Schiedsspruch zu Tönnies Die verlorene Ehre des FC Schalke 04

Clemens Tönnies lässt sein Amt als Aufsichtsratsboss beim FC Schalke 04 für drei Monate ruhen. Dieser Schiedsspruch ist ein Rückschlag für die Bemühungen, Rassismus aus dem Fußball zu entfernen.

Es ist die Kohle, die zählt
Guido Kirchner DPA

Es ist die Kohle, die zählt

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Vor gerade einmal fünf Wochen hat Finanzvorstand Peter Peters auf der Mitgliederversammlung des FC Schalke 04 eine viel beachtete Rede gehalten. Er hat darin rassistische Sprüche aus der königsblauen Kurve scharf kritisiert: "Da hätte ich kotzen können vor Ekel." Über Fans, die solche Äußerungen tun, sagte er: "Eines sind diese Menschen sicher nicht: Schalker."

Man darf auf die nächste Rede von Peters gespannt sein. In der Causa um Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies war von ihm zuletzt jedenfalls nichts zu hören. Er fügt sich damit ein in das armselige Bild, das der Verein in diesen Tagen abgibt. Gipfelnd in dem Ergebnis der Ehrenratssitzung, das Amt Tönnies' für drei Monate ruhen zu lassen. Das wird den Schalke-Boss hart treffen.

Der Ehrenrat hält den Vorwurf des Rassismus für "unbegründet". Da darf man sich schon erkundigen, was denn noch passieren soll, damit dieses fünfköpfige Gremium mal etwas als rassistisch erachtet. Gekoppelt mit der Frage, ob man auf solche Begriffe wie Ehre angesichts solcher Schiedssprüche im Fußball künftig nicht besser komplett verzichten sollte. Mit solchen Worten wird das Fußballbusiness gern bemäntelt, am Ende wirken die Entscheidungen dadurch nur noch lächerlicher, im Wortsinn unehrlicher. Als ginge es in der Branche immer noch um Glaube, Sitte, Heimat. Das mag höchstens noch als Motto beim Umzug des Schützenvereins Rheda taugen. Erster Vorsitzender übrigens: Clemens Tönnies.

Hauptsache: Nicht wehtun

Tönnies ist ein wichtiger Mann für den FC Schalke 04, vielleicht ist er der wichtigste. Seit fast 20 Jahren spielt er eine Schlüsselrolle im Klub, er steht für den Millionendeal mit Gazprom, er ist mit den Fußballgranden in Deutschland genauso vernetzt wie mit der Wirtschaft. Ihn seines Amts zu entheben, wäre eine sehr schmerzhafte Entscheidung gewesen. Eine Entscheidung, die das bisherige Grundgerüst des FC Schalke erschüttert hätte. Und genau deshalb wäre es auch die richtige Entscheidung gewesen.

Für übergeordnete Werte einzustehen, sich gegen Rassismus zu engagieren, das muss wehtun, wenn man es wirklich ernst meint. Nur einen Tag, bevor der Ehrenrat seinen windelweichen Entschluss gefällt hat, hatte der Chemnitzer FC seinen Kapitän und Publikumsliebling Daniel Frahn wegen dessen Nähe zur rechten Fanszene suspendiert. Dass Chemnitz mal konsequenter handeln würde als der FC Schalke, ist eine bemerkenswerte Erkenntnis.

Videoumfrage zu Tönnies: " Man hätte ihn rausschmeißen müssen"

REUTERS

Fenster- und Sonntagsreden dazu, dass Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Sexismus keine Chance haben, kosten nichts, und man holt sich damit eine rasche gute Schlagzeile. "Klare, richtige und mutige Worte von Peter Peters" titelten die "Ruhr Nachrichten" nach der Mitgliederversammlung. Peters hat gesagt: "Wir Schalker haben uns ein Leitbild gegeben. Danach leben und danach handeln wir." Was daraus folgt, hat man dieser Tage gesehen. Als es darauf ankam.

Viele haben in den vergangenen Tagen gesagt, Tönnies habe ja recht mit seiner Aussage, er habe sich nur "unglücklich" ausgedrückt. Es geht hier aber in keiner Weise darum, ob man über Überbevölkerung in der Welt reden soll oder nicht. Es geht exakt um die Wortwahl. Weil sie ein Denken spiegelt, einen bestimmten Blick auf die Welt. Weil sie beleidigend ist.

Imagekampagnen sind nichts wert

All die Imagekampagnen, all die #Stehauf-Hashtags, all das Mein-Freund-ist-Ausländer zerbröselt zu einem Haufen Nichts, wenn solche Entscheidungen wie am Dienstag gefällt werden. Eine dreimonatige Auszeit, das ist nicht einmal ein fauler Kompromiss, das ist ein weitgehendes Einknicken vor den Machtstrukturen im Verein. Dass die Zusammensetzung dieses sogenannten Ehrenrats auch mit dem Segen des Aufsichtsrats geschieht, lässt das Urteil im Nachhinein zwar als nicht überraschend erscheinen. Das macht es aber nicht besser. Es bleibt der Eindruck: Clemens Tönnies entscheidet selbst, wie er sich zu bestrafen hat. Der Ehrenrat "nahm die Erklärung zustimmend zur Kenntnis".

Ein widerlicher rassistischer Spruch von der Tribüne ist etwas anderes als Tönnies' Äußerung. Aber die, die andere Menschen mit ihren Kurvensprüchen abwerten, dürfen sich nach der Entscheidung durchaus ermutigt fühlen. Nach dem Motto: So schlimm ist das ja auch nicht. Und die, die sich im Verein seit Jahren gegen Rassismus engagieren, werden gleichzeitig desavouiert und im Stich gelassen.

Peters hat in seiner Rede vor den Mitgliedern darauf hingewiesen, dass der Verein künftig eine Anlaufstelle einrichten werde, bei der Schalker Mitglieder rassistische Bemerkungen zur Anzeige bringen können. Er schloss mit dem Appell an die Fans: "Steht auf! Zeigt Flagge!" Die Anhänger sollten ihn beim Wort nehmen.

Eine erste Gelegenheit dazu: Samstag, 15.30 Uhr, 1. DFB-Pokalhauptrunde, SV Drochtersen/Assel gegen den FC Schalke 04.

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Seite 1
co2nogo 07.08.2019
1.
Die ganze Führung von 04 und dessen Umfeld steckt unter einer Decke. Nach dem Motto , eine Krähe hnackt der anderen Krähe kein Auge aus, wird hier nichts passieren.
LDaniel 07.08.2019
2. Rassismus
Wenn man den Rassismusbogen bis ins Unendliche spannt, findet man auch immer mehr Rassisten, gegen die man ehrenvoll kämpfen kann. Dass genau dieser Kampf gegen all jene, die mal was blödes sagen oder nicht ganz auf Linie sind, dafür sorgt, dass rechte Parteien aufblühen, werden die edlen Kämpfer des Guten wohl nie kapieren...
mr-mucki 07.08.2019
3. DFB muss nun handeln
da der S04 augenscheinlich nicht in der Lage ist seinen Worten Taten folgen zu lassen, muss nun der DFB handeln. Handelt der DFB ähnlich wie S04 dann können alle Kampagnen gegen Rassismus eingestampft werden und auch ein AFD Mitglied DFB Präsident werden. UND dann weiß auch jeder das Özil Recht hatte mit seinen Äußerungen
schwaebischehausfrau 07.08.2019
4. Dieser Schiedsspruch...
ist ein Schlag ins Gesicht für all diejenigen, die glauben, jede politisch nicht korrekte Äußerung (Tönnies) und jeden dummen Spruch (so wie im Fall von Owomoyela und Dickel) krampfhaft zu "Rassismus" aufzupumpen und zu skandalisieren versucht. Dieser Schiedsspruch ist ein ermutigendes Zeichen dafür, dass die Zivilgesellschaft anfängt, sich gegen diese durchsichtigen politisch motivierten Kampagnen zu wehren. Das macht Hoffnung....
katzenklopfer 07.08.2019
5. Eine Schande
ist das. Nichts weniger. Schämts Euch auf Schalke und an allen anderen Orten, wo Rasssismus gedeckelt, relativiert, unterstützt und propagiert wird. P.S. Bevor mensch auch noch so dumme Sachen sagt wie: "In der Sache richtig.." sollte sich mensch mal mit den tatsächlich sachlichen, eben wissenschaftlichen Überlegungen dazu auseinanderstezen....
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