Trauerkundgebung für Neonazi "Der Verein Fanszene Chemnitz war nicht beteiligt"

Seit der Gedenkveranstaltung für Neonazi Thomas Haller im Stadion stehen der Chemnitzer FC und seine Fans in der Kritik. Vertreter der Chemnitzer Fanszene wehren sich im Interview gegen den Rechtsextremismus-Vorwurf.

Gedenken für Neonazi Thomas Haller in Chemnitz
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Gedenken für Neonazi Thomas Haller in Chemnitz


Die Trauerkundgebung im Chemnitzer Stadion für den Neonazi Thomas Haller hat Aufsehen und Empörung ausgelöst. Beim Regionalliga-Heimspiel des Chemnitzer FC gegen VSG Altglienicke hatten Verein und Fans eine Gendenkminute für den am Montag beerdigten Haller eingelegt, CFC-Stürmer Daniel Frahn ein T-Shirt mit der Aufschrift "Support your local Hool" hochgehalten. Nachdem der Verein sein Verhalten zunächst gerechtfertigt hatte, reagierte er danach auf die öffentliche Entrüstung. Die Fanbeauftragte und der Stadionsprecher wurden freigestellt.

Der Verein in Person des Insolvenzverwalters Klaus Siemon hat danach die Behauptung aufgestellt, rechte Fans hätten massiven Druck auf Geschäftsführer Thomas Uhlig ausgeübt, die Gedenkkundgebung durchzuführen. Diesem Druck habe Uhlig nachgegeben.

Die Chemnitzer Fans hatten sich mit Stellungnahmen dazu bislang zurückgehalten. Im SPIEGEL-Interview äußern sich zwei Vertreter der Fanszene Chemnitz e.V. zu den Vorgängen. Ihre Namen wollen sie allerdings nicht veröffentlicht wissen, für Leute aus der Fanszene ist das nicht ungewöhnlich. Deshalb tauchen sie hier nur mit einem Namenskürzel auf.

SPIEGEL ONLINE: Welche Motivation haben Sie, dieses Interview zu führen, nachdem die Fans bis jetzt größtenteils von öffentlichen Statements abgesehen haben?

Markus M.: Es sind mittlerweile so viele hanebüchene Dinge aufgelaufen, dass wir sagen: Okay, jetzt erzählt man mal die Sicht derjenigen, die wissen, wie das hier alles tickt und läuft. Dass das Ganze eben kein knochenharter Reichsparteitag war, wie es vielfach dargestellt wird, sondern eine Gedenkminute für einen Mann, der viele Jahre dem Verein verbunden war, so umstritten er auch gewesen sein mag. Und wie die Ereignisse im Nachhinein vor allem durch den Insolvenzverwalter dargestellt werden, da muss irgendwann mal jemand sagen: So war es nicht.

Philipp U.: Und dass man dieser Aussage, die überwiegende Mehrheit der CFC-Fans sei rechts, wie es zuletzt in den Medien immer dargestellt wurde, einfach mal entgegenwirkt. Während der drei Gedenkminuten war kein einziger Arm oben, sondern es wurden Schals hochgehalten.

Ein Hitlergruß war bei der Kundgebung im Stadion tatsächlich nicht zu sehen gewesen. Vor der Fankurve wurde ein schwarzes Transparent mit der Aufschrift "Ruhe in Frieden, Tommy" gehisst. Hinter dem Tor stand ein Trauergesteck. Fans entrollten auf der Tribüne zudem ein schwarzes Transparent mit weißem Kreuz. Auf der Videoleinwand des Vereins wurde ein Foto von Haller gezeigt. Die Gedenk-Choreografie wurde vom Stadionsprecher des FC Chemnitz moderiert, der unter anderem sagte: "Wir möchten seiner Familie und allen, die Tommy als Mensch schätzten, hiermit unser tiefstes Mitgefühl aussprechen." Der Sprecher lobte Haller als "Anhänger mit Leidenschaft für unseren Verein". Nach der Ansage des Stadionsprechers zündeten Fans Pyrotechnik, es folgten die Gedenkminuten.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es überhaupt zu der Kundgebung?

Markus M.: Am Freitagvormittag hat sich in der Chemnitzer Fanszene die Nachricht verbreitet, dass Thomas Haller gestorben ist. Viele Leute aus seinem Umfeld und der Kurve haben sich daraufhin Gedanken gemacht, wie des Verstorbenen beim folgenden Heimspiel gedacht werden kann. Innerhalb kurzer Zeit ist dann die Choreo entstanden. Dabei gab es keinerlei politische Bekundungen. Das war strengstens untersagt. Es wurde drei Minuten an den Verstorbenen erinnert. Wir müssen betonen, dass der Verein Fanszene Chemnitz weder an der Vorbereitung noch an der Durchführung beteiligt war, wir das Geschehene aber natürlich als nahestehende Beobachter verfolgt haben.

SPIEGEL ONLINE: Wer war Thomas Haller für Sie?

Markus M.: Das kann man so nicht beantworten, denn er war für jeden jemand anderes. Für die einen war er der böse NSU-Nazi, für die anderen ein loyaler und zuverlässiger Geschäftspartner. Im Stadion war er für viele vor allem einer der bekanntesten Fans - ein Fan war er definitiv -, der seit Jahrzehnten viel für den Verein gemacht hat. So haben ihn viele wahrgenommen, und deswegen hat er auch relativ unwidersprochen diese Gedenkminuten bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig hat sich Thomas Haller als Gründer der Gruppe "HooNaRa" (Hooligans, Nazis, Rassisten) geoutet. Zudem soll er eine maßgebliche Rolle bei den rassistischen Ausschreitungen im vergangenen August gespielt haben. Wie bewerten Sie das?

Markus M.: Da gibt es nichts zu bewerten. Keiner von uns war dabei. Grundsätzlich distanzieren wir uns als Fanszene Chemnitz e.V. von jeglicher Form von Rassismus und Rechtsextremismus. In Bezug auf die Ereignisse vom August bleibt jedoch festzuhalten, dass Thomas Haller da schon schwer erkrankt war und demzufolge nicht beteiligt gewesen sein kann. Das ist eine völlig falsche Darstellung. Man darf nicht vergessen, dass viele Sachen zu Zeiten passiert sind, bei denen viele, die ihn erst vor ein paar Jahren kennengelernt haben, noch gar nicht in irgendeiner Form dabei waren. Aber jeder Mensch hat seine Geschichte, und jeder Mensch hat auch das Recht, in späteren Jahren nicht mehr das zu tun, was er vielleicht fünfzehn Jahre vorher getan hat.

Die unter Hallers Patenschaft entstandenen Fangruppen "NS Boys" und "Kaotic" sollen im Vorsommer zur Mobilisierung für die Ausschreitungen in Chemnitz beigetragen haben, schreibt die "Freie Presse". Haller hatte, wie oben bereits erwähnt, in den Neunzigerjahren das Netzwerk "HooNaRa" gegründet, das steht für "Hooligans, Nazis, Rassisten". Bis 2007 organisierte er den Sicherheitsdienst im CFC-Stadion, der Verein trennte sich von ihm, nachdem Haller sich in einem Interview mit dem Fußballmagazin "Rund" seiner Hooligan-Taten gebrüstet hatte. Sein Name tauchte im Umfeld der rechtsextremen Zwickauer Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) auf, seine Kontaktdaten wurden in Adressbüchern von NSU-Unterstützern gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Die Aktion hat ein immenses Echo und einen Skandal hervorgerufen. Haben Sie das erwartet?

Philipp U.: In dieser Form haben wir es nicht erwartet. Grund dafür ist, dass bei dieser ganzen Geschichte der Verein involviert gewesen ist. Die Aktion ist in enger Absprache mit dem Verein, dem Veranstaltungsleiter und dem Sicherheitsbeauftragten durchgeführt wurden. Wäre es nur eine Geschichte von Fanseite gewesen, wäre wahrscheinlich nach drei, vier Berichten am Montag erst einmal wieder Ruhe gewesen. Aber dadurch, dass der Chemnitzer FC selber involviert gewesen ist, einhergehend mit den Vorkommnissen vom letzten Jahr im August, ist dann eins mit dem anderen zusammengekommen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie nachvollziehen, warum so viele Menschen ein Problem mit der Aktion haben?

Philipp U.: Also auf die Aktion an sich bezogen, können wir das nicht nachvollziehen. Das war ja nicht die erste Aktion zum Gedenken an verstorbene CFC-Fans, Spieler und Funktionäre. Und diese Form mit einem Foto auf der Anzeigetafel, mit Musik und einem Trauerkranz war eigentlich schon immer so. Bei der Person Thomas Haller und durch seine Vorgeschichte haben wir natürlich ein Fass, das gerne aufgemacht wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie war der Ablauf der Aktion von der Idee bis zur Umsetzung?

Markus M.: Unser Verein Fanszene Chemnitz war rund um die ganze Geschichte nur im Beobachterstatus. Wir hatten auch keinerlei Intentionen, da einzuwirken. Zum Spieltag betreuen wir im Stadion unseren Stand, sind Ansprechpartner für unterschiedliche Fragen von Fans und verteilen Infomaterial. Als Vorstand haben wir gar nicht die personellen und zeitlichen Ressourcen, um eine Choreo durchzuführen.

SPIEGEL ONLINE: Der Verein hat behauptet, dass es im Vorfeld zu Bedrohungen seines Personals gekommen sei, sollte die Aktion nicht durchgeführt werden können. Was können Sie dazu sagen?

Philipp U.: Wir können lediglich auf die Dinge verweisen, die bereits in der Presse aufgearbeitet wurden. In einem WhatsApp-Chat, der extra für diese Gedenkveranstaltung erstellt wurde und in dem Sicherheitsbeauftragter, Fanbeauftragte, Veranstaltungsleiter und Marketingleiter waren, gab es keinerlei Anzeichen von Bedrohung. Dafür, dass es die gegeben haben soll, steht derzeit nur die Aussage des Insolvenzverwalters Klaus Siemon.

Markus M.: Aus diesen WhatsApp-Protokollen, die sogar als Screenshots in der Zeitung abgedruckt wurden, ist klar ersichtlich, dass der Verein regelrecht mitgeplant hat. Die Rede, die verlesen wurde, wurde vom Veranstaltungsleiter Uhlig persönlich abgesegnet.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie die Aufarbeitung des Vereins in den letzten Tagen?

Philipp U.: Von ausgeprägtem Krisenmanagement kann keine Rede sein. Es wird versucht, im Verein viele kleine Schuldige für die ganze Aktion zu finden. Sich aber selbst zu hinterfragen, hat nicht stattgefunden.

Markus M.: Auf diesem Weg wollen wir auch den Verein dazu aufrufen, endlich reinen Tisch zu machen mit der Aktion. Sich nur auf irgendwelche dünnen Ausreden zu berufen, funktioniert einfach nicht mehr. Der Verein hätte sich hinstellen müssen und sagen: "Unser Umgang damit war einfach unser Fehler."

Die Fragen stellte Edgar Lopez



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