogen zur jahrelangen Dekadenz in Reals Prestige-Wettbewerb.

Die Rückkehr vom Trainingscampus ins Bernabéu nach 580 Tagen ohne Europapokal sollte eigentlich eine große Fiesta werden. Doch wurde in diesem einst so Furcht einflößenden Stadion nun zum sechsten Mal in den letzten sieben Spielen nicht von der Heim-Mannschaft gewonnen. Ajax Amsterdam (4:1) und ZSKA Moskau (3:0) schliffen Reals Tempel, Brügge gelang ein Remis (2:2) – jetzt siegte sogar Sheriff.

Mancher mochte in der Delegation aus Transnistrien dabei auch die Racheengel der Fußball-Kleinen sehen. Anfang dieser Woche hatte ein Madrider Handelsrichter die Uefa gezwungen, ihr Strafverfahren gegen den Superliga-Ideologen Real sowie seine verbliebenen Bundesgenossen Barcelona und Juventus einzustellen. Beim Verband verdächtigt man ihn als befangen. Doch Hingabe und Glaube auf dem Platz lassen sich auch vom gefügigsten Juristen nicht weg dekretieren.

Wie es in diesem Machtkampf weitergeht, ob es irgendwann wirklich eine Eliteliga geben wird, ob Städte wie Tiraspol dann noch jemals im Bernabéu gastieren werden – wer weiß das schon. Fürs Erste gelang dem Sheriff am Dienstag der perfekte Zugriff. Fotos gemacht, Punkte erbeutet. Geschichte geschrieben.

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