Europapokalwoche Fußball, es kann so schön sein

Diese Europapokalwoche war voller Dramatik, voller Begeisterung: Das Spiel Fußball hat immer noch die größte Macht. Solche rauschhaften Abende sind aber nicht trotz des Superkommerzes möglich, sondern vor allem seinetwegen.

Tottenham im Überschwang
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Tottenham im Überschwang

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Der Fußball hatte schon schlechtere Tage. Die Fabulous Four an der Anfield Road, der jähe Sekundentod von Ajax Amsterdam, die glorreiche Elf von Eintracht Frankfurt und ihr nimmermüder und am Ende dennoch vergeblicher Kampf. An der Stamford Bridge beim FC Chelsea spielten sie "Heroes" von David Bowie. Der Soundtrack der Woche.

Mentalitätsgiganten, Superhelden wurden erschaffen und beschworen, diese Europapokalwoche hat nichts ausgelassen. Millionenschwere Profis, gesottene Trainer, die auf dem Platz in Tränen ausbrechen, vor Freude, vor Enttäuschung - und Millionen Fans saßen hell erleuchtet vorm Fernseher, im Stadion, in der Kneipe, sich gegenseitig in den Armen liegend, auf die Schultern klopfend: Fußball, du großartiges Spiel.

Vier englische Teams stehen am Ende als die Sieger da. Daraus die große Dominanz der Premier League abzuleiten, wäre allerdings voreilig. Ein Frankfurter Elfmeter ein paar Zentimeter weiter links oder rechts, zwei Minuten weniger Nachspielzeit in Amsterdam - und die Vorherrschaft von der Insel hätte sich schon einmal halbiert. Dennoch ist es nicht nur Zufall, dass die Mannschaften aus England am Ende die Trophäen untereinander ausschießen. Hier gibt es die teuersten und bestbestückten Kader, hier gibt es die Mannschaften, die auch am Ende einer Spielzeit noch über Reserven verfügen, die andere nicht mehr haben. Weil die Reservebänke überquellen vor Qualität. Tottenham erreichte das Endspiel ohne Harry Kane, Liverpool ohne Mo Salah.

Vor vier Jahren gab es den Abgesang auf die Premier League

Es ist aber gerade vier Jahre her, da verabschiedete sich das letzte englische Team bereits im Achtelfinale aus der Champions League. 2013, als die Bayern am Ende triumphierten, war es genauso. Es macht Spaß, die eigenen geschriebenen Abgesänge von damals heute noch einmal nachzulesen.

Welch ein Drama
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Welch ein Drama

Die Halbfinals dieser Woche haben von ihrer Dramatik gelebt, aber auch davon, dass Ajax Amsterdam und Eintracht Frankfurt daran beteiligt waren, zwei Sympathieträger - allein schon, weil beide Klubs nicht zu den Dauergästen im Dachgeschoss des europäischen Fußballs gehören. Ajax wäre bei einem Endspieleinzug der erste Finalist seit dem FC Porto 2004 gewesen, der nicht aus England, Deutschland, Spanien oder Italien gekommen wäre. Der letzte Europapokaltriumph der Eintracht stammt aus dem Jahr 1980. Stichwort: Fred Schaub, 81. Minute.

Es wird nun viel darüber geschrieben, dass es solche Überraschungscoups künftig nicht mehr geben würde, wenn die Champions League ihre Struktur weiter veränderte, noch hermetischer wird, als sie bisher schon ist. Andererseits ist der Erfolg von Ajax auch nicht vom Himmel gefallen, er gehört in die Reihe der derzeitigen Renaissance des niederländischen Fußballs. Oranje hat in der Gruppenphase der Nations League die Weltmeister der letzten beiden Turniere, Frankreich und Deutschland, hinter sich gelassen, in der Liga liefern sich PSV und Ajax einen faszinierenden Zweikampf um den Titel.

Ekstase an der Anfield Road
AFP

Ekstase an der Anfield Road

Ajax ist derzeit eine der Topmannschaften in Europa, vor zwei Jahren stand die Mannschaft bereits im Endspiel der Europa League. Wie nachhaltig diese Hausse ist, wird man angesichts des vermeintlichen Ausverkaufs im Sommer abwarten müssen. Jedenfalls ist der Amsterdamer Höhenflug kein Wunder, sondern das Ergebnis gezielter Arbeit, einer geschickten Transferpolitik, eines intelligenten Trainerteams. All das braucht man auch bei Mannschaften, die erheblich mehr Geld haben, sonst wird es auch bei denen nichts mit dem Europapokalsieg.

Der Spitzenfußball erscheint vielen als eine Parallelwelt des Superkommerzes. Aber diese Parallelwelt lässt Raum für die großen Momente, das hat diese Woche gezeigt. Vielleicht sind sie sogar am ehesten in dieser Parallelwelt möglich. Weil diese Fußball-High-Society so viel Qualität aufgesogen hat. Hier kann der FC Liverpool auch den FC Barcelona in Grund und Boden spielen, weil auch er dafür alle Ressourcen zur Verfügung hat. Hier können und dürfen sich auch Real Madrid, Juventus und Barcelona keinen Moment mehr ausruhen.

Der Fußball ist immer wieder totgesagt worden. In dieser Woche war er schon sehr lebendig.



insgesamt 16 Beiträge
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dhvenus 10.05.2019
1. Liebe Engländer
Vier euere Mannschaften stehen in die Finale von Champions-League und der UEFA Europacup Finale. Was ihr davon habt? Die Fans von den beiden Londoner Finalisten dürfen nach Baku fliegen, dort das Spiel angucken, die Stadion eilig verlassen und wieder nach Hause fliegen. Die angeschlagen Weltklima freut sich auf die zusätzlichen CO2 ;-)
Stäffelesrutscher 10.05.2019
2.
Und wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass Liverpool in der Vorrunde drei Niederlagen kassiert hat und sich gegen Neapel (2/3/1) nur wegen der Dreipunkteregel und der größeren Anzahl der erzielten Tore (bei unentschiedenem Ausgang des direkten Vergleichs) durchgesetzt hat; wenn man berücksichtigt, dass bis zur 85. Minute des letzten Vorrundenspieltags auf Platz 3 hinter Inter Mailand lag, dann aber ein gewisser Lucas Moura noch in Barcelona den überraschenden Ausgleich erzielt hat (während Inter überraschenderweise gegen den abgeschlagenen Letzten zuhause nicht gewann); ... ... dann haben diese beiden Vereine neben all der Willens- und Finanzkraft auch vorher schon eine Menge Dusel gehabt.
neurobi 10.05.2019
3.
Ich hatte mich schon darauf gefreut auf ein Finale mit Ajax und Barcelona. Stattdessen hat das Geld gewonnen. Stattdessen zwei Mannschaften aus der Geldliga, die den Fußball in Europa kaputt macht. Was ist daran schön?
arsenal62 10.05.2019
4. Ja, das Geld gewinnt
Aber immerhin sind die Top 6 der Fußball-Geld-Tabelle dieses Jahr ausnahmsweise nicht in die Finals gekommen. Barcelona steht da auf Platz 2.
hm2013_3 10.05.2019
5. ja, wirklich schön
ich war schläfrig und wollte dass endlich ein Tor fällt. Dann konnte ich nicht mehr schlafen und sah das wundersame Spiel bis zum Ende. Ich frage mich immer noch, wie der Torwart den Elfer zwischen seinen Beinen halten konnte.
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