Christoph Daum "Muss ich mir das antun?"

Im Interview erklärt Christoph Daum, designierter Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, seine Probleme mit dem kommenden Job und gibt erstmals Einblicke in sein Innenleben der letzten Wochen.


Christoph Daum: "Einiges hat sehr weh getan"
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Christoph Daum: "Einiges hat sehr weh getan"

Herr Daum, Bayer-Manager Reiner Calmund hat in der Halbzeitpause des Cottbus-Spiels gesagt, er habe Ihnen als Freund geraten, ihr Engagement als Bundestrainer zu überdenken. Stellen Sie ihre Perspektive beim DFB infrage?

Christoph Daum:

Nichts ist klar. Ich habe noch nichts unterschrieben.

Stand der Dinge ist doch, dass Sie ab dem 1. Juni 2001 den Wechsel zum Deutschen Fußball-Bund vollziehen, oder?

Daum: Dann haben Sie in den letzten Wochen irgendwo auf den Fidschi-Inseln oder auf dem Mond gelebt, haben keine Zeitung gesehen, kein Fernsehen gesehen, kein Radio gehört. Wollen Sie mich jetzt vergackeiern? Ich werde mir einige Dinge durch den Kopf gehen lassen. Ich habe Reiner Calmund in einem privaten, persönlichen Gespräch - weil er auch ein guter Freund von mir ist - ein bisschen Einblick in mein Gefühlsleben, in das meiner Familie gewährt. Unter dem Motto: "Muss ich mir das wirklich alles antun?"

Überlegen Sie, dem DFB einen Korb zu geben?

Daum: Das ist eine Kommentierung von Ihnen. Es ging einiges unter die Haut, einiges hat sehr weh getan und berührt die Familie, die Kinder. Da muss man sich fragen, ob man das wirklich nötig hat.

Was gibt es zwischen Bundestrainer werden und nicht Bundestrainer werden?

Daum: Die Medien.

Wie meinen Sie das?

Daum: Ich sage nur eine Sache. Vor ungefähr elf Wochen wurde eine Umfrage gemacht: "Soll Christoph Daum Bundestrainer werden?" Das Ergebnis will ich hier nicht wiedergeben. Und jetzt werden andere Umfragen gemacht, das verstehe ich nicht.

Was greift Sie so an?

Daum: Ich habe Kinder, wenn Sie mal sehen, wie die unter diesen Dingen zu leiden haben, zum Teil von irgendwelchen Leuten, die sich aus dem Knast melden, was an Erpressungsversuchen alles läuft ... Das hat nichts mehr mit sachlicher Kritik zu tun, die berechtigt ist, wenn wir mit Leverkusen verlieren, da habe ich nichts dagegen. Aber was mittlerweile in mein Privatleben hineingetragen wird, es ist verheerend.

Was muss passieren, dass Sie den Job mit Freude annehmen werden?

Daum: Es gibt Absprachen. Ich habe mich immer 100 Prozent daran gehalten. Einige haben sich nicht an die Absprachen gehalten.

Was müsste sich ändern, was wünschen Sie sich?

Daum: Dass meine Familie und mein Privatleben in Ruhe gelassen wird, die ganze Kommentierung drumherum sein gelassen wird, und einige Dinge, die ich aber jetzt nicht näher kommentieren will.

Warum denken Sie, ist Reiner Calmund an die Öffentlichkeit gegangen?

Daum: Das weiß ich nicht. Ich wollte eigentlich erst dieses Gespräch mit Gerhard Mayer-Vorfelder und Franz Beckenbauer führen. Ich habe ihm nur alles erzählt. Es ist mir eigentlich gar nicht Recht, dass es jetzt zu diesem Zeitpunkt kommentiert wird.

Das heißt, Sie werden jetzt quasi früher als geplant mit Mayer-Vorfelder sprechen müssen?

Daum: Wer zwingt mich? Ich habe überhaupt keine Eile. Wir unterhalten uns regelmäßig, vielleicht ergibt sich beim regelmäßigen Gespräch so eine Kleinigkeit des Gedankenaustausches.

Haben Sie mit Rudi Völler über Ihr Innenleben gesprochen?

Daum: Am letzten Sonntag. Aber er hat alles vom Tisch getan und hat versucht, mich auf diese Art aufzubauen. Er hat gesagt, ich solle mir das alles nicht so zu Herzen nehmen. Aber wenn ich sehe, wie die Familie und das Privatleben darunter leidet, dann muss ich sagen: Irgendwo ist Schluss!

Gab es einen konkreten Anlass für ihre Überlegungen oder ist es eine Anhäufung von Sachen?

Daum: Es ist eine Anhäufung von Dingen.

Haben Sie sich eine Entscheidungsfrist gesetzt?

Daum: Die Entscheidung ist ja eigentlich gefallen. Es ist eine Absichtserklärung, zu der ich stehe. Insofern hat sich - mit Ausnahme von meinem Seelenleben - nichts geändert.

Das Interview führte Michael Kölmel, sid



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