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02. Juli 2017, 10:54 Uhr

Confed-Cup-Finale

Das Skandal-Stadion von Sankt Petersburg

Aus Sankt Petersburg berichtet

Die Fußball-WM 2018 in Russland wird eines der teuersten Sportereignisse der Geschichte. Das Stadion von Sankt Petersburg ist das Symbol dieses Gigantismus. Viele Arbeiter haben bis heute ihren Lohn nicht bekommen.

Iwan Grigorjew hat genug. Er will nicht mehr um seinen Lohn betteln müssen. Nach vier Monaten hat der Vorarbeiter die Stadion-Baustelle auf der Krestowski-Insel am Finnischen Meerbusen in Sankt Petersburg verlassen. Er habe es satt gehabt, immer wieder hingehalten zu werden: Morgen werde es Geld geben, wirklich. Um dann einen Tag später doch wieder ohne Lohn heimzugehen.

673 Millionen Euro hat das Stadion von Sankt Petersburg offiziell gekostet. Tatsächlich dürfte die Summe weitaus höher liegen, je nach Umrechnungskurs und je nachdem, was von den neuen Anlagen und Metrostationen nahe der Arena noch eingerechnet wird. Die Anti-Korruptions-Stiftung des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny spricht von mehr als 750, Transparency International von über 800 Millionen Euro.

Damit ist das Stadion eines der teuersten der Welt. Wie kein zweites Bauwerk symbolisiert es Russlands Koste-es-was-es-wolle-Politik: Hauptsache groß, mehr als 68.000 Plätze umfasst die Arena; Hauptsache aufwendig, das Stadion verfügt über ein schließbares Dach und ein ausfahrbares Spielfeld, das man eigentlich aus dem Stadion rollen könnte, wenn auf dem dafür vorgesehenen Platz nicht die Pressepavillons gebaut worden wären. Nicht die einzige Fehlplanung: Bereits vor dem Beginn des Confed Cup musste der nicht wachsende Rasen ausgetauscht werden.

Hauptsache, der Fußball rollt in Wladimir Putins Heimatstadt; Hauptsache, Russland kann sich in Zeiten des Ukraine- und Syrienkriegs der Welt als guter Gastgeber präsentieren. Am Sonntag wird in dem Vorzeige-Stadion nun das Finale des Confed Cups angepfiffen, Deutschland spielt gegen Chile (20 Uhr, High-Liveticker, SPIEGEL ONLINE).

Generalprobe wirklich bestanden?

Das Turnier ist bisher recht reibungslos vonstattengegangen: Die vier Stadien funktionieren weitgehend, ebenso die Organisation mit den vielen Freiwilligen, den Sicherheitsmaßnahmen und dem Transport der überwiegend russischen Fans. Allerdings waren die Spiele auch nur selten ausverkauft. Alles läuft, das werden die Organisatoren nicht müde zu betonen. So, als wäre mit der Generalprobe für die WM all das vergessen, was vorher war.

Vorarbeiter Grigorjew kann und will das nicht. Er ist einer der wenigen, der auch zweieinhalb Jahre, nachdem er das Stadion verlassen hat, nicht schweigt. Er versucht sogar, seinen Lohn mit fünf anderen einzuklagen, trotz Drohungen per Telefon.

Seit zweieinhalb Jahren warte er auf 170.000 Rubel, sagt der 25-Jährige. Nach heutigem Wechselkurs sind das etwa 2500 Euro. Er sagt, das sei nicht nur sein Lohn, sondern auch das Geld, das er anderen auf der Baustelle zahlte. Die Männer hätten nichts mehr gehabt, um ihr Essen zu bezahlen. Als Vorarbeiter hatte der Schweißer mehr als 60 Mann unter seiner Verantwortung. Also habe Grigorjew Freunde angepumpt, damit er und die anderen irgendwie über die Runden gekommen seien.

Damals glaubte der junge Mann noch an eine Karriere in der Baubranche, er glaubte, seinem Land zu neuem Glanz verhelfen zu können. In Sotschi baute er vor den Olympischen Winterspielen 2014 an einem Tunnel mit, im Stadion von Sankt Petersburg verlegte er Ende 2014 Wasserleitungen. Heute will Grigorjew mit staatlichen Bauprojekten nichts mehr zu tun haben. Er fährt Taxi in einem Ort südwestlich von Sankt Petersburg.

"Das ist ein Desaster"

Zehn Jahre wurde an dem Stadion in Sankt Petersburg gebaut, das 2007 ursprünglich als Heimat für den Klub Zenit konzipiert wurde. Die damals veranschlagte Bausumme: 190 Millionen Euro.

Viele berichten von Chaos auf der Baustelle. Gazprom zog sich als Geldgeber aus dem Projekt zurück, Auftragnehmer wechselten, mal wurde etwas Lohn bar ausbezahlt, dann monatelang nicht. Gelder versickerten, in Dokumenten allgemein als Beratungshonorar klassifiziert.

"Die Planungsarbeiten liefen parallel zu den Bauarbeiten", erzählt Dimitrij Sucharew von Transparency International, selbst zehn Jahre in der Baubranche aktiv. Statt Stahl wurde schon einmal billigerer Beton verbaut, ohne dass dies zunächst bekannt wurde, der Preis aber blieb derselbe. "Das Stadion zeigt, wie ineffizient der Staat solche Vorhaben handhabt, wie teuer und sinnlos er baut" sagt Sucharew, "das ist ein Desaster."

1500 Bauarbeiter arbeiteten Tag für Tag für das Vorzeigeobjekt des WM-Gastgebers. Mehrmals wurde die Arena im laufenden Prozess umgebaut. Menschen wie Grigorjew machten es möglich, dazu viele Gastarbeiter aus Zentralasien und der Ukraine. Die meisten von ihnen schufteten ohne Verträge, rund 90 Prozent schätzt Transparency International. Und selbst wenn sie Verträge hatten wie Grigorjew, waren diese das Papier kaum wert. Denn die Männer waren nicht bei dem Hauptbaukonzern angestellt, sondern bei einer Subfirma.

Kein Lohn, keine ausreichende Arbeitskleidung

Grigorjews Anwalt Arkadij Tschapligin nimmt ein Blatt und malt Kreise auf: oben der Auftragnehmer, unten eine Personalfirma. Diese hat Arbeiter wie Grigorjew rekrutiert, seinen Vertrag hat er aber von einer dritten Firma bekommen, die wiederum soll - zumindest offiziell - nichts mit den anderen Unternehmen zu tun haben. Über großes eigenes Kapital verfügt diese Subsubfirma angeblich nicht, sagt der Anwalt. Er vermutet, dass dieses System extra erschaffen wurde, um die Arbeiter um ihren Lohn zu bringen. Wo das Geld heute ist? Niemand weiß es.

Der Verantwortliche des Subsubunternehmens hat sein Handy ausgeschaltet, er soll sich in Kasachstan aufhalten. Andere Geschäftsführer der beteiligten Firmen sitzen wegen Verdachts auf Korruption in Haft; Beamte, so heißt es, sollen Schmiergelder angenommen haben; der ehemals verantwortliche Vizegouverneur sitzt wegen angeblichen Betrugs im Gefängnis.

An Grigorjews Lage hat dies nichts geändert. Er erzählt, wie schlecht die Bedingungen für die Arbeiter gewesen seien - und zwar für alle, nicht nur für die Nordkoreaner, die ebenfalls auf der Baustelle als Sklavenarbeiter schufteten. Einer von ihnen kam sogar ums Leben. Es habe keine Toiletten für die einfachen Arbeiter gegeben, nicht ausreichend warme Arbeitskleidung. Human Rights Watch hat den Fußballweltverband Fifa für die Bedingungen auf den Stadionbaustellen scharf kritisiert.

Lob der Zenit-Fans

WM-Cheforganisator Witali Mutko sagt, die russische Regierung sei nicht dafür zuständig, welches Personal die Subbauunternehmer einsetzten (lesen Sie hier das Interview). Damit macht es sich der Vizepremier recht einfach. Er kann darauf bauen, dass Fußballfans schnell vergessen. Und tatsächlich: Eingefleischte Zenit-Fans wie Boris Kirillow sind erleichtert, dass das Stadion nun in Betrieb ist. "Die ganze Fußballwelt hat sich über uns lustig gemacht, das ist jetzt vorbei."

Auch Igor Schadenkow lobt das Stadion für seine "grandiose Konstruktion". Die Arena nennt der Fan liebevoll Ufo. Daran erinnert der Bau abends, wenn er erleuchtet wird. Dass der Klub Zenit plant, mindestens noch einmal fünf Milliarden Rubel, also knapp 74 Millionen Euro, in das Stadion zu investieren, will Schadenkow lieber nicht kommentieren.

Behörden wollen für Ruhe sorgen

Wenn Grigorjew, der Ex-Bauarbeiter, diese Summen hört, schüttelt er nur mit dem Kopf. "So viel Geld, Unsummen, kaum vorstellbar." Die Staatsanwaltschaft hat Grigorjew und seinem Anwalt mitgeteilt, man sehe keine Grundlage für ein Verfahren. Dabei hat er abgezeichnete Stundenzettel vorgelegt, um seine Arbeit zu dokumentieren. Der Jurist vermutet, dass die Behörden so kurz vor der WM für Ruhe sorgen sollen.

Grigorjew will nicht aufgeben. Er hat Beschwerde eingelegt, ihm gehe es ums Prinzip. "Wenn die Behörden keine Grundlage sehen, an wen soll ich mich bitte sonst wenden?"

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaya

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