FC Liverpool Verloren im Dickicht

Englands Nummer eins muss in der Champions League zittern. Die Offensive ist müde, die Abwehr wacklig - und ohne den verletzten Fabinho kommen auf Trainer Jürgen Klopp noch größere Probleme zu.

Liverpools Sadio Mané hat im Strafraum des Gegners das Nachsehen
Martin Rickett / dpa

Liverpools Sadio Mané hat im Strafraum des Gegners das Nachsehen

Aus Liverpool berichtet


Ganz zum Schluss gab es noch einmal eine Aktion, bei der der FC Liverpool normalerweise gefährlich wird. Doch auch dieser Moment sollte typisch werden für das 1:1 der Reds gegen den SSC Neapel: Kapitän Jordan Henderson trat den Ball von der rechten Seite hoch in den Strafraum, die Flanke war aber zu lang, sie flog über Sadio Mané hinweg. Kurz danach checkte Außenverteidiger Andrew Robertson einen Gegenspieler über die Werbebande. Es kam zur Rudelbildung, der Spielfluss war dahin.

So oder so ähnlich verlief der ganze, aus Liverpools Sicht frustrierende Abend. Eine Mischung aus Ungenauigkeiten und Nickligkeiten hatte Anteil daran, dass der Champions-League-Sieger den vorzeitigen Achtelfinal-Einzug verpasste und sich im abschließenden Vorrundenspiel am 10. Dezember in Salzburg (18.55 Uhr, SPIEGEL-Liveticker) voraussichtlich keine Niederlage erlauben darf. "Die Situation ist nicht brillant. Aber sie ist okay", sagte Trainer Jürgen Klopp nach seinem 100. Auftritt im Europapokal.

Im Hintergrund beobachtet Jürgen Klopp das Spiel seiner Mannschaft
Oli SCARFF / AFP

Im Hintergrund beobachtet Jürgen Klopp das Spiel seiner Mannschaft

Gegen Carlo Ancelottis Neapel, das im Clinch mit sich selbst liegt nach einer Meuterei der Mannschaft gegen Präsident Aurelio De Laurentiis, setzte sich ein Muster fort, das bei Liverpool schon in den vergangenen Wochen zu beobachten war. Die Mannschaft spielte oft nur mäßig, ihr fehlte die Schärfe. In der Premier League gewann sie gegen Gegner wie Sheffield United, Aston Villa oder zuletzt Crystal Palace nur dank später Tore. Mit dieser Beharrlichkeit erwirtschaftete sie an der Tabellenspitze einen komfortablen Vorsprung und ist - auch wenn das Rennen noch sehr lange geht - auf Meisterkurs. Gegen Neapel kam die Methode allerdings an ihre Grenzen. Mehr als den Ausgleich durch Dejan Lovren in der 65. Minute brachte Liverpool nicht zustande.

Sturm-Trio müde, Abwehr wackelig

Die Mannschaft hat im Moment damit zu kämpfen, dass sie Favoriten-Fußball spielen muss. Sie hat es oft mit Kontrahenten zu tun, die tief stehen und diszipliniert verteidigen. Weil der Platz hinter der gegnerischen Abwehr fehlt, sind Gegenpressing und Überfallangriffe wirkungslos. Stattdessen muss sich Liverpool in mühsamer Kleinarbeit den Weg durch das Dickicht gegnerischer Abwehrbeine bahnen. Das fällt der Mannschaft schwer. Im Angriff mangelt es an Tempo und Präzision. Das berüchtigte Sturm-Trio wirkt teilweise ausgelaugt, weil Klopp in der Offensive kaum Möglichkeiten zum Rotieren hat.

In der Liga sind die Außenverteidiger Robertson und Trent Alexander-Arnold längst zum Spielmacher-Duo geworden mit ihren Vorstößen und Hereingaben. Dadurch ist die Mannschaft variantenreicher. Gegen Neapel hatte Klopp seinem Team diese Stärke geraubt, weil er Alexander-Arnold schonte und erst spät einwechselte. Der Trainer musste hinterher feststellen, dass Liverpool "oft zu früh geflankt" habe. Das Ergebnis war, dass der Ball immer wieder in den Handschuhen von Neapels Torwart Alex Meret landete.

Fabinho, Liverpools heimlicher Gestalter, droht auszufallen
Reuters/Carl Recine

Fabinho, Liverpools heimlicher Gestalter, droht auszufallen

Ein weiteres Liverpooler Problem im Moment ist der Verlust der Makellosigkeit in der Abwehr. Die Mannschaft wartet seit elf Pflichtspielen auf eine Partie ohne Gegentor. Einen so schlechten Lauf hatte der Klub zuletzt 1998. Insgesamt kassiert Liverpool mehr Tore als in der Vorsaison. Mögliche Gründe dafür sind die Personalwechsel in der Defensive. Torwart Alisson verletzte sich zu Saisonbeginn und fiel zwei Monate aus. Virgil Van Dijk hat in der Innenverteidigung mal Joe Gomez, mal Joel Matip und im Moment Lovren neben sich. Auch steht die Abwehr in dieser Saison höher. Das macht sie anfällig für lange Bälle hinter die letzte Reihe. So fiel auch Neapels 1:0 durch Dries Mertens in der 21. Minute.

Fabinhos Verletzung kommt zur Unzeit

Eine besonders beunruhigende Szene aus Sicht der Gastgeber spielte sich allerdings schon vorher ab. Nach einer Kollision mit Hirving Lozano musste Liverpools defensiver Mittelfeldspieler Fabinho mit einer Verletzung in der Region Knöchel/Schienbein ausgewechselt werden. "Er hat Schmerzen. Das ist nicht gut", sagte Klopp vor den Untersuchungen am Donnerstag und klang dabei nicht besonders optimistisch. Der Brasilianer ist Liverpools wichtigster Mann im Mittelfeld als Feuerlöscher und Ballverteiler.

Die Sorgen um Fabinho kommen maximal unpassend, denn es beginnt gerade die im englischen Fußball traditionell mit Spielen vollgestopfte Weihnachtszeit, die für Liverpool in diesem Jahr noch ein bisschen mehr Stress bereithält: Zusätzlich zu den üblichen Verpflichtungen ist die Mannschaft auch bei der Klub-WM in Katar gefordert. Und das Finale in Salzburg um das Weiterkommen in der Champions League steht auch noch an.

FC Liverpool - SSC Neapel 1:1 (0:1)
0:1 Mertens (21.)
1:1 Lovren (65.)
Liverpool: Alisson Becker - Gomez (57. Oxlade-Chamberlain), Lovren, van Dijk, Robertson - Fabinho (19. Wijnaldum) - Henderson, Milner (78. Alexander-Arnold) - Salah, Firmino, Mané
Neapel: Meret - Maksimovic, Manolas, Koulibaly, Mario Rui - Allan, Zielinski - Di Lorenzo, Fabian Ruiz - Mertens (81. Elmas), Lozano (72. Llorente)
Schiedsrichter: Del Cerro Grande (Spanien)
Gelbe Karten: Klopp, Robertson / Koulibaly
Zuschauer: 52.128



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
spon_8440452 28.11.2019
1.
Premier League: Erster mit 12 Siegen und einem Unentschieden, 8 Punkte vor dem 2. und nach einem Unentschieden wird die der Abstieg prophezeit?
skeptikerjörg 28.11.2019
2. Ernsthaft?
Die Sorgen und die Schwächen, die Hendrik Buchheister hier beschreibt, hätten 98% aller Profimannschaften gerne, wenn sie dabei auch die Stärken übernehmen dürften.
tander19 28.11.2019
3. Flamengo X Liverpool
Es sind interessante Entwicklung für Flamengo Rio de Janeiro. Die finale der Club WM in Katar am 21. Dezember wird voraussichtlich zwischen Liverpool und Flamengo sein. Beide Mannschaften haben gute Chance den Pokal zu gewinnen, aber anderes als bei dem englischen Club, hat Flamengo nur noch fünf Spiele für dieses Jahr, drei davon für die brasilianische Liga, die Flamengo wie Libertadores bereits am Wochenende gewonnen hat.
BaumeisterB 28.11.2019
4. Premier League hat Priorität
Die CL hat man letzte Saison gewonnen., aber der ganze Klub sehnt sich nach der Meisterschaft. Die CL hat für Liverpool im Moment schlicht keine Priorität. Alles wird dem Gewinn der Meisterschaft untergeordnet. Insofern ist alles im grünen Bereich für die Reds.
peterw 28.11.2019
5. Gutet Artikel
Der Vorsprung ist schnell verspielt. Siehe letzte Saison! Liverpool gewinnt derzeit auch durch Glück, nicht durch Dominanz.
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