Frankfurts Abraham gegen Trainer Streich Er dachte, der Trainer sei ein bisschen stabiler

Mit hohem Tempo streckte Frankfurts Abraham SCF-Trainer Streich nieder. Was ist da passiert? Nach der Aktion waren sich beide Lager einig: Die Szene sollte nicht noch weiter aufgebauscht werden.

Christian Streich liegt am Boden, nachdem Abraham ihn umgelaufen hatte
Patrick Seeger / DPA

Christian Streich liegt am Boden, nachdem Abraham ihn umgelaufen hatte

Von Philipp Winterhalter, Freiburg


Es war schon erstaunlich, wie schnell sich die Gemüter nach dieser Szene wieder beruhigt hatten. Die Tatsache, dass er kurz zuvor vom gegnerischen Kapitän David Abraham zu Boden gecheckt worden war, deutete Freiburgs Trainer Christian Streich bei seiner Spielanalyse nur dezent an: "Dann wurde es kurz hektisch." Er bat die Journalisten noch, "keine große Geschichte daraus zu machen". Aber, dass der Frankfurter Verteidiger "das nicht machen darf", fand Streich schon.

Frankfurts Trainer Adi Hütter sagte, er habe die Situation in diesem hitzigen Bundesligaspiel nicht gesehen. Vielleicht gab es deswegen keinen Rüffel für seinen Kapitän, sein Statement lautete jedenfalls: "Fußball lebt von Emotionen."

Am Ende war es allerdings eine harte und überflüssige Aktion. Abraham hatte Freiburgs Trainer im hohen Lauftempo niedergestreckt - kurz bevor Streich zu Boden ging, fuhr Abraham den Arm leicht aus. Mit den schönen Emotionen des Fußballs hatte das sicher wenig zu tun.

Aber um die Geschichte komplett zu verstehen, lohnt auch ein Blick auf Streich. Der Freiburger Trainer hatte den Ball, dem Abraham hinterhergerannt war, durchgelassen und war anschließend noch einen halben Schritt nach innen gegangen. Man wird nicht sagen können, dass Streich diesen Zusammenprall gewollt hatte, verhindert hat er ihn allerdings auch nicht. Abraham hätte dagegen seinen Sprint jederzeit beenden oder ausweichen können. Damit dürften auch Streich und viele im Stadion gerechnet haben.

Dass Schiedsrichter Felix Brych Frankfurts Abraham mit Rot vom Platz schickte, war dann natürlich korrekt.

Harter Verteidiger, aber nicht brutal

Wie geht es weiter? Für Abraham wohl mit einer Sperre von mehreren Partien. Der Abwehrspieler gilt als harter Verteidiger, der die gegnerischen Stürmer gern bearbeitet, mit versteckten Fouls arbeitet. Gegen einen Profi mit übertrieben harter Spielweise spricht aber seine Statistik: In seiner Bundesligazeit seit 2012 war Abraham bisher erst einmal vom Platz geflogen, in den beiden Vorjahren sah er lediglich zwei bzw. drei Gelbe Karten.

Auf Streich dürften dagegen Schulterschmerzen warten, mehr eher nicht. Er mache schließlich jeden Morgen Dehn- und sonstige gymnastische Übungen, ließ Streich wissen: "Es ist nicht gesagt, dass ich immer gleich verletzt bin." Auch nicht, wenn so ein "junger Büffel" auf einen "54-Jährigen" pralle.

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Skandalspiel in Freiburg: "Er ist halt ein junger Büffel, ich bin 54"

Auch die weiteren Szenen der Nachspielzeit dürften die 24.000 Zuschauer so schnell nicht vergessen. Sekundenbruchteile nach dem Zusammenprall stürmte die gesamte Freiburger Bank auf Abraham zu. Allen voran der längst ausgewechselte Vincenzo Grifo, der Abraham ins Gesicht fasste und in die Kabine gebracht wurde, als sich die erste Aufregung wieder gelegt hatte. Ohne Erfolg: Schiedsrichter Brych ließ ihn aus der Kabine holen - und zeigte auch ihm die Rote Karte.

Nachdem bereits Frankfurts Gelson Fernandes in der ersten Hälfte vom Platz geflogen war, ging das Spiel (das Freiburg 1:0 gewann) mit drei Platzverweisen zu Ende.

Bleibt noch die Frage, warum es zu diesem üblen Zusammenprall überhaupt gekommen war. War es bei Abraham der Frust darüber, dass Streich den Ball in der hektischen Nachspielzeit beim Stand von 1:0 für Freiburg nicht gefangen hatte? Frankfurts Manager Fredi Bobic sagte, Abraham habe sich "provoziert" gefühlt, ohne das weiter auszuführen. Streich sagte dazu: "Es ist nicht meine Aufgabe, das Spiel schnell zu machen."

Hatte es zuvor verbale Auseinandersetzungen, gar Beleidigungen gegeben? "Blödsinn, gar nichts war", sagte Streich.

Abraham entschuldigte sich später über das Frankfurter Vereinsmedium bei Streich. Er habe "den Ball möglichst schnell ins Spiel bringen" wollen und hätte "ausweichen müssen". Nun sei er froh, dass nach einem Gespräch zwischen Streich und ihm wieder "alles gut" sei.

Später am Abend veröffentlichten beide Klubs ein gemeinsames Foto von Grifo und Abraham bei Twitter. Leichtes Lächeln bei beiden Spielern, Handshake, alles wieder gut. Offenbar war man sich unter den Klubs schnell einig geworden, dass man die Stimmung in Anschluss an die Szenen der Schlussminute nicht weiter aufheizen sollte.

Eine letzte kleine Spitze gab es dann aber doch noch, wenn auch mit einem Augenzwinkern gemeint. "Ich dachte, du bist ein bisschen stabiler", habe Abraham zu Streich gesagt, erzählte der Trainer später. Eine Entschuldigung von Abraham habe es noch auf dem Platz gegeben.

insgesamt 48 Beiträge
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stefan.p1 11.11.2019
1. Für Streich trifft der typische Satz zu
"Er hat den Elfmeter gewollt und ihn bekommen. Das beide Seiten das Thema nicht weiter aufbauschen wollen ist nur zu gut verständlich aber ein Trainer sollte sich eigentlich solche kleinen Tricks verkneifen - ist eben auch nicht gerade sportlich.
fanasy 11.11.2019
2. Adi Hütter lügt glatt
Selbstverständlich hat er die Situation gesehen. Er hebt ja noch beide Arme, weil er nicht verstehen kann, wie sich Abraham zu solch einer Aktion hinreißen ließ. Hütter wusste sofort, dass das Rot gibt. Was für ein Lügner. Man hat es auf Sky ganz genau gesehen.
kalsu 11.11.2019
3. Die Szene sollte nicht noch weiter aufgebauscht werden.
Und warum macht ihr das dann doch?
konib 11.11.2019
4. So wird es gemacht!
An den Reaktionen der drei nach dem Spiel kann man sehen, dass es sich um anständige Kerle handelt. Die Sperren für Grifo und Abraham sind natürlich unausweichlich, aber dann sollte das Thema auch beendet sein.
issernichsüss 11.11.2019
5. Kinder, das ist doch nur ein Spiel!
Nein, das ist es eben nicht! Profi-Fußball ist per se kein Spiel und eine Tätlichkeit bleibt eine Tätlichkeit, egal ob es gegen einen Spieler, Schiedsrichter, einen Trainer oder einen Balljungen geht. Es gibt Grenzen und Toleranzen, die wenn überschritten, ganz untolerant geahndet werden müssen. Sonst wird aus diesem Sport eine Veranstaltung, ähnlich des Profiboxens, in der Familien und Leute die sich nach einer anstrengenden Woche erholen wollen, etwas Saß und Zerstreuung suchen, dort einfach nicht mehr gut aufgehoben sind...
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