Tottenham Hotspur Glänzen im Grau des Novembers

Sieg in der Champions League, in der Liga den alten Rivalen geschlagen: Londons Topklub Tottenham Hotspur hat nach längerer Schwäche wieder zu alter Stärke gefunden - und das fast unbemerkt.

Tottenham-Stürmer Christian Eriksen
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Tottenham-Stürmer Christian Eriksen


Mauricio Pochettinos Gesicht glich der Wetterkarte. Passend zum Regen in der britischen Hauptstadt saß der Argentinier mit grimmig-düsteren Antlitz im Wembley-Presseauditorium und referierte beinahe angewidert über die Litanei an Widrigkeiten, die seiner Elf in dieser Spielzeit das Leben so schauderlich schwer machen.

"Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, fing im Sommer die schwierigste Saison für uns an", klagte der 46-Jährige im Stil eines entnervten Patienten, dessen unsichtbares Leid von den Medizinern unzureichend verstanden wird, "das war eine enorme Herausforderung." Tottenham habe weder neue Spieler verpflichtet, noch eine vernünftige Vorbereitung bestreiten können, da neun wichtige Profis sich erst spät von der Weltmeisterschaft zurück meldeten, so rief er in Erinnerung. Alles sei "neu" für ihn gewesen, "so schwierig", nein, mehr noch: "unmöglich, unmöglich".

Man kennt das ja von Trainern, nach empfindlichen Niederlagen suchen sie gerne nach Gründen im Großen und Ganzen; auf Ebenen, die sich ihrer Kontrolle entziehen. Pochettinos spätnovembergraue Betrübnis brach sich dennoch recht unerwartet ihre Bahn, denn seine Spurs hatten soeben ja gar nicht gegen Inter Mailand verloren - sondern durch ein spätes Tor von Chrstian Eriksen 1:0 gewonnen.

Chelsea die erste Niederlage beigebracht

Der verdiente Erfolg lässt den Londonern vernünftige Chancen fürs Weiterkommen offen - sie müssen dafür im letzten Champions-League-Gruppenspiel auswärts den FC Barcelona schlagen oder im Fernvergleich mit Inter (zu Hause gegen PSV Eindhoven) zumindest nicht schlechter abschneiden - und es war schon der zweite immens wichtige Sieg in einer immens wichtigen Woche, die zum Abschluss am Sonntag das Nordlondon-Derby gegen die verhassten Nachbarn vom FC Arsenal bereit hält.

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Bereits am Samstag hatte Pochettinos Elf den rund um die White Hart Lane kaum minderverhassten Blues mit einem souveränen 3:1 abgefertigt. FC Chelsea, die vom Italiener Mauricio Sarri trainierte Mannschaft, hatte in der Liga zuvor noch niemand schlagen können.

Tottenham hat sich, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, auf Platz drei in der Premier League vorgearbeitet. Das ist gemessen an den relativ geringen finanziellen Möglichkeiten - verglichen mit den anderen fünf Spitzenteams auf der Insel - eigentlich eine mittlere Sensation. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Lilienweißen wegen der verzögerten Fertigstellung des Stadions weiter als Untermieter im ungeliebten Nationalstadion kicken müssen und fast sämtliche Leistungsträger mit sehr müden Beinen aus Russland zurückkehrten.

"Glücklich, dass die Fans ihm jetzt Liebe entgegen bringen"

Als Überraschungsmannschaft geht Tottenham nach drei Platzierungen unter den ersten drei in Folge dennoch eher schlecht durch. Anhänger und Publikum haben sich schlichtweg daran gewöhnt, dass der Trainer Jahr für Jahr Außerordentliches leistet und selbst aus mittelprächtigeren Spielern Qualitäten hervorbringt, von denen diese selbst keine Ahnung hatten.

Der erstaunliche Werdegang von Moussa Sissoko steht stellvertretend für Pochettinos goldenen Touch. Zwei Jahre lang wurde der meist mühsam-unbeholfen durchs Mittelfeld rumpelnde Franzose von Anhängern belächelt, am Mittwoch aber feierten sie ihn für seine wuchtige Präsenz und plötzliche Umsicht am Ball mit Sprechchören. "Wir haben natürlich mitbekommen, dass man ihm hier noch vor einem Monat nicht so positiv gestimmt war", sagte Pochettino. "Ich erinnere mich, dass ich ihn eines Tages umarmte und zu ihm sagte: 'Du wirst hier deinen Weg gehen'. In der Mannschaft sind alle glücklich, dass die Fans ihm jetzt Liebe entgegen bringen."

Angeführt vom zunehmend bärtigen Stürmerstar Harry Kane spielen die Spurs zwar nur noch punktuell jugendlich frischen Fußball, aber die mentale Widerstandsfähigkeit ist umso erstaunlicher. Der Klub hat sich, angeleitet von Pochettino, einer regelrechten Gentherapie unterzogen: das alte Verlierer-Erbgut ist weg, ersetzt durch Hingabe, Beständigkeit und Courage. "Tottenham ist nicht mehr so weich, rückgratlos und lächerlich wie in den 30 Jahren zuvor", sagte kürzlich Sky-Experte Gary Neville bewundernd.

Harry Redknapp, der von 2008 bis 2012 die Geschäfte bei Tottenham führte, bezeichnete diese Einschätzung als "absolute Unverschämtheit". Doch selbst Spurs-Sympathisanten sehen das ähnlich wie Neville, der Ex-Man-Utd-Verteidiger. Während Pochettino Leistungen über dem Limit zur Routine macht, tritt Redknapp übrigens im britischen Dschungelcamp auf; neulich musste der 71-Jährige dort einen Smoothie aus gequirltem Schweinepenis trinken - was seiner Popularität keinen Abbruch tat. Er gilt als Favorit auf den Sieg in der Sendung, weil er so viele lustige Geschichten aus den lustigen alten Zeiten erzählt - von damals, als sein Tottenham noch keine grimmig entschlossene Ergebnistruppe war, sondern der Inbegriff der windigen Inkompetenz.



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Duschhaube 29.11.2018
1. Premier League
Die haben leider trotzdem nicht das Zeug zum Meister! In dieser Saison wird es wahrscheinlich wieder Man City, mit viel Glück Liverpool!
dr_nutschie 29.11.2018
2. Vernünfte Chance aufs Weiterkommen?
Das seh ich aber komplett anders . Die Chancen auf ein Weiterkommen liegen für mich unter 50 %. Kann mir nicht vorstellen dass Tottenham in Barcelona gewinnt.
ge1234 29.11.2018
3. Londoner Topclub?
Seit wann gehört Tottenham zu den englischen Topclubs? Die heißen ManCity, ManUnited, dahinter Chelsea und mit Abstrichen noch Liverpool. Tottenham war noch nie ein Topclub und wird so schnell auch keiner werden!
TheDjemba 29.11.2018
4. Mal
Zitat von ge1234Seit wann gehört Tottenham zu den englischen Topclubs? Die heißen ManCity, ManUnited, dahinter Chelsea und mit Abstrichen noch Liverpool. Tottenham war noch nie ein Topclub und wird so schnell auch keiner werden!
Mal davon abgesehen, dass es in England eben nicht nur 2 oder 3 Topclubs gibt, sondern mindestens 5, wenn nicht 6. Tottenham bewegt sich in den letzten 10 Jahren zwischen Platz 2 und 6. Alles andere, als die Spurs einen Topclub zu bezeichnen ist Realitätsverweigerung. United, City, Liverpool. Chelsea, Arsenal und eben Tottenham. Und in den letzten Jahren eben öfter Tottenham.
fjodorgarrincha 29.11.2018
5.
Zitat von ge1234Seit wann gehört Tottenham zu den englischen Topclubs? Die heißen ManCity, ManUnited, dahinter Chelsea und mit Abstrichen noch Liverpool. Tottenham war noch nie ein Topclub und wird so schnell auch keiner werden!
Seit wann gehört Tottenham zu den englischen Topclubs ? Zumindest seit der Saison 1960/61, als eine phantastische Tottenham-Mannschaft, angeführt vom genialen Jimmy Greaves, als ERSTE in England das Double schaffte, Meisterschaft & FA-Cup. Cup-Gewinn wiederholt in 1962 & noch getoppt durch Gewinn der ECII 1963, erster englischer Club, der einen Europa-Pokal gewann. Seitens Europa kamen dann noch 2 UEFA-Cups dazu, einer in den 1970ern, einer in den 1980ern. National insgesamt 2 x Meister, 8 x FA-Cup & 4 x League-Cup (nur um die wichtigsten Titel zu nennen). Sind alle lange her. Der letzte, fast so lange, wie beim HSV, stimmt. ABER => Was war MAN CTY vor 10 Jahren ? Eine Fahrstuhlmannschaft, die von Erinnerungen an die 1960er/70er lebte. Was war CHELSEA vor 20 Jahren ? "Where were you when we were Shit?" fragten die wirklichen Fans ihre neuen Tribünen-Nachbarn, selbst erstaunt darüber, dass ihr Verein plötzlich vor vollem Haus spielte. Warum also nicht mal wieder Tottenham ? In Punkto Geschichte, Nimbus & Legende haben sie wenig aufzuholen gegenüber Chelsea oder Man City ...
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