Chinese Super League Das teuerste Missverständnis der Fußballwelt

Chinesische Fußballklubs haben millionenschwere Stars verpflichtet - doch der Erfolg bleibt aus. Nun haben sich die Funktionäre eine neue Regel ausgedacht.

Carlos Tévez (l.), Yang Shanping
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Carlos Tévez (l.), Yang Shanping

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Für Carlos Tévez ist die Sache mit den Chinesen und dem Fußball klar: "Auch in 50 Jahren werden sie mit den Südamerikanern und Europäern nicht konkurrieren können", sagte der Argentinier, der mit einem Wochengehalt von über 500.000 Euro der Fußballer mit dem größten Gehaltsscheck weltweit sein dürfte. Bei seinem Klub Shanghai Shenhua und in der ganzen Chinese Super League hatte man eigentlich gehofft, mit Kickern wie Tévez den Abstand zur Weltspitze verringern zu können. Doch mittlerweile gilt der 33-Jährige als das teuerste Missverständnis der Fußballwelt.

Gerade ein gutes Dutzend Spiele hat er für seinen Klub absolviert, dabei nur wenige Tore erzielt. Während sein Team ein Pflichtspiel absolvierte, postete der verletzte Superstar Familienbilder aus einem Vergnügungspark, im Netz durfte man sich über ein Video des teilnahmslos herumstehenden Angreifers amüsieren. Sein Trainer Wu Jingui hatte irgendwann genug vom erhofften Klub-Aushängeschild. Tévez sei schlicht und ergreifend "zu dick".

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Fußballstars in China: Land jenseits der Gehalts-Mitte

Der millionenschwere Fehlgriff Tévez hat neben Änderungen am Transferrecht dazu geführt, dass das Sommer-Transferfenster wenig Spektakuläres bot. Anthony Modeste war noch der prominenteste Zugang, im Dunstkreis der französischen Nationalmannschaft war der Ex-Kölner aber auch schon vor seinem China-Engagement nicht zu finden. Im Gegenzug verließen Burak Yilmaz (wegen eines Sorgerechtsstreits zurück in die Türkei) und Paulinho (FC Barcelona) die Liga. Der Brasilianer hatte sich zuvor für einen Werbedeal mit einem asiatischen Wettanbieter an der Seite eines japanischen Pornostars ablichten lassen. Dumm nur: Glücksspiel und Pornographie sind in China offiziell verboten.

Viele Skandale und ein Programm zur Nachwuchsförderung

Es war nicht der einzige Skandal: Im August rammte Modestes chinesischer Teamkollege Zhang Xiuwei mit seinem Porsche sechs andere Wagen, er stand dabei unter Alkoholeinfluss. Eine öffentliche Entschuldigung und ein halbes Jahresgehalt als Strafe waren die Konsequenz. Aber auch auf dem Platz gab es Ärger: Oscar, einer der Top-Spieler der Liga, wurde nach einem harten Foul für acht Partien gesperrt, der Ex-Wolfsburger Xizhe Zhan nach einer sanften Ohrfeige für zehn.

Dass die Liga dennoch Fortschritte macht, ist laut Cameron Wilson, China-Experte und Gründer von "Wild East Football", vor allem "in der Professionalisierung der Klubs und der Weiterentwicklung der jungen Spieler" begründet. Letztere treibt allerdings ab und an seltsame Blüten. Wenige Wochen vor Saisonstart wurde beschlossen, dass die Anzahl der einsetzbaren Ausländer von vier auf drei verringert werde und dafür der Startelf-Einsatz eines chinesischen U23-Spielers vorgeschrieben sei.

"Eine typisch chinesische Funktionärsentscheidung ohne Rücksicht auf die Besonderheiten des Fußballs", kritisiert Wilson. Schließlich hatten einige Klubs schon vier starke Ausländer unter Vertrag, andere konnten noch auf U23-Spieler aus der Heimat umschwenken. Die Folge: Immer wieder wurden die Nachwuchsspieler bereits in der ersten Hälfte wieder ausgewechselt. "Die Qualität der Liga allgemein hat durch weniger Ausländer gelitten", sagt Cameron, "die der chinesischen Spieler zugenommen."

Mehr Zuschauer als in vielen großen Fußballnationen

Knapp 25.000 Zuschauer sahen die Spiele der 2017er-Saison im Schnitt, nur wenig mehr als in der Spielzeit zuvor. Nicht viel für ein so großes Land wie China, allerdings mehr als in Fußballnationen wie Italien, Argentinien oder Frankreich. Kontinuität gab es auch bei der Meisterfrage: Luiz Felipe Scolaris Guangzhou Evergrande holte seinen siebten Meistertitel in Folge.

Vorbild Bundesliga: Luiz Felipe Scolari (2.v.r.) stößt auf den Titel an
AFP

Vorbild Bundesliga: Luiz Felipe Scolari (2.v.r.) stößt auf den Titel an

Für 2018 wird die Nachwuchs-Regel ausgedehnt: Dann muss über 90 Minuten immer ein chinesischer U23-Spieler auf dem Feld stehen. Dazu wird der Videobeweis flächendeckend eingeführt. Bereits in der Endphase der Saison setzte man als Reaktion auf Manipulationsvorwürfe beim Tianjiner Derby ausländische Unparteiische wie Deniz Aytekin und Jonas Eriksson ein.

"Endlich aufhören, die Fans als potenzielle Störenfriede zu begreifen"

Zu viele schlechte Nachrichten auf einmal möchte auch der chinesische Fußballverband nicht produzieren. Schließlich hat auch die Nationalmannschaft unter Trainer Marcelo Lippi die Qualifikation für die WM 2018 in Russland verpasst. Zwar gilt Chinas starker Mann Xi Jinping als Fußballfan mit ehrgeizigen Zielen (WM-Gastgeber 2030, Weltmeister 2050), seine Begeisterung wird jedoch nicht auf allen Ebenen geteilt.

"Es haben zu viele Bürokraten ohne Interesse an einer Weiterentwicklung ihre Finger im Spiel", sagt der in Shanghai lebende Wilson. Die Probleme klingen dabei gar nicht so weit weg: "Man muss endlich aufhören, die Fans als potenzielle Störenfriede zu begreifen." Nur so könne Fußball tatsächlich "ein populärer Teil des Alltagslebens in China werden".

Fans von Guangzhou Evergrande
AFP

Fans von Guangzhou Evergrande

Ob Carlos Tévez bei dieser Entwicklung noch weiter behilflich sein wird, bleibt abzuwarten. Sein Verein, Shanghai Shenshua (Ex-Klub von Carsten Jancker und Jörg Albertz), war zumindest seit der Gründung der Chinese Super League im Jahr 2004 noch nie schlechter platziert als in der abgelaufenen Spielzeit.

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Valis 09.11.2017
1. Mindestens ein nationaler Jugendspieler
Die Regelung find ich top!/Am besten muss dieser noch eine Vereinszugehörigkeit von 5 Jahren aufweisen.So ist jeder Klub gezwungen seine Jugendarbeit zu verbessern! Warum nicht?
Dogbert 09.11.2017
2. Kein Wunder
die Schlagzeilen, die durchgeknallte Stadionbesucher beim Fussball jedes Wochenende produzieren (und die es in keiner anderen Sportart gibt) , will man in China definitiv nicht haben. Genausowenig wie die in den Stadien üblichen Angriffe auf die Polizei/Ordner.
sven2016 09.11.2017
3.
Komisch. Anderswo klappt das mit "Geld kauft Siege". Vielleicht wird ein teurer Transfer in das Nicht-Fußballland China von ex-guten Spielern eher als gut bezahlter und luxuriöser Ausflug angesehen? Leistungsabhängige Bezahlung wäre einen Versuch wert. Die Besinnung auf landeseigenen Nachwuchs ist gut.
hallo???? 09.11.2017
4. super idee
wie sollte buyern, diese Regel international ausgeweitet, dann jemals wieder was gewinnen?
swandue 09.11.2017
5.
Mit 26 Millionen Euro jährlich könnte man sicher einige Kinder- und Jugendmannschaften mit talentierten chinesischen Spielern professionell betreuen.
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