Champions League Warum der FC Barcelona gegen die Bayern Außenseiter ist

Sie haben den besten Spieler der Welt, aber ihnen fehlt ein Plan: Der FC Barcelona ist so abhängig von Lionel Messi wie seit vielen Jahren nicht. Gegen den FC Bayern könnte das zu wenig sein.
Aus Lissabon berichtet Danial Montazeri
Lionel Messi, mal am Boden. Aber das muss bei ihm nichts heißen

Lionel Messi, mal am Boden. Aber das muss bei ihm nichts heißen

Foto: ALBERT GEA/ REUTERS

Der Angriff dauerte 56 Sekunden. Über 22 Stationen lief der Ball, ohne dass ihn der Gegner unter Kontrolle bekam. Dann schoss Lionel Messi den Ball ins Tor. Jener Treffer des FC Barcelona zum 2:0 gegen Neapel am vergangenen Samstag sagt viel aus über den Zustand einer Mannschaft.

Denn was dem Anschein nach ein klassisches Barcelona-Tor gewesen ist - ewiger Ballbesitz, viele Pässe, am Ende Messi - verkörperte weniger das Barça-Ideal, sondern das Barça der Gegenwart. Eines, das danach strebt, zu spielen wie einst, und dabei scheitert.

Als Messi rechts auf Höhe der Strafraumecke den Ball annimmt, ist er: allein. Als die ersten Neapolitaner hinzukommen und Messi stellen, ist er: allein. Als er schließlich am Boden liegend nach dem Ball krabbelt, umringt von fünf Verteidigern, ist da immerhin ein Teamkollege, Luis Suárez, nur: Er beobachtet Messi, ohne sich zu bewegen.

"Weltklassetor" nannte der SPIEGEL den Treffer. Gewiss, wie Messi durch Napolis Reihen dribbelte, erinnerte an jene Solotore, die ihm früher regelmäßig gelangen, und zwar nur ihm. Auch wenn er damals eher nicht strauchelte; sich ganz auf seine Klasse verlassen konnte und nicht, wie nun, den Ball ins Tor kämpfen musste.

Ein Tor als Ausdruck eines Problems

Aber der Treffer war auch Ausdruck eines taktischen Problems. Dem FC Barcelona gelingt es nicht mehr, das Optimum aus dem Superstar herauszuholen. Die Mannschaft verschafft ihrem Starspieler nicht mehr die nötigen Räume. Ihr fehlt ein Plan. Und so erhöht sich ihre Abhängigkeit von Messi, inzwischen ist sie fast so groß wie in der argentinischen Nationalmannschaft.  

An Messi selbst liegt das nur bedingt. Der Argentinier produziert nach wie vor erstaunliche Zahlen, in der laufenden Saison steuerte er im Schnitt 1,4 Tore oder Vorlagen pro 90 Minuten bei. Allerdings unterbot Messi diesen Wert in den vergangenen zehn Jahren nur einmal, 2018.

Gleichzeitig stieg die Abhängigkeit der Mannschaft von ihrem Star zuletzt immer weiter an. In dieser Spielzeit war er an 54,3 Prozent aller Barcelona-Treffer direkt beteiligt. Im Jahr davor waren es 52,9 Prozent gewesen. Davor: 44,7; 41, 5; 37,6. Auf einen höheren Anteil als aktuell kam Messi letztmals in seiner Übersaison 2012. Aber da war Messi 24 Jahre alt gewesen, er war athletischer, fitter.

"Die besten Jahre verschwendet"

Der britische "Independent" schrieb kürzlich, Barca habe "Messis beste Jahre verschwendet". Wenn man bedenkt, dass der beste Fußballer seiner Generation, vielleicht der Geschichte seines Sports, seit er 27 ist, nicht mehr die Champions League gewonnen hat, möchte man dem nicht widersprechen. Messis Vertrag läuft im nächsten Sommer aus.

Der Blick von Trainer Setien ist nicht wirklich zuversichtlich

Der Blick von Trainer Setien ist nicht wirklich zuversichtlich

Foto: POOL / REUTERS

Der fehlende Masterplan um Messi ist verknüpft mit dem Mann, der die Taktik bestimmt: dem Trainer. Zu Saisonbeginn war das Ernesto Valverde gewesen. Anfang des Jahres trennte sich der Klub, obgleich Tabellenführer in Spanien, von Valverde; dessen Nachfolger, Quique Setién, hätte Barça tabellarisch also nicht verbessern können. Sein Auftrag lautete wohl auch anders: Es ging darum, dass Barca wieder spielen möge, wie man es seit den Jahren vier unter Pep Guardiola von 2009 bis 2012 vom Team erwartet. Setién, obwohl zuvor nie beim FC Barcelona unter Vertrag gewesen, gilt als großer Anhänger der Barça-Schule, als Cruyffianer.

Die Idee: Mit viel Ballbesitz, aber auch vielen Torchancen; mit Pässen, die in den gegnerischen Strafraum führen sollen, und mit einem Messi, der sie veredelt, sollte Barcelona wieder Barcelona werden.

Es hapert beim Erspielen von Chancen

Unter Valverde war Barcelona nämlich häufig etwas passiver aufgetreten. Es wurde auch mal gekontert. Unter Setién gingen die Ballbesitzzahlen zwar seither deutlich nach oben. Die Spieler halten untereinander kurze Abstände, sie halten den Ball dadurch lange in ihren Reihen, können nach Ballverlusten direkt Druck machen.

Das mit dem Erspielen von Chancen klappt hingegen nicht mehr so recht.

Entscheidend ist für Ballbesitzmannschaften wie Barcelona, dass nicht nur viel gepasst, sondern auch viel gesprintet wird. Damit sind keine Tempodribblings gemeint, sondern "Dummy Runs", Läufe, die Gegenspieler mitziehen, Räume öffnen sollen. In der Barça-Dokumentation "Take the Ball, Pass the Ball" erzählt etwa Stürmer Thierry Henry, dass ihn Trainer Pep Guardiola damit genervt habe, immer wieder zum selben Sprint anzusetzen. Dabei war klar gewesen, dass Henry daraufhin keinen Pass erhalten würde. Es ging darum, Platz für Mitspieler zu schaffen.

In der Hochphase der Katalanen in diesem Jahrtausend, zwischen 2009 und 2011, fanden sich diese Läufe überall. Gerade David Villa und Pedro hatten sie perfektioniert. Diagonal sprinteten sie von den Flügeln in die Strafraummitte, um damit Räume für Messi zu schaffen.

Wer sich zuletzt Spiele des FC Barcelona unter Setién ansah, fand diese Dummy Runs kaum noch. Der Elf fehlt Tiefe, ihr fehlt auch die Breite, um die gegnerische Abwehr zu entzerren. So knäuelt sich das Spiel im Zentrum, und Barça muss hoffen, dass Messi einen seiner Momente hat. Gerüchte, Setién, 61, müsse nach der Saison schon wieder den Platz räumen, gibt es bereits. Sollte Barcelona nicht die Champions League gewinnen, bliebe der Klub erstmals seit 2008 ganz ohne Titel.

Im Viertelfinale gegen den FC Bayern trifft Barça nun auf eine Mannschaft, die ihr in vielerlei Hinsicht überlegen ist. Die einen funktionierenden Plan fürs Angreifen hat, bei dem jeder Spieler nicht allein auf die eigene Position achtet, sondern auch auf die des Teamkollegen. In der es darum geht, manchmal auch nur deshalb zu einem Sprint anzusetzen, um einem Mitspieler Raum zu verschaffen. Hinzu kommt der athletische Vorteil, den die Bayern haben: Das Team ist schneller. Robuster. Kopfballstärker.

Auf der Pressekonferenz vor dem Spiel redete Setién seine Mannschaft stark. Die Bayern seien ein exzellentes Team, das schon. Aber das gelte auch für seine Elf. Was aber spricht wirklich für Barcelona? Dass die Mannschaft erfahren ist; technisch stark genug, um das bayerische Pressing ins Leere laufen zu lassen. Dass sie nicht viele Tore zulässt. Und natürlich Lionel Messi. An guten Tagen ist das allein noch immer genug, ganz gleich, wer Barcelonas Gegner ist.

Bleibt nur die Frage, ob dieser Freitag ein guter Tag wird.

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