Schalke-Boss Tönnies In der alten Welt

Schalkes mächtiger Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies hat wegen seiner rassistischen Äußerungen über Afrikaner um Entschuldigung gebeten. Ist damit die Angelegenheit erledigt? In keinem Fall.

Schalke-Boss Tönnies: Die Äußerungen stinken zum Himmel
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Schalke-Boss Tönnies: Die Äußerungen stinken zum Himmel

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Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider hat am Freitag gesagt: "Unsere Gesellschaft funktioniert so, dass sich ein Mensch entschuldigen kann und es danach weitergeht." Er hat das natürlich auf den mächtigen Schalke-Boss Clemens Tönnies bezogen, der sich erst rassistisch über Afrikaner geäußert und sich danach dafür entschuldigte.

Manchmal mag das so sein, wie Schneider sagt. In diesem Fall jedoch dürfte eine Entschuldigung nicht ausreichen.

In den Siebziger- und Achtzigerjahren war es in der Fußball-Bundesliga noch üblich, dass von den Rängen abwertende Sprüche über Ausländer, über Italiener, Türken, Jugoslawen, vor allem aber über Menschen mit dunkler Hautfarbe gemacht wurden. Jeder, der zum Fußball ging, hat das erlebt. Bananen flogen in die Strafräume, um Oliver Kahn zu verspotten. Es war harte Arbeit, dies aus den Stadien weitgehend herauszubekommen.

Tönnies ist immer ein Patriarch gewesen

Dass diese Arbeit längst nicht beendet ist, zeigen die herabwürdigenden Rufe gegen Spieler wie Leroy Sané und Ilkay Gündogan beim Länderspiel des DFB gegen Serbien im Frühjahr. Immerhin gibt es mittlerweile wachsame und mutige Menschen, die dagegen den Mund aufmachen oder solche Vorfälle dokumentieren.

Clemens Tönnies ist vielleicht kein Rassist, aber solche Äußerungen in einer öffentlichen Rede zu tun, lassen daran zweifeln, dass er nicht wirklich so denkt. Tönnies hat danach versichert, er stehe "für den Einsatz gegen Diskriminierung und Ausgrenzung". Mit seinen Äußerungen hat er das Gegenteil getan, er hat diskriminiert und ausgegrenzt. So etwas nicht durchgehen zu lassen, sollte Konsens in der Bundesliga sein - auch wenn am Freitag sich aus der Liga wenig überraschend kaum jemand zu dem Thema zu Wort meldete.

Clemens Tönnies lebt noch in der alten Welt. Er ist immer ein Patriarchentyp gewesen, er ist zu Hause in der Welt von Hierarchien und gewohnt, dass das, was er sagt, auch gemacht wird. So hat er seine Fleischfabrik geführt, so hat er auch immer wieder sein Amt bei Schalke 04 verstanden. Der frühere Schalke-Profi Hans Sarpei hat ihm "das Weltbild eines Großwildjägers" attestiert.

Eine Welt, in der klar ist, wo oben und unten ist

Diese alte Welt, die haben Tönnies und Co. über viele Jahre als ganz normal empfunden. Es ist eine Welt, in der der vermeintliche Herrenwitz regiert, in der man mal ganz ungestraft seine Sprüche machen kann, weil man sich sicher und unter seinesgleichen wähnt. Augenzwinkernd natürlich. Eine Welt, in der klar ist, wo oben und unten ist. Oben ist, wo die Tönnies' sind. Am Ende des Abends zündet man sich eine schöne Zigarre an. Man gönnt sich ja sonst nichts. Diese Welt war ihre Welt.

In diese Welt ist Clemens Tönnies am Donnerstag beim "Tag des Handwerks" in Paderborn noch einmal zurückgekehrt. Nach seiner Bemerkung über die Afrikaner, die im Dunkeln Kinder machen, soll es, so schreibt die örtliche "Neue Westfälische", Beifall gegeben haben.

Aber die Welt ist nicht mehr so, wie es die Honoratioren beim Paderborner "Tag des Handwerks" wähnen. Zum Glück ist sie nicht mehr so. Und wer das nicht versteht oder gar, wer das nicht akzeptieren möchte, der muss dann auch so konsequent sein und seinen Platz räumen. Seinen Platz als Vorsitzender des Aufsichtsrates von Schalke 04.



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Seite 1
cherrylady 03.08.2019
1.
Es war widerlich, was der Tönnies da abgelassen hat. Die Entschuldigung ist unglaubwürdig. Wer sowas sagt, spricht aus Überzeugung.
radusch79 03.08.2019
2. Der schwarze Kahn?
Grundsätzlich stimme ich Ihrem Kommentar ja zu. Jeder Fußballfan kennt wohl noch die Affenlaute von den Rängen, wenn schwarze Fußballspieler auf dem Platz standen. Aber ausgerechnet Oliver Kahn als Beispiel für rassistische Anfeindungen heranzuziehen? Meines Wissens nach ist er weder dunkelhäutig, noch überhaupt Ausländer.
Marc Rosenberg 03.08.2019
3. ein Fliegenschiss der Geschichte
Es wäre schön, wenn Empörungswellen und Rücktrittsforderungen nicht so inflationär auftreten würden wegen jedem noch so kleinen oder nichtkleinen Vorfall. Wer viel redet, redet auch eher mal Quatsch. Wer tut das nicht. Man kann doch wirklich mal die Kirche im Dorf lassen.
sportinlife 03.08.2019
4.
Unsere Gesellschaft funktioniert so, dass sich ein Mensch eben nicht selbst entschuldigen kann, sondern um Entschuldigung bitten kann. Ob der Bitte entsprochen wird, entscheidet der Andere.
patras 03.08.2019
5.
Dem letzten Satz stimme ich Peter Ahrens zu, Tönnies sollte soviel Anstand haben und Platz machen. Die Äußerung, die er über Afrikaner pauschal gemacht hat, zeigt aber mehr als nur Stammtischdenken. "Das darf doch wohl mal gesagt werden", diese Mentalität ist da ganz tief in den Köpfen drin. Dieses Spießertum, das sich wie selbstverständlich über alle und alles erhebt. Und das gibt es nicht nur in der "Liga" eines Tönnies, die meinen sie wären was Besseres, die geistert in den Köpfen von ganz unten bis ganz oben herum. Als ob es auf den die Hautfarbe ankommt, wie viele Kinder man in die Welt setzt.Die Aussage Tönnies beinhaltet ja, dass man faul ist und sexbesessen, wenn man eine dunkle Hautfarbe hat und dazu noch verantwortungslos. Auf einen ganzen Kontinent bezogen. Das ist Rassismus in Reinkultur, der tief im Gehirn verankert ist. Wie kommt man dann dazu, das als Altherrenwitze abzutun? Und wo sind die Stimmen im DFB? Wieso soll für sowas eine einfache Entschuldigung reichen? Ich habe wirklich gedacht, dass diese Zeiten vorbei wären, diese unseligen, die ich noch aus der Kindheit kenne. Sind sie aber nicht, wir sind noch mittendrin.
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