Tottenham-Angreifer Son Heung-Min Er läuft. Und läuft. Und trifft!

Schon als Zehnjähriger trainierte Son Heung-Min bis zur Selbstaufgabe. Diese Disziplin hat der südkoreanische Stürmer perfektioniert - und ist nun Hoffnungsträger von Tottenham Hotspur im Champions-League-Finale.

Tottenhams Hoffnungsträger Son Heung-Min
Paul Childs/REUTERS

Tottenhams Hoffnungsträger Son Heung-Min


Son Heung-Min hat die alte Geschichte noch einmal ausgepackt - es gibt wahrscheinlich keine, die mehr über ihn und sein Spiel verrät. Er war zehn Jahre alt, erzählte der Stürmer von Tottenham Hotspur im Interview mit dem britischen TV-Sender BT Sport, als ihn sein Vater aus Strafe für einen Streit mit seinem jüngeren Bruder vier Stunden einen Ball in der Luft jonglieren ließ.

Vier Stunden lang? "Ja. Der Boden fing vor meinen Augen an zu flimmern, ich sah mehrere Bälle." Der junge Son, unheimlich müde und atemlos vor Wut, schaffte es dennoch, das Spielgerät nicht ein einziges Mal auf den Boden fallen zu lassen. Das hätte ihm Son senior auch nicht durchgehen lassen. "Ohne seine toughen Ansagen und Trainingsübungen wäre ich heute nicht hier," sagte Son vor dem Finale der Champions League gegen den FC Liverpool (21 Uhr; Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky und DAZN).

Disziplin bis zur Selbstaufgabe, enorme Kondition und eine ganz feine, durch unablässige Wiederholungen optimierte Technik - mit diesen Grundeigenschaften überzeugte der von allen nur Sonny gerufene 26-Jährige schon in seinen Anfangsjahren beim Hamburger SV und Bayer Leverkusen auf den Außenbahnen.

Zweitbester Stürmer, dreifacher Spurs-Spieler des Jahres

Unter Anleitung von Spurs-Trainer Mauricio Pochettino entwickelte der Südkoreaner in zentralerer Position dazu eine derart immense Präzision vor dem Tor, dass er noch vor dem wiederholt verletzten Kapitän Harry Kane zum wichtigsten Mann in der Offensive der Lilienweißen wurde. "Er ist ein kompletter Spieler, ständig in Bewegung, immer anspielbar, 100 Prozent in jeder Aktion, mit oder ohne Ball, ein Vorbild für alle", sagte der Argentinier Pochettino, der wie Jürgen Klopp, sein Gegenüber im Finale in Madrid, bedingungslosen Einsatz einfordert. "Er ist eine Batterie: er arbeitet, arbeitet und arbeitet, bis er komplett leer ist."

Im spektakulären Viertelfinale gegen Manchester City hatte Son mit drei Toren in Hin- und Rückspiel ganz entscheidenden Anteil am überraschenden Erfolg. Seine Leistungen waren so beständig gut, dass er kürzlich von Vereinsmitgliedern, Jungmitgliedern und Fanklubs dreifach zum Spurs-Spieler des Jahres gewählt wurde; dazu bekam er eine Auszeichnung für das Spurs-Tor des Jahres (gegen Chelsea im November 2018).

Son Heung-Min feiert seinen Treffer im Rückspiel gegen Manchester City
Jason Cairnduff/REUTERS

Son Heung-Min feiert seinen Treffer im Rückspiel gegen Manchester City

Falls Kapitän Kane seine Knöchelblessur nicht rechtzeitig zum Anpfiff in Madrid vollends überwinden sollte, wäre den Anhängern der Nordlondoner nicht wirklich bange. Sonny, der zur Melodie des gleichklingenden Boney-M-Disco-Hits besungene Held aus Chuncheon, ist gegen Liverpools Innenverteidiger dank seiner Duracell-Dynamik vielleicht sogar die gefährlichere Alternative. Die Daten der Statistikfirma Impect weisen ihn nach Liverpools Mohamed Salah als zweitbesten Angreifer in der englischen Liga aus.

Wer nach Gründen für Sons Entwicklung vom akribischen Arbeiter zum "heimlichen Superstar" ("New York Times") sucht, landet zunächst bei Pochettino, der mit harten Trainingsmethoden und warmen Worten fast jeden Spieler besser gemacht hat, danach bei den größeren Freiheiten, die er als Stürmer genießt und am Ende bei einer großen Erleichterung. Jahrelang drohte ihm die Aussicht auf einen 21-monatigen Militärdienst, der einen großen Einschnitt in der Karriere bedeutet hätte. Davon offiziell befreit werden südkoreanische Athleten nur, wenn sie bei den Olympischen Spielen eine Medaille gewinnen oder bei den Asien-Spielen Gold. So spielte Son im vergangenen September im Finale der Asien-Spiele in Jakarta nicht um Gold und Glorie, der Kapitän spielte um zwei Jahre seines Lebens - und gewann. "Es war eine andere Art von Druck, den andere Spieler so nie verspüren werden", sagte er.

Tore gegen statt für Dortmund

Wenn es am Samstagabend für ihn um die wichtigste Trophäe des Vereinsfußballs geht, mag man kaum glauben, dass dies alles auch ein bisschen mit der Hundeliebe von Armin Veh zu tun hat. Der damalige Trainer des Hamburger SV war im Sommer 2010 damit beschäftigt, einen neuen Vierbeiner zu kaufen, und wies deswegen seinen Assistenten Michael Oenning an, in den Jugendmannschaften zwei, drei Talente zur Aufstockung des Profikaders ausfindig zu machen.

Das waren Zeiten: Son mit Rafael van der Vaart
Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Das waren Zeiten: Son mit Rafael van der Vaart

Oenning fand einen 17-Jährigen, als Rechtsverteidiger in der U19 verschenkten Südkoreaner, der Tage später seinen ersten Vertrag unterschrieb und in der Vorbereitung mit dem Bundesligateam im offensiven Mittelfeld neun Tore erzielte. "Gegen Chelsea traf er in einem Freundschaftsspiel, (Verteidiger) Ricardo Carvalho rächte sich mit einem Foul und brach Sonny den Mittelfuß," erinnert sich Oenning, der nach wie vor Kontakt zu seinem Ex-Spieler hält.

Son erholte sich von der Verletzung und spielte in der Folge gut genug, um 2013 die Aufmerksamkeit von Borussia Dortmund auf sich zu ziehen. BVB-Trainer Jürgen Klopp war aber letztlich nicht vollends überzeugt, ein Wechsel nach Dortmund kam nicht zustande. Der Verschmähte wechselte zu Bayer Leverkusen und ließ die Schwarzgelben die Abfuhr nie mehr vergessen: in elf Partien mit Bayer und Tottenham machte er gegen Dortmund neun Tore.

Son war ebenfalls schon gegen Klopps Liverpool erfolgreich, beim 4:1-Sieg im Oktober 2017, dem Tief- und Wendepunkt in der Amtszeit des 51-Jährigen an der Mersey, traf er in Wembley. Am Samstagabend könnte er als erster Südkoreaner ein Tor in einem Champions-League-Finale erzielen und Klopp somit die einstige Fehleinschätzung noch schmerzhafter vor Augen führen. Es wäre eine ziemliche gute, vielleicht sogar die beste Son-Geschichte.



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Levator 01.06.2019
1. Schöne Story
über einen Top-Spieler. Es ist ihm zu wünschen, dass er heute Abend erfolgreich ist und Herrn Klopp den vermeintlichen Gewinn der Champions League ordentlich vermasselt.
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