Clemens Tönnies und Schalke 04 Personalie mit Sprengkraft

Schalke geht es schlecht, sportlich und finanziell. Clemens Tönnies hat sich als Retter ins Spiel gebracht, rund um den Verein sorgt das für Unruhe.
Clemens Tönnies

Clemens Tönnies

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Neundorf/Kirchner-Media/ imago images/Kirchner-Media

Der FC Schalke 04 braucht Geld. Das hat er gemein mit allen anderen Klubs, sogar die Bayern stöhnen ein wenig aufgrund der gesunkenen Einnahmen in der Pandemie. Schalke aber stöhnt deutlich lauter, die missliche Lage des Klubs ist bestens dokumentiert, etwa in einem Konzernzwischenbericht, der einen Schuldenstand von mehr als 200 Millionen Euro ausweist.

Auch die Herabstufung der Kreditwürdigkeit im Juli 2020 war ein Alarmsignal, genau wie die Mitteilung des Klubs, dass ein Kredit mit einer Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen besichert wird.

Die Frage, woher die Schalker Geld nehmen sollen, um in schlimmer Finanzlage aus schlimmster sportlicher Lage – Tabellenletzter der Bundesliga mit nur vier Punkten nach 14 Spielen – herauszukommen, liegt auf der Hand.

Die Antwort liegt auch auf der Hand: Clemens Tönnies.

Der reiche Fleischunternehmer sprang immer wieder mal ein. Allerdings, das versichern mit dem Thema bestens vertraute Menschen, nie als netter Onkel, der dem klammen Neffen mit einer großzügigen Spende unter die Arme greift.

Tönnies habe als Mitglied des Aufsichtsrates stets Kredite gewährt oder Sponsoringverträge vermittelt, auch mit Firmen, die ihm zu beträchtlichem Teil selbst gehören. Die Geschäfte segnete der Aufsichtsrat des FC Schalke 04 ab, dem Tönnies bis Sommer 2020 vorsaß. Dann trat er zurück. Offiziell, weil er sich ganz um das Fleischunternehmen kümmern wolle, das schon jahrelang wegen widriger Arbeitsbedingungen, nun aber vor allem wegen der hohen Zahl an Mitarbeitern in den Schlagzeilen war, die sich im Zerlegebetrieb mit dem Coronavirus infiziert hatten.

In Fan-Kreisen hatte sich schon länger starker Unmut gegen den Patriarchen breitgemacht, vor allem nach rassistischen Äußerungen im Jahr 2019. Damals ließ Tönnies seine Ämter für drei Monate ruhen, kam dann noch mal zurück, doch in der Öffentlichkeit war Tönnies' Ansehen schwer beschädigt.

»Tönnies ist ein Narzisst«

Als dann im Sommer der Rückzug bekannt wurde, hielten das viele im Schalke-Umfeld für eine gute Lösung, für manche war es eine Erlösung. Die letzte Gruppe ballt seit einigen Tagen die Fäuste in der Tasche, denn sie fürchtet, dass Tönnies zurückkommen und sich als Retter des Klubs gerieren will.

»Schalke darf niemals wieder den Fehler machen, sich in Abhängigkeit eines Clemens Tönnies zu begeben und somit in einen Teufelskreis zu gelangen«, schreibt etwa die Gruppe »Schalke nur als e.V.!«, der einflussreiche Fans angehören.

Stefan Barta ist ein Fan, der kurz vor dessen Rückzug eine große Demonstration gegen Tönnies organisierte. Er ist einer der schärfsten Kritiker des einstigen Herrschers. »Ich glaube, dass Clemens Tönnies ein Narzisst ist, dem es meiner Meinung nach nie wirklich nur um Schalke ging, sondern mehr um sich selbst«, sagte Barta im Gespräch mit dem SPIEGEL. Er spricht sich rigoros dagegen aus, über neuerliche Kreditangebote von Tönnies nachzudenken. Barta fürchtet eine Spaltung des Vereins, sollte Tönnies wieder eine wichtige Rolle spielen, und sei es als Kreditgeber.

An geschenktes Geld glaubt niemand

Dass der Unternehmer dem Klub Geld schenken wird, hält ein ehemaliger Mitarbeiter für ausgeschlossen: »Das hat er doch nie gemacht.« Möglich wäre auch, dass Tönnies die vorhandenen Sponsoringverträge erhöht oder neue abschließt. Davon, so ist aus dem Verein zu hören, sei aber nicht die Rede.

Ein Kredit von Tönnies als einzige Möglichkeit, um an Geld zu kommen: Dieser Eindruck entsteht, befeuert durch Medienberichte. »Tönnies ist Schalkes letzte Chance!«, kommentierte die »Bild«-Zeitung das Hilfsangebot, das indirekt über ein kurz vor dem Jahreswechsel veröffentlichtes Interview bei RTL/n-tv publik geworden war. Der Unternehmer, so berichtet »Bild«, habe seine Unterstützung an die Bedingung geknüpft, dass der Aufsichtsrat einstimmig annehme.

Nach Informationen des SPIEGEL ergaben Vorgespräche, die ein paar Wochen zurückliegen, dass es eine solche Einstimmigkeit nicht geben werde. Auf der Geschäftsstelle sollen sogar personelle Konsequenzen angekündigt worden sein, sollte der Klub einen Kredit – im Gespräch sei eine Summe »im niedrigen achtstelligen Bereich« – von Tönnies annehmen und die Schuldenlast so noch weiter erhöhen.

Zunächst soll über andere Wege Geld her

Es gebe andere Wege, um an Geld zu kommen, etwa durch Spielerverkäufe oder Lizenzverkäufe in der Esports-Sparte. Dort sollen Erlöse von zehn bis 20 Millionen Euro möglich sein. Diese Haltung, zunächst auf anderen Wegen als mit Fremdkapital Einnahmen zu generieren, sei im Aufsichtsrat verabredet worden.

Dem Kontrollgremium gehören elf Männer an, einige von ihnen gelten als eng verbandelt mit Clemens Tönnies. Der Aufsichtsrat ist sehr mächtig im Verein, denn er entscheidet über alle wichtigen (und teuren) Rechtsgeschäfte, außerdem benennt und entlässt er die Vorstände.

Jochen Schneider, für Sport und Kommunikation zuständig, sang am Sonntag in der Sendung »Sky90« eine Hymne auf Clemens Tönnies. Obwohl es ältere Aussagen gibt, dass auch der Vorstand die Drähte zu Tönnies gekappt lassen will, sagte Schneider zu einem Hilfsangebot: »Die Frage müssen wir intern beantworten.« Clemens Tönnies als vermeintlicher oder verschmähter Retter – beide Rollen dürften ihm gefallen.

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