Fan-Demo gegen Tönnies "Schalke ist kein Schlachthof"

Beim FC Schalke hadern viele Anhänger mit der Außendarstellung ihres Vereins - und fordern Konsequenzen: den Rücktritt von Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies.
Anti-Tönnies-Plakat in Gelsenkirchen

Anti-Tönnies-Plakat in Gelsenkirchen

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INA FASSBENDER/ AFP

Wenn am Samstag um 15.30 Uhr das letzte Schalker Saisonspiel beim SC Freiburg angepfiffen wird, werden sich das wohl viele Anhänger der Königsblauen nicht im Fernsehen anschauen. Die einen, weil sie nach den desaströsen Leistungen der zweitschlechtesten Rückrundenmannschaft etwas Besseres zu tun haben. Die anderen, weil sie nach den jüngsten Schlagzeilen um ihren Aufsichtsratsvorsitzenden, den Fleischgroßhändler Clemens Tönnies, Probleme haben, ihre Identifikation mit dem Verein auszuleben.

Katharina Strohmeyer gehört zu den Menschen, für die beides gilt. Doch weil sie seit 22 Jahren Mitglied im Verein und der Meinung ist, dass "Resignation nicht weiterhilft", hat sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten Stefan Barta, Mitglied seit 1991, eine Demonstration unter dem doppeldeutigen Motto "Schalke ist kein Schlachthof - gegen die Zerlegung unseres Vereines" angemeldet.

Schalke-Fans Stefan Barta, Katharina Strohmeyer

Schalke-Fans Stefan Barta, Katharina Strohmeyer

Foto: Picasa

Die Kundgebung beginnt zeitgleich zum Anpfiff in Freiburg und ist als Menschenkette rund um das Vereinsgelände "Berger Feld" geplant. Da man sich coronabedingt nicht an den Händen halten darf, soll blau-weißes Flatterband die Demonstrierenden verbinden. Zu Beginn der zweiten Halbzeit soll eine "La Ola" gestartet werden. "Die Veranstaltung endet um 17.15 Uhr mit dem Singen des Vereinsliedes 'Blau und Weiß, wie lieb ich dich'", heißt es im Aufruf.

"Wir schämen uns für unseren Verein"

Dass Strohmeyer und Barta den Verein lieben, steht außer Frage, umso mehr hat sie die Entwicklung der vergangenen Jahre schockiert. "Die Schlagzahl der Katastrophenmeldungen ist aber mittlerweile so hoch, dass wir uns regelrecht für unseren Verein schämen", sagt Strohmeyer und meint damit nicht die sportliche Situation, sondern das Geschehen abseits des Platzes in dieser Saison:

"Da wären die rassistischen Äußerungen des Aufsichtsratsvorsitzenden Tönnies über Afrikaner oder die Entlassung von Geringverdienern als Sparmaßnahme. Und jetzt über 1500 Infizierte in seiner Fleischfabrik." Nein, stolz könne sie auf ihren Verein nicht mehr sein. Doch das sei nicht mal das Schlimmste, erzählt die 36-Jährige unter Verweis auf die Fans von Borussia Dortmund im Bekanntenkreis: "Die spotten nicht mal mehr oder attackieren uns verbal - sie bemitleiden uns. Und sie haben auch noch Recht mit dem, was sie sagen. Das ist wirklich die Höchststrafe."

Vieles an den Schalker Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre lastet Strohmeyer Clemens Tönnies persönlich an. Dank seiner Machtfülle habe er sich als Aufsichtsratsvorsitzender ständig ins operative Geschäft eingemischt und deshalb auch den finanziellen wie sportlichen Niedergang des Vereins mitzuverantworten: "19 Trainer und fünf Sportvorstände in der Ära Tönnies, für die wir größtenteils Abfindungen zahlen mussten oder noch müssen", sagt Strohmeyer. "Der blau-weiße Schuldenberg trägt seine Handschrift."

Tatsächlich ist Schalke in der Coronakrise auf die Hilfe von Banken angewiesen, das fast 100 Millionen Euro teure Bauprojekt "Berger Feld" am alten Parkstadion soll trotzdem durchgezogen werden (Lesen Sie hier mehr zur finanziellen Situation des Klubs). Sportlich verpasst der Klub zum zweiten Mal in Folge den Europapokal, dafür sind die Personalkosten zu hoch. Immerhin: Die Schalker Arena ist seit einem Jahr abbezahlt.

Tönnies ist für viele Fans nicht mehr tragbar

Das Fass zum Überlaufen hätten für Strohmeyer jedoch die Schlagzeilen der vergangen Tage gebracht. Die Nachrichten über die Arbeitsbedingungen in den Schlachtbetrieben von Tönnies, die die rasante Ausbreitung des Coronavirus in den Landkreisen Gütersloh und Warendorf erst möglich gemacht hätten. Auch Menschen, die sich nicht für Fußball interessierten, stellten da die Frage, wie jemand, der von der Politik für sein Versagen haftbar gemacht werden soll, noch die Geschicke ihres Vereins leiten könne.

Strohmeyer, die selbst nur 40 Kilometer von der Fleischfabrik entfernt wohnt, ist verbittert: "Mehr als 1.500 infizierte Menschen, von denen womöglich mehrere die Erkrankung nicht überleben werden – und zwei ganze Landkreise, in denen die Menschen jetzt die Zeche für den Corona-Ausbruch im Schlachthof zahlen müssen" - all das habe Tönnies billigend in Kauf genommen.

Nun weiß auch Strohmeyer, dass Tönnies erst im vergangenen Jahr wiedergewählt wurde, mit 70 Prozent der Stimmen, was allgemein als gutes Ergebnis gewertet wurde. Und sie weiß, dass er nach wie vor Rückhalt in Teilen der Mitgliedschaft genießt - auch wenn es vermutlich keine Mehrheit für eine von Tönnies favorisierte Ausgliederung des Vereins gäbe. Doch Strohmeyer ist überzeugt, dass sich die Stimmung auf Schalke seit dessen Wiederwahl fundamental gedreht hat: "Wir bekommen viel Zuspruch von Fans, die regelrecht erleichtert sind, dass wir jetzt die Demo angemeldet haben. Sie wollen einen Neuanfang mit anderen Personen an der Vereinsspitze und sagen: Endlich geht es los, endlich nimmt es jemand in die Hand."

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