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CL-Gruppensieger Schalke fürchtet den Championsfluch

Königsblau in der Königsklasse: Schalke 04 hat die Gruppenphase der Champions League als Erster beendet - schon hofft der Club auf einen Aufwärtstrend in der Liga. Doch dort konnte Schalke in dieser Saison nach Europa-Erfolgen selten punkten. Am Sonntag gegen Mainz ist wieder Absturzalarm.

Die heimische Winterkälte war an diesem Dienstagabend ganz weit weg für die Schalker Anhänger: Viele S04-Fans hatten Lissabon wegen der Schneefälle in Mitteleuropa zwar nur auf Umwegen erreicht. Aber jetzt waren sie da, genossen neben den frühlingshaften Temperaturen am Atlantik den Gruppensieg ihrer Mannschaft - und am Ende des Tages hatten sie die blau-weiße Profi-Schar noch einmal ganz für sich. Nach dem 2:1 bei Benfica Lissabon begab sich das Fußball-Personal aus Gelsenkirchen zum Auslaufen - was jedes Mal, wenn das Grüppchen an der gut gefüllten Schalker Fan-Ecke vorbeitrottete, für Jubelstürme sorgte.

Die wenigen portugiesischen Zuschauer, die die Niederlage ihres Teams im gespenstisch leeren Estádio da Luz verfolgt hatten, waren da längst auf dem Heimweg. Die offiziell übermittelte Zahl von 23.348 Zuschauern in der 65.000-Mann-Arena wirkte dabei ein wenig geschönt - genauso wie die Stabilisierungstheorien, die bei den Vertretern des Revierclubs nach dem vierten Sieg im sechsten Champions-League-Spiel des Jahres die Runde machten.

"In der Defensive stehen wir schon länger gut", behauptete etwa Torhüter Manuel Neuer - als habe es das 0:5 in der heimischen Liga vor zehn Tagen bei Aufsteiger Kaiserslautern nie gegeben. Und auch nicht die zweite Halbzeit von Lissabon, in der Benfica trotz erkennbarer Abstimmungsprobleme in den einzelnen Mannschaftsteilen zu drei, vier exzellenten Tormöglichkeiten, einem Pfostentreffer und dem Anschlusstor durch Innenverteidiger Luisão kam (87.).

Neuer gibt sich selbstbewusst

"Wir hatten das Spiel 80 Minuten lange im Griff", sagte Neuer trotzdem frech - ehe er erklärte, was gerade für ihn in diesen Tagen zählt. "Es ist wichtig, in der Liga weiter nach vorne zu kommen", sagte der von den europäischen Top-Clubs heiß umworbene 24-Jährige. Denn robbt sich Schalke auch in der Bundesliga weiter nach oben und womöglich an die derzeit noch sieben Zähler entfernten Münchner heran, fällt es Ex-Bayern-Keeper Oliver Kahn künftig auch ein bisschen schwerer, Neuer - wie gerade geschehen - den Wechsel "zu einem ganz großen Verein" ans Herz zu legen.

Ein Platz im Konzert der europäischen Fußball-Großmächte, so Kahns dazugehörige Theorie, sei für Deutschlands Tormann Nummer eins "mit Schalke sporadisch, aber nicht kontinuierlich möglich". Da mag er recht haben, aber genau das wollen der FC Schalke und sein Trainer-Manager Felix Magath ändern. Jetzt verbringen sie den Winter immerhin erstmals als Gruppensieger in der Champions League - und verweisen auf ihre zumindest äußerlich beeindruckende Bilanz von 13 Punkten bei nur drei Gegentoren.

Auch die zehn erzielten Treffer, zu denen der spanische Spielmacher José Manuel Jurado (19.) und Innenverteidiger Benedikt Höwedes (81.) die beiden letzten beisteuerten, sind eine ordentliche Ausbeute. In der Königsklasse hat Königsblau sein Soll erfüllt - vor allem dank der drei souverän, mitunter sogar eindrucksvoll gewonnenen Heimspiele gegen Lissabon (2:0), Tel Aviv (3:1) und Lyon (3:0).

Magath bleibt vorsichtig

Überbordenden Stolz auf den ersten Platz in der Gruppe verspürte der Trainer allerdings nicht. "Zufriedenheit ist das bestimmende Gefühl bei mir", sagte Magath, dem speziell eines behagte: "Wir haben gezeigt, dass wir international mithalten können. Und das war ja auch unser Ziel."

Fünf Millionen Euro mehr als geplant, überschlug der 57-Jährige am Dienstagabend grob, haben die hochverschuldeten Schalker durch ihre Erfolge in der Champions League bislang eingenommen. Ein paar Euro können noch hinzukommen - zumal Schalke in der Runde der letzten 16 nun den Vorzug genießt, zunächst auswärts antreten zu dürfen. "Wir wussten, dass es ein Vorteil ist, wenn wir unsere Gruppe gewinnen und das Rückspiel im Achtelfinale zu Hause spielen", erläuterte Magath erst die Marschroute für die Lissabon-Partie und blickte dann auf die nächste Runde, die im Februar und März ausgetragen wird: "Mit dem eigenen Publikum im Rücken kann man ein Ergebnis da auch schon mal umbiegen."

Dringend umbiegen wollen die Schalker nun auch ihre schlechte Angewohnheit, einem Feiertag in Europa stets ein Trauerspiel in der Bundesliga folgen zu lassen. Das Debakel von Kaiserslautern nach dem glanzvollen Erfolg über Lyon ist dabei das bekannteste Beispiel - auch deshalb tritt am Sonntagabend der FC Hoffentlich 04 beim Liga-Zweiten Mainz (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) an. "Ich hoffe, dass uns dieser Auswärtssieg gerade in Mainz Sicherheit geben wird", sagt Magath mit ein wenig Unsicherheit - und auch seinen Schlussmann begleiten nach wie vor Zweifel. "Ich hoffe, wir haben uns jetzt stabilisiert", so Neuer.

Deutlich selbstbewusster sind die Prognosen dagegen für den internationalen Wettbewerb, in dem der Vizemeister in diesem Jahr eine manchmal wacklige, insgesamt aber solide Figur abgegeben hat. "Wir waren", erinnert Manuel Neuer an das Frühjahr 2008, "mit Schalke schon einmal im Viertelfinale der Champions League - und da wollen wir wieder rein." Das allerdings hat Neuer nicht in Lissabon gesagt. Sondern vor zwei Wochen, nach dem rasanten 3:0 über Lyon. Die Vorstellung vom Dienstag hätte solche forschen Töne auch nicht gerechtfertigt.

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