Kaderplanung im Fußball "Bei Liverpool erkennt man eine Strategie, bei Bayern nicht"

Fußballautor Christoph Biermann erklärt vor dem Champions-League-Duell, warum Liverpool trotz teurer Transfers vernünftiger wirtschaftet als die Münchner - und in welchem Dilemma der FC Bayern steckt.

Jürgen Klopp
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Jürgen Klopp

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SPIEGEL ONLINE: Herr Biermann, viele Beobachter gehen davon aus, dass der FC Bayern dem FC Liverpool im Achtelfinale der Champions League am Dienstag (21 Uhr/Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: Sky) unterlegen sein wird. Teilen Sie diese Auffassung?

Christoph Biermann: Ja, wobei Liverpool im Laufe dieser Saison schon stärkere Phasen hatte als im Moment. Und mit dem Verteidiger Virgil van Dijk fehlt auch der wichtigste Spieler. Favorit ist aber Liverpool - und zwar klar.

Zur Person
  • Christoph Biermann
    Christoph Biermann, 58, ist ein renommierter Fußballbuchautor und war jahrelanger Berichterstatter unter anderem für den SPIEGEL und die "Süddeutsche Zeitung". Heute ist er Reporter für "11FREUNDE".

SPIEGEL ONLINE: Vor ein paar Jahren sah das Kräfteverhältnis anders aus. Während der FC Bayern in den vergangenen sieben Spielzeiten sechs Mal mindestens im Halbfinale der Champions League stand, zog Liverpool in derselben Zeitspanne nur ein einziges Mal überhaupt in die K.-o.-Phase ein - rückte dann aber auch im letzten Jahr bis ins Finale vor.

Biermann: Bayern hatte über einen langen Zeitraum eine große Mannschaft, die zu den Top Vier in der Champions League gehörte. Liverpool dagegen war lange nur ein großer Name, hat sich aber langsam wieder dorthin zurückgearbeitet, wo sie mal mit dem Titelgewinn 2005 standen. Im Moment sieht es so aus, als seien sie an den Bayern vorbeigezogen.

SPIEGEL ONLINE: Dafür hat Liverpool aber auch sehr viel Geld ausgegeben - allein im letzten Sommer 18 Mal so viel wie die Bayern. Steht hier nicht das Konzept wirtschaftliche Unvernunft gegen Vernunft?

Biermann: Nein. Liverpool hat das Geld, und sie sind gut damit umgegangen. Natürlich waren sie nicht im Schnäppchenbereich unterwegs. Alisson, Naby Keita, Fabinho und Xherdan Shaqiri allein haben im Sommer 180 Millionen Euro gekostet. Aber durch den Verkauf von Philippe Coutinho im Winter davor wurden auch 135 Millionen Euro eingenommen. Wichtiger ist aber, dass man eine klare Strategie erkennt. Bei Bayern erkenne ich die nicht.

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SPIEGEL ONLINE: Wie sieht diese aus?

Biermann: 2017 wurde van Dijk für 79 Millionen Euro gekauft, dazu noch Mohamed Salah für 42 Millionen Euro. Das Jahr davor haben sie Sadio Mané (41 Millionen) und Georginio Wijnaldum (27) verpflichtet. Und 2015 kamen Roberto Firmino (41) und Christian Benteke (46). Auffallend ist, dass viel Geld für Positionen ausgegeben wurde, auf denen das zuvor unüblich war. Alisson ist einer der teuersten Torhüter der Welt, van Dijk der teuerste Innenverteidiger. Liverpool hat die eigenen Schwachpunkte genau analysiert und sie mit einer aggressiven Transferpolitik ausgebessert.

Virgil van Dijk, Mohamed Salah (r.)
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Virgil van Dijk, Mohamed Salah (r.)

SPIEGEL ONLINE: Und fast alle Transfers haben funktioniert.

Biermann: Benteke nicht, aber ansonsten sind nahezu alle teuren Zugänge heute wichtige Stammkräfte. Jedes Jahr, seit Jürgen Klopp dort Trainer ist, hat Liverpool ein, zwei Spieler geholt, die das Team auf ein neues Level gehoben haben. Dazu gehört zu dieser Saison Fabinho, der für 45 Millionen aus Monaco kam, um das zentrale Mittelfeld zu stabilisieren. Er hat drei Monate gebraucht, aber jetzt trägt er viel dazu bei, dass Liverpool rationaler spielt als im Vorjahr, denn genau das wollte Klopp. Wenn man das mit dem FC Bayern vergleicht, muss man sagen: Der letzte Transfer dieser Art war Mats Hummels 2016 für 35 Millionen Euro. Die Münchner haben andere interessante Transfers gemacht, aber weder Kingsley Coman, noch Corentin Tolisso sind heute schon tragende Säulen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich die besondere Trefferquote des FC Liverpool auf dem Transfermarkt erklären?

Biermann: Das hat damit zu tun, dass Liverpool sehr sorgfältig Spieler scoutet. Ein Beispiel: Firmino haben sie schon als Jugendlichen in Brasilien entdeckt. Sie fanden ihn außerordentlich talentiert, aber waren der Meinung, dass Liverpool für ihn zu früh käme. Sie haben ihn dann über Jahre weiter beobachtet, auch in Hoffenheim. Zu dieser Zeit stand in einem Scoutingbericht von Liverpool: "Es ist egal, wie das Wetter ist, der Gegner oder der Platz. Firmino spielt immer auf dieselbe hingebungsvolle, fleißige Art. Für ihn gibt es keine Grenze. Er ist ein Mann aus Stahl." Das war genau das, was sie haben wollten. Also zahlten sie für ihn auch 41 Millionen.

Roberto Firmino
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Roberto Firmino

SPIEGEL ONLINE: Gutes, intensives Scouting betreiben aber auch viele andere Klubs.

Biermann: Ja, Liverpool hat mit der kaum bekannten Figur Ian Graham, dem Director of Research, jemanden, der sich auch sehr stark um das auf Daten basierende Scouting kümmert. Im Klub gibt es also eine Mischung aus Old-Fashion-Video- und Vor-Ort-Sichtung sowie ein Absichern der Erkenntnisse mithilfe von Daten. Das führt zu guten Ergebnissen.

SPIEGEL ONLINE: Wird bei den Bayern weniger gut gescoutet?

Biermann: Ein populäres Missverständnis im Bezug aufs Scouting ist, dass es darum geht, Spieler zu entdecken. Entscheidend ist aber die Frage: Wird ein Spieler die Rolle ausfüllen können, die der Klub erwartet? Wenn man aber nicht weiß, wohin man will, ist das natürlich schwierig. Das Problem des FC Bayern ist nicht das Scouting, der Klub hat da tolle Leute, es ist die fehlende Strategie. Der FC Bayern musste in den vergangenen beiden Jahren geradezu schockiert feststellen, dass sich die Welt um ihn herum geändert hat. Der Aufstieg von mit Staatsgeld finanzierten Klubs wie Manchester City und Paris St. Germain hat die Kräfteverhältnisse verändert. Man muss unglaublich hohe Beträge investieren, um die Mannschaft zu verbessern. Mal sehen, ob das berühmte Festgeldkonto der Bayern reichen wird, denn sie brauchen eigentlich fertige Stars.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Biermann: Weil sie so lange in Europas Top Vier waren und die Ansprüche hoch sind. Das ist der Unterschied zum BVB. Dort gibt es ein Selbstverständnis: Wir arbeiten mit jungen Spielern wie Jadon Sancho und Achraf Hakimi, die auch mal Schwankungen unterliegen. Der Klub hält das problemlos aus, selbst wenn es jetzt wahrscheinlich das Weiterkommen in der Champions League kostet. Die Bayern hingegen müssen immer gewinnen und auf dem Transfermarkt entsprechend agieren. Weil es dort aber plötzlich andere große Player gibt, ist die Situation extrem kompliziert. Im Sommer und jetzt im Winter wurden zwei Transferperioden weitgehend verschenkt. Es macht den Eindruck, als wollte der FC Bayern die Zeit anhalten.

SPIEGEL ONLINE: Das scheint auch für andere Bereiche im Klub zu gelten.

Biermann: Die Rückkehr von Uli Hoeneß war sogar der Versuch, die Uhr zurückzudrehen. Auch bei Jupp Heynckes sollte die Zeit angehalten werden. Die Bayern hofften so lange auf seinen Verbleib, dass sie die Chance auf Thomas Tuchel verpassten, der gekommen wäre. Und schaut man auf die Besetzung des Sportdirektors, welches Profil erkennt man da? Dass Hasan Salihamidzic immer schon zur Familie gehörte.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die beiden Trainer, Jürgen Klopp und Niko Kovac, wenn man auf die veränderten Machtverhältnisse beider Klub schaut?

Biermann: Wie in Dortmund ist Klopp auch in Liverpool wieder die zentrale Figur, auf die sich alle und alles ausrichtet. Interessanterweise trotz eines, wie sie in England sagen, "europäischen Modells". Klopp ist nicht derjenige, der auch bei der Kaderzusammenstellung alles allein entscheidet, wie es bei Managern in England üblich ist. Und trotzdem gibt er klar die Richtung vor. Er bekommt die Spieler für die Art des Fußballs, die er spielen lassen will.

Niko Kovac
DPA

Niko Kovac

SPIEGEL ONLINE: Und Kovac?

Biermann: Die Bayern haben sich erst spät für Kovac entschieden, der noch beweisen muss, dass er ein Trainer für einen Klub von diesem Format ist. Dazu hat er mit Salihamidzic einen schwachen Sportdirektor an seiner Seite, der eifrig mit den Flügeln schlägt, aber kaum etwas zustande bringt. Die angekündigten Wintertransfers, wie etwa der von Callum Hudson-Odoi, haben nicht geklappt. Scharmützel wie die mit Didi Hamann wirken eher peinlich. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass vieles, wofür der FC Bayern in den letzten Jahren stand, im Wanken ist. Das heißt beileibe nicht, dass morgen alles zusammenbricht, aber die Selbstverständlichkeit eines großen Klubs ist weg.

SPIEGEL ONLINE: Nun wollen die Bayern auf dem Transfermarkt groß investieren. Benjamin Pavard wurde schon für den Sommer verpflichtet, möglicherweise kommen auch Timo Werner und Lucas Hernandez für viel Geld. Machen die Münchner also genau das, was Liverpool vor ein paar Jahren gemacht hat?

Biermann: Sie müssen jetzt ja ihren Kader erneuern. Große Spieler, die das Spiel des FC Bayern geprägt haben, sind schon weg oder werden den Klub verlassen. Mit Robert Lewandowski, Thomas Müller, Mats Hummels, Jérôme Boateng und Manuel Neuer biegen fast alle zentralen Spieler auf die Zielgerade ihrer Karriere ein. Franck Ribéry und Arjen Robben haben sie längst erreicht, die Bayern müssen also einen gigantischen Umbruch stemmen, weil sie die kontinuierliche Neuerung zum großen Teil verpasst haben.

SPIEGEL ONLINE: Der FC Bayern ist zuletzt 2011 im Achtelfinale aus der Champions League ausgeschieden. Was würde ein Scheitern nun gegen Liverpool für den Klub bedeuten?

Biermann: Die Bayern haben immer noch Chancen, Meister und Pokalsieger zu werden, und gegen den FC Liverpool sind sie nicht chancenlos. Wenn sie ausscheiden sollten, wird die Frage sein, ob dramatisch knapp oder deutlich. Doch eins ist völlig klar: Der FC Bayern steht vor einer Zeitenwende und scheint nicht wirklich darauf vorbereitet zu sein.



insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
pr8kerl 18.02.2019
1. Verschlafene, unkreative Bayern
Die Chancen, gegen Liverpool weiterzukommen, sind nicht berauschend. Die Chance, den BVB einzuholen und Pokalsieger zu werden, sind da deutlich besser. Aber leider haben die alten Herren um Uli Hoeneß und Karlheinz Rummenigge fast nur alte Herren in der Mannschaft. Jeder gegnerische Stürmer läuft Boateng und Hummels davon, vorne rennen sich Robben und Ribery immer wieder fest. Junge Leute wie Sanches oder Davies kommen kaum zum Einsatz. Die Ausnahme: Gnabry. Der ganze FC Bayern scheint sich immer noch im der Titelzeit des Jahres 2013 und der WM 2014 zu befinden. Keiner hat gemerkt, dass jetzt 2019 ist. Ich erwarte mir nichts dieses Jahr von meinem Verein.
Nonvaio01 18.02.2019
2. danke fuer die vielen lacher
lange nicht mehr so gelacht. wenn man wie Liverpool soviel glueck hat das man Suarez und Co fuer soviel Geld verkaufen kann, dann ist es einfach shoppen zu gehen. Desweitern ist der FCB im umbruch, mit einer startelf von 26 jahren kann man nicht sagen das die alt sind. Zum,al bei den 26 noch Hummels und Neuer in der startelf waren. Un dder FCB ist nicht zum siegen verdammt.....schaut mal wo Real momentan ist, der Verein der nun 3 mal die CL infolge gewonnen hat. es ist voellig normal das grosse Vereine alle 4-5 jahre ein neues Team aufbauen und dazu 1-2 jahre benoetigen. Barca, Real, Inter,Juve, Manu...Es gibt keinen verein der sich in einem Sommer verjuengert, das ist immer ein process ueber 2 jahre.
teichenstetter@gmail.com 18.02.2019
3. Da wird aber
derbe gegen Bayern geledert. Gefällt mir gut.
spon1899 18.02.2019
4.
Ziemlich schonungslose Analyse. Ich vermute, dass selbst manche Bayernfans das auch so sehen. Der Umbruch dürfte fürs Erste verpasst worden sein. Sie müssen in der Führungsspitze endlich in 2019 ankommen.
Nonvaio01 18.02.2019
5. Robben Ribery
Zitat von pr8kerlDie Chancen, gegen Liverpool weiterzukommen, sind nicht berauschend. Die Chance, den BVB einzuholen und Pokalsieger zu werden, sind da deutlich besser. Aber leider haben die alten Herren um Uli Hoeneß und Karlheinz Rummenigge fast nur alte Herren in der Mannschaft. Jeder gegnerische Stürmer läuft Boateng und Hummels davon, vorne rennen sich Robben und Ribery immer wieder fest. Junge Leute wie Sanches oder Davies kommen kaum zum Einsatz. Die Ausnahme: Gnabry. Der ganze FC Bayern scheint sich immer noch im der Titelzeit des Jahres 2013 und der WM 2014 zu befinden. Keiner hat gemerkt, dass jetzt 2019 ist. Ich erwarte mir nichts dieses Jahr von meinem Verein.
Ribery ist nur noch einwechsel spieler. Coman ist stamm spieler. Robben ist verletzt und auch nur noch ersat hinter Gnarby. Suele hat man schon gekauft. Pavard kommt im Sommer, Durchschnitt ist 26 jahre
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