Zusammenbruch von Dänemarks Eriksen Der Schock von Kopenhagen

Der Zusammenbruch des dänischen Nationalspielers Christian Eriksen hat die Fußball-EM überschattet. Sein Zustand soll stabil sein. Seine Mitspieler, angeführt von Thomas Delaney, haben schnell reagiert.
Die Spieler Thomas Delaney und Andreas Christensen

Die Spieler Thomas Delaney und Andreas Christensen

Foto: FRIEDEMANN VOGEL / AFP

Die Zuschauer waren noch immer im Stadion. Keiner schien seinen Platz verlassen zu haben, auch wenn die Teams längst gegangen waren. »Christian«, riefen die Fans durch den Telia Parken von Kopenhagen, und dann: »Eriksen«. Es war ein Wechselgesang zwischen finnischen und dänischen Anhängern. Und wieder: »Christian Eriksen, Christian Eriksen.« Danach folgte langer Applaus.

DER SPIEGEL

Christian Eriksen, 29, ist bei Bewusstsein. Das teilte der dänische Fußballverband um 19.31 Uhr am Samstagabend mit, und das war die wichtigste Nachricht an diesem Abend in Kopenhagen. Eriksen war während des Gruppenspiels zwischen Dänemark und Finnland bei der Europameisterschaft unvermittelt zusammengebrochen und regungslos liegen geblieben.

Für so einen Zusammenbruch gibt es keinen einstudierten Fahrplan, keinen klaren Ablaufplan, was als Nächstes zu tun ist. Hier ist die Überforderung erst einmal groß. Umso bemerkenswerter war die Reaktion der Spieler, als Eriksen kurz vor Ende der ersten Hälfte zu Boden ging. Thomas Delaney war es anschließend, der sofort nach medizinischer Hilfe rief und seine dänischen Teamkollegen um sich versammelt hatte, um einen Sichtschutz vor Eriksen zu bilden.

Auch die finnischen Spieler waren sichtlich betroffen

Auch die finnischen Spieler waren sichtlich betroffen

Foto: FRIEDEMANN VOGEL / AFP

Einige Spieler weinten, sie hielten die Hände vor ihrem Gesicht, aber sie standen dort wie eine Wand vor Eriksen, der von Sanitätern mit Herzdruckmassagen behandelt worden war. Auch Simon Kjær schaltete schnell, leistete sofort Hilfe bei Eriksen. Kjær und Torwart Kasper Schmeichel nahmen anschließend Eriksens Lebensgefährtin Sabrina Kvist Jensen in den Arm und kümmerten sich um sie. Dänemarks Trainer Kasper Hjulmand sank betend auf die Knie.

Von der Tribüne flog eine finnische Fahne in Richtung Spielfeld, auch sie offenbar als Schutz für Eriksen gedacht. Das Schiedsrichterteam um den Briten Anthony Taylor wartete, bis Eriksen und die Trage für ihn für den Transport ins Krankenhaus bereit waren. Dann gingen alle gemeinsam vom Feld.

»Wir bringen es jetzt hinter uns«

Nach der Unterbrechung vergingen fast zwei Stunden, dann folgte die vorsichtige Entwarnung des dänischen Verbands und anschließend wurde die Partie zur Überraschung vieler fortgesetzt. Dies soll auf Wunsch der Spieler geschehen sein, teilten die Verbände mit. Laut DBU-Fußballdirektor Peter Møller hatten die dänischen Profis die Möglichkeit, mit Eriksen zu sprechen. Eriksens Vater teilte über den Berater seines Sohnes mit, Eriksen könne selbstständig atmen.

Doch ganz freiwillig schien die direkte Fortsetzung noch am selben Abend nicht gewesen zu sein. »Wir hatten zwei Optionen: Das Spiel fortzusetzen oder morgen um 12 Uhr zu spielen. Jeder wollte heute weiterspielen. Was die Spieler geleistet haben, war unglaublich«, sagte Trainer Hjulmand. Entweder, oder. »Die Spieler waren sich sicher, heute nicht mehr schlafen zu können. Es war besser zu sagen: Wir bringen es jetzt hinter uns.«

Finnland gelang während der Fortsetzung der Siegtreffer durch Joel Pohjanpalo (60. Minute), der finnische Keeper Lukas Hradecky wehrte in der Schlussphase einen Elfmeter von Pierre Emile Højbjerg ab. Aber das war alles Nebensache. Die Gedanken kehrten an diesem Abend nicht mehr zum Fußball zurück. Sie blieben bei Eriksen. »Ein toller Sieg für uns«, sagte Finnlands Pohjanpalo dem Sender YLE: »Aber das Wichtigste ist Christians Zustand.«

Eriksen ist einer der größten Sportstars des Landes, er wurde mehrfach als Fußballer des Jahres ausgezeichnet. Und er ist der Fixpunkt der dänischen Auswahl, die erstmals seit 2012 wieder bei einer EM-Endrunde vertreten ist. Gegen Finnland bestritt Eriksen sein 109. Länderspiel, 36 Treffer hat er erzielt.

Aber der Spieler ist nicht nur auf nationaler Ebene ein Star, er gilt auch international als einer der stärksten Spielmacher. 2019 stand er mit Tottenham im Finale der Champions League, das sein damaliger Klub gegen den FC Liverpool verlor. Seit Januar 2020 spielt er in der Serie A für Inter. Er brauchte dort einige Zeit, um sich einzugewöhnen, doch zuletzt wurde er immer wichtiger für den italienischen Meister.

Während die Partie in Kopenhagen weiterlief, spielte inzwischen auch das belgische Team gegen Russland. Dort erzielte Romelu Lukaku das Führungstor für die Belgier. Lukaku jubelte über seinen Treffer zunächst allein, er rannte zu einer Kamera und rief: »Chris, stay strong, I love you.« Chris, bleibe stark, ich liebe dich. Der Stürmer spielt mit Eriksen im Klub zusammen bei Inter. Weltweit gab es Genesungswünsche für Dänemarks Nummer zehn, von internationalen Sportstars und Politikern.

Mit einem Teamkreis geht Dänemark in die Fortsetzung des Spiels

Mit einem Teamkreis geht Dänemark in die Fortsetzung des Spiels

Foto: Wolfgang Rattay - Pool / Getty Images

Die Ursache für Eriksens Zusammenbruch blieb am Abend unklar. Informationen über eine Vorerkrankung gab es zunächst nicht, seine Verletzungshistorie liest sich unauffällig. Die Saison war wegen der Corona-Situation lang, der Spielplan oft zusammengepresst, doch ob Eriksen unter Erschöpfung gelitten hat, ist offen. Er spielte in der vergangenen Saison selten über 90 Minuten, war vor allem in der Hinserie auch oft nur Ersatz.

Delaney reagiert schnell

Womöglich haben seine Mitspieler noch viel Schlimmeres verhindert, indem sie sofort nach Hilfe gerufen haben, auch Delaney. Er hat einst als Werder-Spieler eine vergleichbare Situation schon einmal auf dem Platz miterlebt, 2017 in einem Testspiel zwischen Bremen und Ajax Amsterdam. Damals ist Abdelhak Nouri während der Partie zusammengebrochen, Nouri wurde damals erst mit Verzögerung medizinisch betreut. Er trug bleibende Hirnschäden davon.

Der Vorfall von Eriksen weckte auch Erinnerungen an andere Fußballspieler, die auf dem Feld zusammengebrochen waren, darunter Fabrice Muamba, der 2012 eine Herz-Lungen-Wiederbelebung benötigte. Er war bei einem Spiel zwischen Bolton und Tottenham an der White Hart Lane zusammengebrochen.

Muamba twitterte »Bitte Gott«, als Eriksen ins Krankenhaus gebracht wurde. Muamba hat danach schon bald seine Karriere beendet, aber sich auch vollständig erholt.

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