Peter Ahrens

DFB-Ethikkommission zu Tönnies Kann weg

Wie ernst nimmt der DFB den Kampf gegen Rassismus? Der Fall Tönnies war ein Lackmustest für die Ethikkommission des Verbandes. Ergebnis: Das Gremium kann man getrost auflösen.
Kumpel Clemens: Tönnies hat weiterhin bei Schalke den Hut auf

Kumpel Clemens: Tönnies hat weiterhin bei Schalke den Hut auf

Foto: Guido Kirchner picture alliance/dpa

Die Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes wurde 2016 gegründet. Ihre Aufgaben umschreibt der Verband so: "Sie überwacht den neuen Ethik-Kodex des DFB. Darin bekennt sich der DFB zu Qualität, Objektivität, Ehrlichkeit, Fairness und Integrität. Er ist verpflichtend für alle Organe, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, ehrenamtlichen Funktionsträger sowie für sämtliche Unternehmen, an denen der DFB die Mehrheit der Anteile oder Stimmrechte hält."

Man müsste also glauben, dass diese Kommission durchaus ausgelastet ist. Schließlich ist seit 2016 so einiges im Fußball passiert: Fans und Klubs streiten teilweise erbittert darüber, wer die Macht im Verein haben darf, wie zum Beispiel bei Hannover 96. Die Sommermärchen-Affäre des DFB ist bestenfalls im Ansatz aufgearbeitet, die Vorgänge um Mesut Özil brachten den DFB unter Rassismusverdacht, der Präsident Reinhard Grindel musste nach Korruptionsvorwürfen gehen, es gibt rechtsextreme Umtriebe in Fanlagern von Klubs wie dem Chemnitzer FC. Die Ethikkommission hätte eigentlich rund um die Uhr tagen können.

Aber was hörte man von dem Gremium bisher? So gut wie nichts. Als der Gründungsvorsitzende der Kommission Klaus Kinkel Ende 2017 mal eine Zwischenbilanz zog, kam als Ergebnis dabei heraus: Mit dem Streit bei Hannover 96 um die Übernahmewünsche des Klubchefs Martin Kind habe man sich nicht befasst, weil niemand auf die Kommission zugetreten sei. Bei der Sommermärchen-Affäre warte man lieber mal ab, wie sich die Dinge so entwickeln. Auch in Sachen Özil war von der Ethikkommission nichts zu hören. Im Fall Grindel bekundete der Kommissionsvorsitzende Nikolaus Schneider, man werde keine Anklage erheben: Grindels Rücktritt sei Sanktion genug.

Ja, nein, versandet

So ist der Fall um die rassistischen Äußerungen von Schalke-Boss Clemens Tönnies am Tag des Handwerks in Paderborn auch eine Art Lackmustest für die Ethikkommission des DFB gewesen. Wie ernst ist es dem Verband, wie ernst ist es diesem Gremium damit, auch Sanktionen zu fordern, wenn jemand gegen die Grundsätze des Kodex verstößt, und sei er auch noch so prominent?

Die Antwort ist mit dem heutigen Schiedsspruch gegeben: Ja, das war rassistisch, was Tönnies gesagt hat. Nein, Tönnies ist dennoch kein Rassist. Und wenn ja und nein nebeneinander stehen, dann entscheidet man sich für das milde Resultat. Dabei ging es nie darum, zu beurteilen, ob Clemens Tönnies Rassist ist oder nicht. Das stünde einer DFB-Kommission wahrscheinlich auch gar nicht zu. Es ging darum, seine eindeutigen Worte aus der Paderborner Rede zu bewerten und gegebenenfalls dafür eine Anklage zu empfehlen.

Dazu konnte sich das vierköpfige Gremium nicht durchringen. Stattdessen wurde sich vor zwei Wochen zunächst vertagt mit der Begründung, man benötige noch weitere Hintergrundinformationen. Was immer das sein mochte. Das geht aus der Begründung vom heutigen Donnerstag wahrlich nicht hervor. Sie hätte eine zusätzliche zweiwöchige Recherche nicht verlangt.

So versandet der Fall wie all die genannten Fälle zuvor. Und der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes bleibt am Ende nur noch ein Fall auf dem Schreibtisch, mit dem sie sich ernsthaft beschäftigen sollte. Er lautet: Wozu brauchen wir überhaupt noch so eine Kommission?