Champions League Trauma-Los für Bayern München

Rückkehr eines Alptraums: Im Viertelfinale der Champions League muss der FC Bayern gegen Manchester bestehen - jeder Fan denkt sofort an das dramatische Endspiel von Barcelona 1999. Damals waren die Münchner Favorit und verschenkten den Sieg, heute haben sie noch schlechtere Karten.
ManU-Torwart Schmeichel, Bayern-Stürmer Jancker (1999 in Barcelona): Absturz aus dem Himmel

ManU-Torwart Schmeichel, Bayern-Stürmer Jancker (1999 in Barcelona): Absturz aus dem Himmel

Foto: Shaun Botterill/ Getty Images

Die humoristischen Qualitäten von Nationalspieler Philipp Lahm sind bisher unterschätzt worden. An diesem Freitag landete der Verteidiger des FC Bayern jedenfalls den Gag des Tages. Treuherziger Miene und offenbar allen Ernstes in der Stimme kommentierte er das Viertelfinallos seines Clubs: "Manchester United darf man auf keinen Fall unterschätzen."

Wahrscheinlich dürfte diese Gefahr das am leichtesten auszuräumende Problem sein, das den FC Bayern in der Auseinandersetzung mit dem englischen Titelträger erwartet. Die Deutschen sind der klare Außenseiter, wenn es am 30. März in München und am 7. April in Old Trafford gegen die Mannschaft von Coach Alex Ferguson geht. Ein Weiterkommen gegen United wäre nichts geringeres als eine Sensation.

Um mit dem aus Münchner Sicht Guten anzufangen: Der FC Bayern hat gegen Manchester eine positive Matchbilanz. Zwei Siegen und vier Remis steht nur eine Niederlage gegenüber. Aber was für eine Niederlage. Die Mutter aller Niederlagen. Das Endspiel von 1999, ein unvergessenes Spiel für jeden Fußballfan, egal, ob er die Bayern liebt oder hasst. Dazwischen geht ja ohnehin nichts.

Ein Ort, ein Datum

Wer Bayern-Anhänger ärgern will, muss nur einen Ort und ein Datum nennen. Barcelona. Der 26. Mai 1999.

Der FC Bayern München ist in jenem Jahr eine Mannschaft, die vor Selbstbewusstsein kaum laufen kann. Eine Ansammlung von Alphatieren. Lothar Matthäus im Spätherbst seiner Karriere, Stefan Effenberg, Mario Basler. Vorne im Sturm Carsten Jancker. Im Tor Oliver Kahn. Wer die Bayern nicht mag, hatte hier alles hübsch versammelt, was man braucht.

Selten waren die Bayern so stark, so dominant, so ungeheuer selbstgewiss. Im Bewusstsein der eigenen Überlegenheit spielten sie ihren Gegner an diesem Frühsommerabend müde, ließen den Ball zirkulieren, waren immer einen Wimpernschlag schneller an Mann und Ball. Eine taktisch und physisch überragende Vorstellung.

Das schnelle 1:0 durch einen Basler-Freistoß nach ein paar Spielminuten gab den Spielrhythmus vor. Die Deutschen hatten alles im Griff. Ein Pfostenschuss von Mehmet Scholl und ein Lattentreffer von Jancker in der Schlussphase gegen ein blind anlaufendes englisches Team kamen dazu. Als Trainer Ottmar Hitzfeld ein paar Minuten vor dem Ende Basler und Matthäus vom Feld nahm, war United klinisch erledigt.

Was sollte noch passieren?

Es passierten zwei Dinge. In der 90. Minute erzielte Einwechselspieler Teddy Sheringham das 1:1 nach einem Eckball von David Beckham. In der 92. Minute machte Einwechselspieler Ole-Gunnar Solskjaer das 2:1. Nach einem Eckstoß von David Beckham. Und die Reporter der britischen BBC riefen ihr unsterbliches "Manchester United have reached the Promised Land. History ist made" in die Mikrofone.

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Niemals war ein Champions-League-Endspiel dramatischer als damals. Niemals ist ein sicherer Sieger so brutal bestraft worden. Wenn im Viertelfinale der diesjährigen Königsklasse die beiden Teams wieder aufeinander treffen, wird das alles wieder erweckt.

Das Prinzip Vereinstreue

Die Rollen haben sich elf Jahre später aber umgedreht. 1999 war Manchester eine Mannschaft, die erst auf dem Weg war, sich in Europas Premiumliga zu etablieren. Beckham, Ryan Giggs, Paul Scholes, Gary Neville - alles damals junge Burschen, die Ferguson hochgebracht hatte. Außer Beckham sind sie immer noch bei ManUnited.

Ferguson, der Big Boss bei Manchester seit nunmehr 23 Jahren, lebt Vereinstreue vor. Viele seiner Spieler haben dieses Prinzip verinnerlicht. Neville ist seit 1992 bei Manchester, Giggs seit 1990, Paul Scholes seit 1993. Starverteidiger Rio Ferdinand steht seit acht Jahren in der Innenverteidigung, sein Nebenmann Nemanja Vidic seit knapp fünf Jahren, der zurzeit alle anderen überstrahlende Top-Stürmer Wayne Rooney ist auch schon fast sechs Jahre dabei, Torwart Edwin van der Sar geht in seine sechste United-Saison. Ji-Sung Park, Michael Carrick, John O'Shea, Darren Fletcher, Wes Brown - alles Namen, die man sich bei anderen Clubs kaum mehr vorstellen kann.

Ab und zu geht einer weg, der zu groß geworden war. David Beckham 2003, Ruud van Nistelrooy 2006, Cristiano Ronaldo 2009. Dem System Ferguson hat es nie geschadet. Den weggegangenen Spielern hat es nicht genutzt.

Manchester United und der FC Bayern führen beide ihre jeweiligen Ligen derzeit an, beide haben gebraucht, um die Konkurrenz aus Chelsea und Leverkusen von der Spitze zu holen. Beide werden sich die Tabellenführung womöglich nicht mehr wegnehmen lassen. Aber in der Champions League ist Schluss mit der Augenhöhe. Der FC Bayern hat Lospech gehabt.

Schlagbare Gegner für Hamburg und Wolfsburg

Das können die beiden deutschen Vereine in der Europa League nicht wirklich behaupten. Standard Lüttich ist - auch wenn die Belgier international bisher ungemein stark aufgetreten sind - für den Hamburger SV ebenso schlagbar wie der FC Fulham für den VfL Wolfsburg. Dann käme es im Halbfinale zum norddeutschen Duell. Papierkugel-Alarm in Hamburg.

Den Fehler, die kommenden Gegner auf die leichte Schulter zu nehmen, wird man zumindest in Wolfsburg offensichtlich nicht machen. Deren Manager Dieter Hoeneß warnt ja sogar vor dem nächsten Bundesliga-Gegner, dem trostlosen Tabellenschlusslicht Hertha BSC. Hoeneß sagte am Donnerstag: "Jeder weiß, dass Hertha an einem guten Tag jeden Gegner schlagen kann."

Vielleicht sollten es Hoeneß und Lahm mal als Komiker-Duo auf der Bühne versuchen.

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