Chemnitzer FC "Nur Fußball, keine Politik"

Am Wochenende trauerten Fans und Mannschaft des Chemnitzer FC im Stadion um einen Neonazi. Jetzt versucht das Team, sich zu distanzieren. Das Auswärtsspiel bei Dynamo Berlin zeigt: So einfach geht das nicht.
Spieler des Chemnitzer FC beim BFC Dynamo

Spieler des Chemnitzer FC beim BFC Dynamo

Foto: Andreas Gora/ dpa

Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark liegt im Herzen des Prenzlauer Bergs von Berlin, dort also, wo die Biomärkte und Eigentumswohnungen eine friedliche Koexistenz eingehen.

Dass hier der BFC Dynamo seine Heimspiele austrägt, ist eine Art Relikt. Die Fans des Vereins, beheimatet tief im Osten Berlins, in Hohenschönhausen, sind schließlich nicht gerade klassische Prenzlauer-Berg-Klientel. Der BFC hat nicht nur mit seiner DDR-Geschichte als alter Stasiklub zu kämpfen, in der Vergangenheit geriet er wegen der Nähe einiger Fans zur rechten Szene wiederholt in die Schlagzeilen, seine Hooligans hatten einen noch zweifelhafteren Ruf als andere.

Insofern war es für die BFC-Fans fast ein ungewohntes Gefühl, dass das große Polizeiaufgebot am Mittwochabend rund um den Jahnsportpark nicht ihnen galt, sondern den Gäste-Anhängern, den Fans des Chemnitzer FC.

Erstmals seit den skandalösen Vorkommnissen am Wochenende, als im Chemnitzer Stadion um den verstorbenen Neonazi Thomas Haller getrauert wurde, trat die Mannschaft wieder zu einem Spiel an - ausgerechnet beim in dieser Hinsicht auch nicht unbelasteten BFC.

240 Beamte hatte die Berliner Polizei zu dieser Partie entsandt, das Spiel war als "mittleres Risikospiel" eingestuft worden. Die Anhänger beider Fans sind sich aus alten DDR-Zeiten nicht besonders freundlich gesonnen - an diesem Abend war davon aber nichts zu spüren.

Das heikle Thema tunlichst umgehen

Trauertransparente, wie sie am Wochenende in Chemnitz hingen, waren schon im Vorfeld von der Polizei untersagt worden, und das Häuflein der rund hundert angereisten CFC-Fans hielt sich brav an diese Vorgabe. Ihre Banner hatten harmlose Aufschriften. Die Ordner, die zuvor angehalten worden waren, kritische Transparente zu entfernen, hatten nichts zu tun.

Ohnehin schienen alle bemüht, das heikle Thema Thomas Haller so weit wie möglich zu umgehen. "Heute geht's um Fußball" und "Ich sag da nichts zu, Hauptsache, ihr hattet wieder was zu schreiben" waren die Reaktionen, wenn man Einzelne ansprach. Der BFC-Stadionsprecher versprühte ebenfalls nur gute Laune, begrüßte die Gäste des Spitzenreiters und ließ das Thema der Vortage tunlichst unberührt.

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Stattdessen erinnerte er lieber daran, wie sich beide Klubs zu DDR-Zeiten vor 30 Jahren im Endspiel des FDGB-Pokals gegenüberstanden: Dynamo Berlin gegen den FC Karl-Marx-Stadt, "das waren noch Zeiten, 1:0 im Stadion der Weltjugend". Nicht nur den FC Karl-Marx-Stadt gibt es unter diesem Namen nicht mehr, auch das Stadion ist längst eingeebnet. Heute steht dort die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. "Damals bei uns im BFC-Sturm: Andi Thom und unser Thomas Doll." Es wird Thomas Doll freuen, dass es Orte gibt, an denen er noch gefeiert wird.

"Es ist unglaublich viel eingeprasselt"

Viel ist in den vergangenen Tagen über die rechten Netzwerke unter den CFC-Fans geschrieben worden, offenbar hat das auch die Mannschaft nicht unbeteiligt gelassen.

Der sonst so souveräne Tabellenführer dürfte eine der schwächsten Saisonleistungen hingelegt haben, Kellerkind BFC siegte verdient 2:1, die Anhänger der Gäste, die sich hinter ein "Ultras"-Transparent im Gästeblock geschart hatten, nahmen es fast teilnahmslos hin. Stoisch standen sie da im eisigen Wind und im unangenehmen Nieselregen, als hätte sich selbst der Wettergott eine Strafe für die Vorfälle vom Wochenende ausgedacht. Keine Rufe, keine Anfeuerungen, nur Stille. Vielleicht waren sie aber auch einfach nur festgefroren.

"Es ist unglaublich viel eingeprasselt auf den Verein und auch auf die Mannschaft", warb Trainer David Bergner nach dem Spiel im MDR für Verständnis für die Leistung seiner Spieler. Er hatte zudem auf seinen Torjäger Daniel Frahn zu verzichten, der vom Verband für die Partie gesperrt worden war. Frahn hatte am Samstag im Heimspiel ein T-Shirt mit der Aufschrift "Support your local Hool" hochgehalten, auch das war als Solidarität mit dem toten Haller gedeutet worden. "Das alles hat uns belastet, uns fehlte die Leichtigkeit", sagt Bergner.

Der Trainer verwahrte sich nochmals gegen jeden Rassismusvorwurf gegen die Mannschaft: "Wir können das nicht gutheißen und distanzieren uns von dem, was passiert ist", sagt Bergner und gleichzeitig: "Wir wollen hier Fußball spielen, wir wollen keine Politik machen. Das übersteigt auch meine Kompetenz, ich bin Trainer einer Viertligamannschaft."

Die nächste Konfrontation mit der Politik könnte es für ihn und die Mannschaft schon am kommenden Wochenende geben. Dann gastiert der CFC beim Berliner AK, dem deutsch-türkischen Verein der Hauptstadt. Der hatte in der Hinrunde erwogen, gar nicht erst zum Spiel nach Chemnitz zu fahren, nachdem im Sommer Chemnitzer Rechtsextreme durch die Innenstadt marschiert und auf Menschen losgegangen waren. Der Chemnitzer FC hatte daraufhin im Vorfeld der Partie eine Erklärung veröffentlicht mit dem Kernsatz: "Es ist unser Ziel, unsere Strategie, den CFC zum Bollwerk gegen Rechtsradikalismus auszubauen."

Am Ende des Abends packten die Chemnitzer Fans ihre Banner artig wieder ein und dachten bereits nach vorne: "Wo kann man denn hier Bayern München gucken?" Nebenan im "Tante Käthe" am Mauerpark, Hipster-Treff. Aber dort ist es vielleicht zu sehr Prenzlauer Berg.

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