Nach Engagement gegen rechts Wie der Chemnitzer FC die Bedrohung gegen einen Fan verharmlost

Eine kleine Fangruppe will im Stadion des Chemnitzer FC ein Zeichen für Toleranz setzen. Dafür wurde ein Anhänger von anderen CFC-Fans bedroht. Der Verein redet das Thema klein.

Chemnitzer FC
REUTERS/Hannibal Hanschke

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Der Chemnitzer FC steckt im Spätsommer 2019 tief im Chaos. Ein hausgemachtes Chaos, inklusive einer offiziellen Trauerfeier für einen bekennenden Nazi, einem zähen Konkursverfahren und der Trennung vom umstrittenen Kapitän Daniel Frahn. Der Klub steht vor dem Aus.

Eine Mitgliederversammlung am Montag sollte den Verein eigentlich wieder auf Kurs bringen. Aber die Wahl eines neuen Aufsichtsrats scheiterte. Damit ist der Chemnitzer FC praktisch handlungsunfähig.

So ist der CFC weiter vor allem mit sich selbst beschäftigt und schafft es dabei nicht, sich schützend vor Fans zu stellen, die sich gegen rechts engagieren - und sich damit in Gefahr bringen.

"Sektion Vielfalt"-Banner
Sektion Vielfalt

"Sektion Vielfalt"-Banner

Das zeigte sich auch am vorvergangenen Wochenende, im Rahmen des Pokalspiels gegen den Hamburger SV. Ein Mitglied der Fangruppe "Sektion Vielfalt" berichtet von einem Zwischenfall, nachdem er bei dem Spiel eine Fahne mit dem Schriftzug des Fanklubs in Regenbogenfarben und den Begriffen "weltoffen" und "tolerant" aufgehängt hatte.

Die Partie war seit einer Viertelstunde abgepfiffen, als Stefan R. (Name geändert, d. Red.) das Stadion des Chemnitzer FC verließ. Hinter dem Ausgang näherte sich dem CFC-Fan ein großer, kräftig gebauter Mann. Er hielt Stefan R. am Arm fest. Mindestens zwei weitere Männer kamen dazu, offenbar hatten sie extra gewartet. Der Mann, der Stefan R. festhielt, sagte demnach: "Wegen der Fahne - wenn die noch mal hängt, knallen wir dich weg." Ein anderer: "Verpiss dich aus der Stadt."

So erzählte es Stefan R. dem SPIEGEL. Die Konfrontation dauert nicht einmal eine Minute. Aber die Drohungen sind hängen geblieben, sie verfolgen Stefan R. in den Folgetagen, wie er in Telefonaten erzählt.

Als der Klub Anfang des Monats den Vertrag mit Kapitän Frahn wegen dessen Nähe zu rechtsextremen CFC-Fans auflöste, ernteten die Chemnitzer viel Applaus. Ein klares Zeichen gegen rechts sei das gewesen, so der Tenor derjenigen. Im Stadion sucht man allerdings vergebens nach ähnlichen Signalen, an denen man ablesen könnte, dass der Verein sich seinen Problemen stellt. Die Ausnahme ist die "Sektion Vielfalt"-Fahne.

Dass sie im Stadion eine Minderheit darstellen, bekommen Stefan R. und seine Fanklubfreunde des Öfteren zu spüren. Gegen den HSV hängt das Banner auf der Osttribüne über dem Aufgang zu Block drei. Eigentlich war ein Platz auf der Westtribüne vorgesehen. Das aber verhindert ein Ordner in schroffem Ton. In Block sieben, direkt neben der Südkurve, in deren Zentrum die Chemnitzer Ultras stehen, sei kein Platz (später bleibt der Platz dort aber einfach leer). Stattdessen also Block drei. Dort war die Fahne zwei Wochen zuvor beim Ligaspiel gegen Meppen abgenommen und auf den Boden geworfen worden, erzählt Stefan R. Diesmal bleibt sie hängen.

Chemnitzer Fans mit Solidaritätsbekundung für Frahn
REUTERS/Hannibal Hanschke

Chemnitzer Fans mit Solidaritätsbekundung für Frahn

Von der gegenüberliegenden Seite ist die große Schrift auf dem Banner kaum zu lesen, die kleine gar nicht. Einen Meter daneben hängt lange Zeit ein weißes Plakat mit einer schwarzen Elf. Es ist Teil einer breiten Solidaritätsbekundung mit Frahn. Dem Fanliebling und Torschützenkönig der Vorsaison, der sportlich elementar wichtig für den sieglosen Tabellenvorletzten der dritten Liga war, trauern viele Fans hinterher. Zur Trennung hieß es vom Verein, man habe sich im Gesellschaftervertrag dazu verpflichtet, ein "Bollwerk gegen Rechtsradikalismus" zu sein.

Dazu passt auch "Sektion Vielfalt". Der Fanklub existiert erst seit dem Sommer, umfasst nur elf Mitglieder. In einer Fanszene, in der rechte, gewaltbereite Hooligans noch immer sehr viel Macht haben, braucht es solche Initiativen, um auf den Tribünen ein Gegengewicht aufzubauen.

"Ein Bier zu viel getrunken"

Das sehen auch Verantwortliche im Verein so. Der Anti-Rassismus-Beauftragte Daniel Maaß sagt dem SPIEGEL, die "Sektion Vielfalt" sei wichtig für seine Arbeit, weil er "gerade die zivilkulturelle Fanszene" stärken wolle. Ein Vereinssprecher sagt: "Wir müssen sehen, dass wir uns schützend vor solche Leute stellen, die sich für die Werte des Grundgesetzes stark machen." Ein Satz, der die Probleme des Vereins deutlich macht. Wie aber sieht dieser Schutz im konkreten Fall aus?

Der Verein wiegelt ab. Der Vorfall nach dem HSV-Spiel stehe für nichts, es seien wohl "wenige Einzelne gewesen, die diese Auffassung politisch nicht teilen oder ein Bier zu viel getrunken haben", sagt ein Sprecher. "Deswegen darf man nicht glauben, dass alle in Chemnitz das Engagement der Sektion Vielfalt ablehnen oder Gefahr an jeder Ecke droht. Das ist nicht der Fall."

Hooligan-Experte Robert Claus sieht das anders: "Das ist höchst ernst zu nehmen. Dabei geht es nicht allein um rechte Bedrohungen beim Stadionbesuch, sondern um alltäglichen Schutz für antirassistische Fans des CFC."

Statements der CFC-Fans beim Spiel gegen den Hamburger SV
DPA

Statements der CFC-Fans beim Spiel gegen den Hamburger SV

Eine Reaktion von Seiten des Vereins hätte sich der Fanklub schon beim Heimspiel gegen Magdeburg am vergangenen Wochenende gewünscht. Schon früh in der Woche trug die "Sektion Vielfalt" dem Fanbeauftragten Ralf Bernsdorf erste Ideen vor: Ein weiteres Banner, ein Aufruf des Vereins vor dem Anpfiff.

Letztlich passiert rund um das Spiel gegen Magdeburg: nichts. Ein Banner mit der Aufschrift "0 Prozent Gewalt - 100 Prozent CFC" darf nicht ins Stadion. Der Veranstaltungsleiter verweist den Fanklub darauf, dass er die Frist verpasst habe, um die Aktion offiziell anzumelden. Der Anti-Rassismus-Beauftragte Maaß hätte hier auf mehr Kulanz gehofft: "Eigentlich würde ich mir wünschen, dass man gerade da ein bisschen großzügiger ist, weil es da um das Richtige und um wichtige Vereinsziele geht."

An die Stelle der Entschlossenheit scheint Zurückhaltung getreten zu sein

Der Verein verliest gegen Magdeburg auch kein Statement. Man habe die Mannschaft und die sportliche Leitung in der jetzigen Situation nicht behelligen wollen, sagt der Fanbeauftragte Bernsdorf. Der Vereinssprecher verweist darauf, dass man lieber im direkten Austausch mit der Initiative Lösungen suchen wolle. Konkret ist aber bis heute noch nichts passiert.

Hinzu kommen auf Vereinsseite Zweifel an Details in Stefan R.s Erzählungen zu der Bedrohung auf. "Dass es diese Auseinandersetzung gab, ist, glaube ich, nicht zu bezweifeln", sagt der Vereinssprecher. "Es ist höchst bedauerlich, dass so etwas passiert. Das verurteilen wir." Und doch gebe es eine gewisse Unsicherheit, was genau passiert sei: "Es geht eher um die Art der Intensität, darum, wie immens die konkrete Bedrohungslage an sich war. Hierzu gibt es aber unterschiedliche Aussagen."

Auch der Fanbeauftragte Bernsdorf sagt: "Ob es ein konkreter Fall ist, das wird sehr genau untersucht und wird aufgeklärt werden." Eine Sprecherin der Chemnitzer Polizei sagte auf eine Anfrage allerdings, dass ihr keine Ungereimtheiten zu dem Fall bekannt seien.

An die Stelle der Entschlossenheit, die der Verein noch bei der Frahn-Entlassung gezeigt hatte, scheint inzwischen Zurückhaltung getreten zu sein. Für "Sektion Vielfalt" macht es das umso schwieriger, sich im Stadion zu etablieren. Dort hat es die Gruppe ohnehin schon schwer. Wie es für den Fanklub weitergeht, macht Stefan davon abhängig, wie sich der Verein verhält: "Wenn da nichts kommt, wird die Fahne demnächst nicht hängen."



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dynamoraul 23.08.2019
1. Bald
können sich alle einen neuen Club aussuchen.Was evtl. finanziell noch gegangen wäre,wird durch Vereinsinterne Grabenkämpfe nun völlig zerstört.Hat man sich wirklich nur von rechten Hools unterwandern lassen.Oder gern mit gemacht?
jochenbergerhoff 23.08.2019
2. Auflösen Neugründen Umbenennen
Mein Vorschlag: CFC im Insolvenzverfahren auflösen und mit der frei werdenden Lizenz den 1FC Karl-Marx-Stadt neu gründen. Bei dem Namen dürfte die Antifaschistische Fan-Arbeit ein Leichtes sein.
Maurer 23.08.2019
3. Wo bleibt der DFB
???
maxmarius 23.08.2019
4. Normalität
Wieso sollte der Verein sich überhaupt für Vielfalt und ähnliches entscheiden? Ein Großteil der Fans und sicherlich auch der Mitglieder ist rechts oder blind und taub. Frahn, die Trauerfeier für den toten Neonazi, usw. Das ist keine zufällige Häufung die unbemerkt geblieben sein kann. Wenn Vereinsoffizielle behaupten nicht Rechts zu sein dann nur, weil die Mitte in Sachsen etwas weiter rechts liegt. Mir ist eher ein Rätsel wie man als "Nichtrechter" noch Fan des Vereins sein kann.
interessierter10 23.08.2019
5. Exakt so entwickelte sich die NSDA in die Gesellschaft.
Durch Gewaltandrohungen wurde die demokratischen Kräfte eingeschüchtert. Um keine Gewalt zu erleiden oder Geschäfte bzw. Umsäzue nicht zu gefährden, wurden die faschistischen Dynamiken ignoriert oder verharmlost. Als dann die Nazis an der Macht waren, war es zu spät und sie wurden nach und nach eleminiert (= gefoltert, ermordet, vertrieben). Da war die Gewalt noch viel größer, als die, vor der man vorher die Augen verschlossen hatte. Dieses kann man aus der Geschichte lernen, wenn es denn gelehrt wird, und wenn man denn daraus lernen will und nicht heimlich hofft, dass es wieder so wird, wie es vor 80 Jahren einmal war.
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