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Fotostrecke: Wie der Chemnitzer FC einen verstorbenen Neonazi ehrte

Foto: Swen Pförtner/ picture alliance/dpa

Chemnitzer FC nach Neonazi-Trauerfeier Doch kein Bollwerk

Eine Trauerfeier für einen Neonazi bringt den Chemnitzer FC in Bedrängnis. Politiker und DFB kritisieren den Regionalligisten. Der Insolvenzverwalter des Vereins spricht von drohenden Ausschreitungen, hätte die Feier nicht stattgefunden.

Die Trauerfeier am Rande eines Regionalliga-Heimspiels des Chemnitzer FC für den an Krebs gestorbenen Neonazi Thomas Haller hat für Aufregung gesorgt. Vor allem die Verantwortung des Vereins für die Feierlichkeiten rückt dabei immer mehr in den Fokus.

Auf der offiziellen Stadionleinwand war am Samstagnachmittag ein Foto des Verstorbenen eingeblendet, Chemnitzspieler Daniel Frahn hielt ihm zu Ehren beim Torjubel ein T-Shirt hoch. Über die Lautsprecher lief zunächst Musik, welche die Choreografie unterstützte, dann verlas der Stadionsprecher eine Trauerbotschaft.

In einer ersten Stellungnahme  hatte der Klub davon gesprochen, dass es sich nicht um eine "offizielle" Trauerfeier gehandelt habe. Man habe es als Gebot der Mitmenschlichkeit betrachtet, die Gedenkminuten zu ermöglichen. "Das Bedürfnis der Menschen nach gemeinsamer Trauer gilt es für uns zu respektieren."

"Bollwerk gegen Rechtsradikalismus"

Doch wie passt eine Trauerfeier für einen bekennenden Neonazi zusammen mit der im Oktober 2018 verkündeten Devise, die der CFC nach dem Angriff auf Parteibüros von Linken-Abgeordneten auf seiner Internetseite verbreitet hatte : "Es ist unser Ziel, unsere Strategie, den Chemnitzer FC zum Bollwerk gegen Rechtsradikalismus auszubauen."

Haller war ein langjähriger Fan des Vereins, ein Unterstützer, der bei vielen beliebt war. In der Vergangenheit hatte er auch den Security-Dienst des Vereins geleitet. Torschütze Frahn lernte ihn kennen, Politik sei bei dem Gespräch jedoch nie ein Thema gewesen. Das Shirt mit der Aufschrift "Support your Local Hools", das er hochhielt, habe er nur im Zusammenhang mit einer Spendensammlung für den Erkrankten gekannt.

Die SPD-Stadträtin Peggy Schellenberger, am Wochenende noch Fanbeauftragte des Vereins, hatte ebenfalls zwischen der politischen Gesinnung Hallers und der menschlichen Seite des Verstorbenen unterschieden und das Verhältnis zu ihm als "fair, straight, unpolitisch und herzlich" beschrieben. Auch in sozialen Netzwerken sind Stimmen zu hören, die die Aufregung um die Trauerfeier nicht nachvollziehen können. Die politische Haltung habe ja nichts mit seiner Leistung für den Verein zu tun.

"Normalität von Rechtsextremismus"

Kritik am Verein gab es von Politikern der SPD, den Linken und den Grünen . Der bisherige CFC-Hauptsponsor, die Sparkasse, kündigte an, sein Engagement nicht mehr fortsetzen zu wollen. Der Nordostdeutsche Fußballverband leitete erste Maßnahmen ein, auch der Deutsche Fußball-Bund äußerte sich: "Wir distanzieren uns in aller Deutlichkeit von den Vorkommnissen im Chemnitzer Stadion (…)."

Dort, im Stadion, hatten viele Fans bei der Choreografie zu Ehren Hallers mitgemacht. Für Robert Claus, Autor des Buchs "Hooligans: Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik", ist die breite Unterstützung für die Trauerfeier des Neonazis ein Problem: "Es zeigt den Zustand von völliger Normalität von Rechtextremismus und das Fehlen von Problembewusstsein", sagte er dem SPIEGEL.

Beim Chemnitzer FC ist das Neonazi-Thema schon lange präsent. Im Umfeld des Vereins entstand in den Neunzigerjahren die mittlerweile offiziell aufgelöste, rechtsradikale Gruppierung HooNaRa (Hooligans-Nazis-Rassisten). Der nun verstorbene Haller war dort eine Führungsfigur. Auch die Gruppierung "Kaotic", der der Verein zwar verboten hat, im Stadion öffentlich aufzutreten, deren Symbole aber auf Auswärtsfahrten immer noch zu sehen sind, wird von Experten der rechtsradikalen Szene zugeordnet.

"Kaotic" hatte bei den Ausschreitungen in Chemnitz im August vergangenen Jahres eine Rolle gespielt. Die Gruppe hatte nach einem blutigen Messerangriff mehrerer Asylbewerber am Rande eines Stadtfestes auf den Deutschkubaner Daniel H. (der später im Krankenhaus verstarb) zu einer Protestversammlung aufgerufen, durch die auch viele rechtsradikale Hooligans mobilisiert wurden.

Anzeige gegen Unbekannt

Den Umgang des Vereins mit rechtsradikalen Fans sieht Claus kritisch: "Der Verein hat es über Jahre verpasst, in präventive Fanarbeit zu investieren. Es gab nur Symbolpolitik." Beispiele hierfür seien etwa ein Aktionsspieltag für Toleranz, kritische Stellungnahmen oder ein mit Slogans bedruckter Bus. "Das war aber nicht viel mehr als ein Löschen von Brandherden", sagt Claus.

Nachdem der Chemnitzer FC die Feier in seiner ersten Pressemitteilung im Grunde noch verteidigt hatte, hat er mittlerweile doch noch allerlei Konsequenzen gezogen. Frahn wurde bestraft, der kaufmännische Geschäftsführer Thomas Uhlig legte seine Ämter mit sofortiger Wirkung nieder - "um weiteren Schaden vom Chemnitzer FC fernzuhalten".

Am Montag ging der Verein dann noch einen Schritt weiter: Die Fanbeauftragte Schellenberg, ein Mitarbeiter der Kommunikationsabteilung sowie der Stadionsprecher wurden freigestellt. Der Verein erstattete Strafanzeige gegen Unbekannt . Der Insolvenzverwalter des Vereins, Klaus Siemon, berichtet von Warnungen von Mitarbeitern. Demnach hätten "massive Ausschreitungen" gedroht, wäre die Feier nicht vonstatten gegangen.

Spruchband auch in Cottbus

Laut Insolvenzverwalter Siemon sei die "Verwendung der sonst üblichen Fahnen von bis zu 99 Fanklubs unterbunden" worden. An der Choreografie hätten sich eine Vielzahl von Personen beteiligt. "Inzwischen liegen Erkenntnisse darüber vor, dass einschlägig bekannte Personen aus der rechtsextremen Szene für diesen Tag aus anderen Städten nach Chemnitz und Sachsen gereist sind", heißt es in der Stellungnahme.

Auch in Cottbus war Haller mit einem Spruchband geehrt worden. Beim Drittligaspiel am vergangenen Samstag gegen Preußen Münster hing im Innenraum ein Banner mit der Aufschrift "Ruhe in Frieden, Tommy". Laut Energie-Pressesprecher Stefan Scharfenberg-Hecht sei das Banner in Cottbus kurzfristig vor dem Spiel angemeldet und zugelassen worden.

"Den Verantwortlichen war zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt, um welche Person es sich hierbei handelte", sagte Scharfenberg-Hecht. Mit den mittlerweile bekannt gewordenen Informationen hätten die Verantwortlichen der Präsentation des Banners keinesfalls zugestimmt, sagte er. "Wir werden gemeinsam mit unseren Netzwerkpartnern den Vorgang auswerten und daraus Lehren ziehen."

Mit Material von dpa und sid
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