Chefs der Super League Sie sehen sich als Retter des Fußballs

Kritiker halten die Super League für einen Verrat am Fußball. Präsident Florentino Pérez und seine Mitstreiter dagegen behaupten, den Sport wieder für Jugendliche attraktiv zu machen – denn die wenden sich ab.
Von Florian Haupt, Barcelona
Florentino Pérez, Präsident von Real Madrid und der neuen Super-League: »Wir wollen Herren unseres eigenen Schicksals sein«

Florentino Pérez, Präsident von Real Madrid und der neuen Super-League: »Wir wollen Herren unseres eigenen Schicksals sein«

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Angel Martinez / Real Madrid / Getty Images

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Auch er sei ja nicht mehr der Jüngste, sagt Florentino Pérez, 74. Aber er versuche wenigstens, sich in die Zukunft hineinzudenken. Und in der, so erklärte in der Nacht zum Dienstag der Präsident von Real Madrid, der weltweiten Klubvereinigung WFCA und – besonders entscheidend dieser Tage – der neuen europäischen Superliga, müssten sich die Dinge ändern. Damit sie bleiben können, wie sie sind.

Angesichts des weltweiten Aufruhrs um das Sezessionsprojekt von zwölf europäischen Spitzenvereinen war der galaktische Klubchef erstmals seit acht Jahren in ein TV-Studio gekommen. Nach den brachialen Drohungen aus der Uefa und dem Lamento in großen Teilen der Szene standen Gegenpropaganda und Aufklärungsoffensive auf dem Programm. Am spätabendlichen Fußballstammtisch »Chiringuito« erklärte Pérez die Einführung der Superliga dabei zu nicht weniger als einer Frage von Leben und Tod.

Der Fußball befinde sich »im freien Fall«, »am Rand des Ruins«, so Pérez, der immer wieder die mindestens fünf Milliarden Euro Verlust anführte, die Europas Vereine laut der europäischen Klubvereinigung ECA bisher in einer Pandemie zu verzeichnen hatten, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Wenn er von der neuesten Champions-League-Reform durch die Uefa ab 2024 höre, dann sei das Problem nicht nur, dass diese niemand verstehe. Sondern vor allem, dass »wir bis 2024 gestorben sind«. Und zwar Groß und Klein: »Alle«. (Lesen Sie hier mehr über die Champions-League-Reform)

»Das Leben ändert sich, die Zeiten ändern sich, Mentalitäten ändern sich. Wir brauchen Antworten für die neuen Generationen.«

Florentino Pérez, Präsident der Super League

Das Wort von Pérez hat Gewicht in Spanien, nicht nur bei Real Madrid. Als einem der führenden Unternehmer des Landes kann man dem kürzlich für eine sechste Amtszeit bestätigten Präsidenten schwerlich die Geschäftskenntnisse absprechen. Wenn er so dramatische Töne wählt, dann hat das einerseits taktische und angesichts der Covid-Krise natürlich konjunkturelle Hintergründe. Aber Pérez offenbarte auch die strategischen Motive hinter der Rebellion der Großklubs. »Das Leben ändert sich, die Zeiten ändern sich, Mentalitäten ändern sich«, erklärte er: »Wir brauchen Antworten für die neuen Generationen.«

Nur zwölf Prozent der 16- bis 24-Jährigen sind Fußballfans

Tatsächlich müssen selbst hart gesottene Traditionalisten zugestehen, dass der »alte Fußball« große Teile der Jugend nicht anspricht. Nach einer ECA-Studie aus dem letzten Jahr geben 13 Prozent der 16- bis 24-Jährigen an, den Fußball »zu hassen«. Weitere 27 Prozent bescheinigen sich »keinerlei Interesse«. Nur zwölf Prozent erklären sich zu Fans.

Mit dem sich andeutenden Bedeutungsverlust steht der Fußball nicht allein. Dass die »Generation Z« nicht so sportbegeistert – insbesondere: nicht so sportkonsumbegeistert – ist wie ihre Vorgänger, sorgt die Szene schon seit einigen Jahren. Nach Daten von »Morning Consult« sehen in den USA nur halb so viele Jugendliche noch Sport wie in der Vorgängergeneration »Millennials«. Dabei ist die »Generation Z« – also die grob zwischen 1996 und 2012 Geborenen – medienaffiner als jede vor ihr. Doch ihr Nutzungsverhalten ist anders. Nicht zuletzt haben Tiktok, YouTube oder Playstation die Aufmerksamkeitsspannen reduziert, es braucht wohl permanente Action, sonst wird nicht hingeschaut.

Olympia versucht, die Jugend mit Skateboard oder Klettern anzusprechen. Der Fußball braucht, so Pérez und seine Mitstreiter, einen attraktiveren Wettbewerb, um auf dem Entertainmentmarkt gegen Netflix, E-Sports oder – im außereuropäischen Ausland – amerikanische Ligen wie die NBA zu bestehen. Einen, der nicht nur ab April verführe wie die Champions League (»Ehrlich gesagt, es gibt Spiele, die halte nicht mal ich aus«, sagte Pérez), sondern das ganze Jahr. Mit der Superliga glaubt Pérez, ihn gefunden zu haben. »Dienstags und mittwochs jeweils fünf große Spiele – das ist unschlagbar.«

Warum sich dann alle so aufregen? Bei seinem rund zweistündigen Studiobesuch legte es Pérez vor allem darauf an, Bedenken zu zerstreuen. Indem man »den Fußball retten« will, garantiere man ja gerade Solidarität: Durch die höheren Einnahmen steige auch die entsprechende Umverteilung nach unten. An den nationalen Ligen werde nicht gerüttelt, »sie sind die Grundlage von allem«, sagte Pérez. Und nein, man sei kein geschlossener Klub. Fünf Plätze der 20er-Liga seien ja offen, es brauche eben ein gutes Qualifikationssystem, eine Art zweite Liga. Zum Beispiel, warum nicht, die Champions League.

Knappe Mehrheit pro Super League in Spanien

Die bisherige Königsklasse als Unterbau: Es wäre der Triumph über die bei den Großklubs ungeliebte Uefa, von der man sich im selben Maße emanzipieren will, wie es die nationalen Ligen in den vergangenen Jahrzehnten von ihren Fußballverbänden taten oder die Basketball-Euroliga vom internationalen Basketballverband. »Wir wollen Herren unseres eigenen Schicksals sein«, so Pérez, der die Drohungen der Uefa, etwa über einen sofortigen Ausschluss von Real Madrid aus dem aktuellen Champions-League-Halbfinale, unbeeindruckt hinweglächelte.

Es sei nicht der Moment, über rechtliche Aspekte zu sprechen, aber man sei vorbereitet, und wenn nicht schon diesen Sommer, dann starte man eben im Jahr danach. »Die Uefa verwechselt ihr Monopol mit Eigentum.« Den Funktionären gehe es nicht um den Fußball, sondern um ihre Privilegien. »Damit ist es jetzt vorbei.«

In Spanien hat Pérez mit seinem Plädoyer schon einen kleinen Meinungsumschwung herbeigeführt. Bei den Onlineumfragen der großen Sportzeitungen äußerten sich am Dienstag erstmals knappe Mehrheiten pro Superliga. Anderswo aber, besonders in England, scheint die Kritik nur noch heftiger zu werden, diverse Medien spekulieren gar über einen Rückzieher mancher Super-League-Vereine. Laut Pérez indes wäre so einer gar nicht möglich, auch das hätten die Rebellen in ihren Abkommen vereinbart: »Die Unterschrift ist bindend.«

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