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26. Mai 2013, 01:22 Uhr

CL-Finale in Dortmund

Der Pott trauert um den Pott

Von , Dortmund

Der Traum platzte in der 89. Minute: In Dortmund hatten Tausende Fans auf einen Überraschungssieg gegen Bayern gehofft, nach der knappen Niederlage blieben ihnen nur Trauer und erschöpfte Wut. Das Wetter sorgte für die passende Kulisse.

In Wembley sind 68 Minuten gespielt, als die Dortmunder Innenstadt bebt. Auf dem Friedensplatz vor dem Rathaus fliegen Hektoliter Bier durch die Luft, und die ohrenbetäubende Geräuschkulisse vermischt sich zu einem einzigen langgezogenen "Jaaaaa!". In der Ekstase wird jeder umarmt, den man zu fassen kriegt. Soeben hat Ilkay Gündogan im Finale der Champions League einen Elfmeter verwandelt und Borussia Dortmund die Führung des FC Bayern ausgeglichen (das Minutenprotokoll hier).

Eine magische Nacht kündigt sich an. Doch dieses Versprechen erfüllt sich nicht - der Jubel beim 1:1 sollte das einzige menschliche Beben der Nacht in Dortmund bleiben. Das Finale endet für die Zehntausenden BVB-Fans nicht mit dem erhofften, ersehnten Knall - sondern leise und betrüblich. Nachdem sie stundenlang gestanden, gezittert, gejubelt und gesungen haben, bleibt nur die große Leere (Fan-Liveticker hier).

Betrunkene müssen noch Betrunkenere trösten, bei vielen Fans ist nicht auszumachen, ob Regentropfen oder Tränen die Brille beschlagen. Ein BVB-Anhänger kniet auf dem mit leeren Bierdosen und kaputten Papierpokalen übersäten Boden, der Blick leer, die Augen glasig. Selbst die Bayern zu beschimpfen vermag seine Laune nicht mehr zu heben. "So eine Scheiße, gegen jeden hätten wir verlieren können, nur nicht gegen die", sagt er. So denken wohl alle hier.

Einige tausend BVB-Anhänger harrten auch nach dem Schlusspfiff auf dem Friedensplatz aus, reckten noch einmal ihre Schals und Fahnen in die Höhe, als ihre geschlagenen Helden in Wembley auf die Tribüne kletterten, um sich für ein großartiges Spiel gratulieren zu lassen. Die Fans sangen "Wir sind alle Dortmunder Jungs", applaudierten, aber man wusste nicht so recht, ob das Klatschen den Spielern oder ihnen selbst galt.

In den wenigen Minuten zwischen der erneuten Bayern-Führung durch den verhassten Arjen Robben und dem Abpfiff hatten sie gehofft - auf ein neuerliches Dortmunder Wunder, so wie gegen Málaga, als man in der Nachspielzeit aus einem Rückstand einen Sieg gemacht hatte.

Aber der Glaube an eine Wende war wohl nicht einmal bei den eingefleischten Dortmunder Fans noch groß. Als ein letzter Verzweiflungsball des BVB Richtung Bayern-Tor flog, rief einer: "Komm, pfeif ab, dann ist die Scheiße wenigstens vorbei."

"Selbst Gott ist Dortmund-Fan"

Dabei hatte der Tag alles andere als schlecht angefangen. In Dortmund schien die Sonne. Im Gegensatz zu den Vortagen war zu spüren, dass etwas Besonderes, Großes in der Luft lag. Auf der zentralen Einkaufsmeile Westenhellweg trugen Hunde gelb-schwarze Halsbänder, ältere Damen quetschten sich in gelbe Strumpfhosen und schwarzen Minirock, und schon zur Mittagszeit zogen Hunderte Fangruppen singend durch die Straßen: "Hurra, hurra, der BVB ist da!"

Zu früh waren sie keineswegs. Wer überhaupt einen Platz beim gemeinsamen Gucken wollte, musste Zeit mitbringen. Die Westfalenhallen 1 und 4 waren komplett mit Fans gefüllt, und der Friedensplatz wurde bereits um 18 Uhr - knapp drei Stunden vor Anpfiff - wegen des riesigen Andrangs geschlossen.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Fans noch optimistisch, einer meinte sogar: "Selbst Gott ist Dortmund-Fan." Wenn es nach ihren Tipps gegangen wäre, hätten der BVB mindestens mit drei Toren Unterschied gewonnen. In Erwartung solch eines Spektakels ließen sie sich auch nicht von den Terrorwarnungen beeindrucken, die im Vorfeld des Finals bekannt geworden waren. "Wenn ich den Abpfiff erlebe und Dortmund gewinnt, ist mir alles scheißegal", sagte ein Zuschauer. "Wenn wir dat Ding gewinnen, ist heute Nacht jede Kneipe in Dortmund trocken."

Und der Optimismus schien berechtigt. Als Dortmund zu Beginn des Spiels die Bayern unter Druck setzte, träumten manche schon von einem 4:0 zur Pause, oder wenigstens von einer Neuauflage des vergangenen Pokalendspiels, als Dortmund die Bayern 5:2 abfertigte. "Zieht den Bayern die Lederhosen aus", hallte es über den Friedensplatz, und viele, die sangen, trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Who the fuck is Bayern?"

Doch je ausgeglichener das Spiel wurde, umso mehr wich die kollektive Zuversicht. Tausende Mittelfinger gingen in die Höhe, wenn Uli Hoeneß, Franck Ribéry, Bastian Schweinsteiger oder Jupp Heynckes auf der Großleinwand zu sehen waren. Für den früheren BVB-Trainer Matthias Sammer, jetzt bei Bayern Funktionär, oder Mario Götze, der zu den Münchnern wechselt, hatten die Fans im besten Fall nur das Wort "Judas" übrig.

Wie in einem schlechten Hollywood-Film

Und wie in einem schlechten Hollywood-Film setzte der Regen wieder ein, als die Bayern erstmals in Führung gingen. Es dauerte nur wenige Minuten, bis aus dem Entsetzen das Beben vom Friedensplatz geworden war. Die Hoffnung war zurückgekehrt, nur um von Robben kurz vor Spielende zunichtegemacht zu werden.

Laut Polizei blieb es von wenigen kleinen Zwischenfällen bis kurz nach dem Abpfiff ruhig. "Nicht mehr als bei einem normalen Bundesliga-Spiel", sagt ein Beamter. "Es ist ja kein Gegner da."

Am Ende zogen Zehntausende Fans vom Public Viewing mit gesenkten Köpfen in die regnerisch-trübselige Dortmunder Nacht. Das ist letzte Erlebnis, das sie von dieser Saison in Erinnerung behalten werden. Jetzt beginnt für den BVB die Sommerpause - viel Zeit, um zu trauern.

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